Bio-Produkte im Aufwind

Wird 20-Prozent-Ökolandbau-Ziel für 2030 erreichbar?

Die Ökofläche hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. 2019 wurde die 10-Prozent-Schwelle erstmals überschritten. Für die nächste Verdopplung sind damit doch sehr hohe Wachstumsraten nötig

In Deutschland gingen im Jahr 2019 biologisch erzeugte Produkte für fast 12 Mrd. Euro über den Ladentisch, etwa 9,7 % mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig stellen regionale Direktvermarkter aktuell eine deutlich angestiegene Nachfrage fest. Dirk Gieschen, Agrarexperte und Initiator der Website agrar-trends.de, erklärt die Hintergründe dieser beiden Trends und den Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.

Welche Rolle spielen regional erzeugte Lebensmittel in Zeiten der Corona-Pandemie?

Dirk Gieschen: Die deutsche Bundesregierung hat die Landwirtschaft im Rahmen des Corona-Pakets zur systemrelevanten Infrastruktur erklärt. Ziel ist die Sicherstellung der Lebensmittelkette von der Urproduktion bis zum Verbraucher. Der Fokus liegt also auf einer gut funktionierenden Lebensmittelversorgung durch eine regionale Landwirtschaft, die auch im Beschaffungsbereich möglichst autark ist. Wir erleben derzeit, wie schwierig eine solche Krisensituation für andere Länder ist, die einen geringeren Selbstversorgungsgrad haben und entsprechend stark vom Weltmarkt abhängig sind.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Kaufentscheidungen der Verbraucher im Lebensmittelbereich?

Gieschen: Vielen Verbrauchern wird gerade klar, wie wichtig die Stärkung regionaler Anbieter ist, um auch in Krisenzeiten die Verfügbarkeit bestimmter Lebensmittel sicherzustellen. Der zu Beginn der Corona-Krise nicht ganz störungsfreie Warenverkehr an den Grenzen hat gezeigt, wie wichtig ein hoher Selbstversorgungsgrad ist. Hofläden und andere Direktvermarkter - besonders die, die ihr Produktsortiment bereits online anbieten - erleben gerade einen sprunghaften Nachfrageanstieg. Viele Verbraucher kaufen gerade ganz bewusst regional, um die Landwirtschaft und die Direktvermarkter vor Ort zu stärken.

Hat diese Entwicklung auch Einfluss auf die steigende Nachfrage nach biologisch erzeugten Lebensmitteln?

Gieschen: Für die gestiegene Nachfrage nach Bio-Produkten sehe ich andere Gründe. Neben einem altersübergreifenden Trend in kaufkraftstarken Zielgruppen zur bewusst natürlichen Ernährung wächst derzeit eine Generation junger Menschen heran, die sich kritisch mit den bestehenden Systemen auseinandersetzen und diese hinterfragen. Das gilt nicht nur für den Bereich Umweltschutz und die "Fridays for Future"-Bewegung, sondern für das Thema Nachhaltigkeit insgesamt. "Bio" liegt in dieser Zielgruppe hoch im Kurs. Genau diese Generation trifft mittlerweile - und künftig deutlich zunehmend - eigene Kaufentscheidungen unter genau diesen Aspekten. Ich erwarte daher für die kommenden Jahre eine deutlich ansteigende Nachfrage nach biologisch erzeugten Produkten.

Was bedeutet dieser Trend für die deutsche Landwirtschaft - wird das politische Ziel von "20 Prozent Ökolandbau in 2030" damit schneller erreicht?

Gieschen: Genau diese Entwicklung ist zu erwarten. Die Anbaufläche des Ökolandbaus hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. 2019 wurde die 10-Prozent-Schwelle erstmals überschritten. Für die nächste Verdopplung sind damit doch sehr hohe Wachstumsraten nötig.

Von der Verbraucherseite und auch seitens des Lebensmitteleinzelhandels wächst das Interesse an Bioprodukten zunehmend. Jetzt ist die Politik gefordert, dafür zu sorgen, dass diese Bioprodukte künftig auch zum hohen Anteil aus dem deutschen Ökolandbau kommen und nicht aus Kostengründen importiert werden. Hierfür müssen die Landwirte von der Politik und von den Vermarktern Rahmenbedingungen bekommen, mit denen sie die Umstellung auch finanziell schaffen können.

Ich bin mir sicher, dass die Bereitschaft zur Umstellung auf vielen landwirtschaftlichen Betrieben gerade im Generationswechsel deutlich wächst. Doch viele angehende Betriebsleiter haben Angst, vom Regen in die Traufe zu kommen und als Ökobauern unter den gleichen Preisdruck zu geraten, dem sie eigentlich entfliehen wollten. Das ist der Hemmschuh für das Wachstum des Ökolandbaus in Deutschland.


Diskussionen zum Artikel

von Andreas Schäfer

von Bernd Müller

Noch mehr Abhängigkeit!

Je mehr Bioanbau umso mehr Abhängigkeit von Importen!! Man sollte sich gerade in der aktuellen Situation mal Gedanken machen, ob es noch sinnvoll ist immer mehr Bioanbau zu fordern...

von Hans-Gottfr. Gresshöner

Sonst keine Probleme!

Wir haben im Augenblick ganz andere Probleme,als über 20% Biolandwirtschaft nachzudenken! Reihenweise sind Unternehmen durch Covid 19 in Schwierigkeiten geraten und denen muss geholfen werden,weil die Arbeitsplätze vorhalten und Steuern zahlen! Und wir sind erst am Anfang der ... mehr anzeigen

von Gerhard Steffek

Weltwirtschaft!

Lass diese jetzt im Rahmen der Corona-Krise einmal ordentlich einbrechen, dann ist die kaufkräftige Klientel auch über dem Jordan, steht auf der Straße. Der Hype um Bio kann schnell dahin sein, denn beim Geld hört sich trotz aller Beteuerungen doch immer schnell die Freundschaft auf. ... mehr anzeigen

von Wilhelm Grimm

Lächerlich

20% wollte Frau Künast bereits vor 20 Jahren erreicht haben. Und dann wären da noch die schlechte Klimabilanz und die weit überhöhten Subventionen. Wenn einzelne Betriebe die Blödheiten des Staates für sich sinnvoll einsetzen, ist das okay. Zur Weltenrettung und zur Diffamierung ... mehr anzeigen

von Rudolf Rößle

Bio

Betriebe die an den Start gehen werden, sind die Betriebe, die nicht in erster Linie Direktvermarkter sind. Daher ist Preisdruck auf den Biosektor zu erwarten. Schick muss es werden im Hofladen einzukaufen, sonst gefährden wir die "alten Biobauern".

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