Rechtsruck?

Ärger nach Protestaktion: Bauern stellen Fahne der Landvolkbewegung nach

Bauern hatten letzte Woche die Fahne der umstrittenen, da rechtsnahen Landvolkbewegung von 1929 mit Treckern nachgestellt. Bauernverband und LsV sind sehr verärgert.

Eine Aktion von rund 500 Landwirten in Nordfriesland hat für Ärger gesorgt. Am Donnerstag hatten die Bauern mit 330 beleuchteten Schlepper auf einem Feld die Fahne der Landvolkbewegung („Pflug und Schwert“) von 1929 nachgebildet; die regionalen Zeitungen berichteten.

Der NDR schrieb dazu nach einem Gespräch mit einem Historiker: "Vor rund hundert Jahren war diese Bewegung für Bombenanschläge in Schleswig-Holstein verantwortlich. Sie gilt als nationalistisch, antisemitisch und völkisch."

Für den Präsidenten des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, Werner Schwarz, ist die Verwendung des Symbols der Landvolkbewegung nicht tolerierbar. „Davon distanzieren wir uns ohne Einschränkung“ betont Schwarz. Ein Symbol, das an eine gewalttätige und spalterische Bewegung erinnere, deren Verhältnis zum Nationalsozialismus wenigstens zweideutig sei, sei nicht akzeptabel. „Damit werden wir auch unserer besonderen historischen Verantwortung als Deutsche nicht gerecht“, sagte er.

Gleichzeitig nahm er den Berufsstand gegen die Verdächtigung in Schutz, sie würden rechtem politischen Gedankengut anhängen. „Von vielen Versammlungen und persönlichen Gesprächen kenne ich unsere Bauern“, so Schwarz, „das entspricht nicht ihrer Geisteshaltung“.

Auch der Vorstand von Land schafft Verbindung Deutschland, Dirk Andresen, Frank Böcker, Christoph Plass und Johannes Wagenbach äußerten ihr Unverständnis. Sie mahnen, dass keine unbedachten Aktionen ins Leben gerufen und durchgeführt werden dürften, die letztendlich dem gesamten Berufsstand schaden. „Wir alle machen das Bild des Landwirts in der Öffentlichkeit aus und beeinflussen durch unser Auftreten auch die Bereitschaft der Politik zum fairen und offenen Dialog, den wir herbeiführen wollen.“

Soweit LsV bekannt sei, werde durch einige Landwirte zur „Berliner Woche“ aufgerufen, in der ab heute in Berlin durch diverse Aktionen auf Missstände aufmerksam gemacht werden soll. Land schafft Verbindung Deutschland sei weder Initiator noch Organisator dieser Aktionen und sei auch nicht an der Planung beteiligt, betont der LsV-Vorstand. Für die Nachbildung der Landvolkfahne sei die Führung der Initiatoren der „Berliner Woche“ verantwortlich. „Dieses Symbol hat eine äußerst umstrittene Bedeutung, da es historisch mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird. Land schafft Verbindung Deutschland distanziert sich daher ausdrücklich von der Verwendung dieser Symbolik“, heißt es in dem Schreiben von Land schafft Verbindung.

„Für uns ist es eine absolute Selbstverständlichkeit, dass wir uns zu Rechtsstaat und Demokratie bekennen. Wir als LSV betonen hiermit noch einmal in aller Deutlichkeit, dass wir kein in irgendeiner Art radikales, antisemitisches, fremden- oder demokratiefeindliches Gedankengut oder gewaltbereites Auftreten in unseren Reihen dulden!“ Stattdessen wolle man zusammen mit der Gesellschaft, der Politik und der Landwirtschaft einen neuen gemeinsamen Weg finden und konstruktiv gehen. Dies sei aber nur möglich, wenn sich alle politisch und gesellschaftlich achtsam und fair verhalten.

Politiker sehen Grenzen überschritten

SPD-Fraktionsvorsitzender Ralf Stegner empfahl im NDR, dass die Bauern keine Symbole wählen dürften, die in der Geschichte ganz klar für Antisemitismus, für antidemokratische Strukturen, für Terrorismus und für Unterstützung der Nazi-Bewegung standen. Er weist darauf hin, dass die Nationalsozialisten in Schleswig-Holstein früh Mehrheiten gehabt hätten - auch dank der Landvolkbewegung.

Und der CDU-Landtagsabgeordnete Heiner Rickers - selbst Landwirt - sagte, dass damit die Grenzen des guten Geschmacks und des sachlichen Austauschs verlassen worden seien. Oliver Kumbartzky von der FDP forderte, dass sich die Landwirte von rechtem Gedankengut distanzieren und mahnte neue Hilfen von EU und Bundesregierung für die Landwirtschaft an. Der Grünen-Kreisverband Nordfriesland bezeichnete die Symbolik als nicht hinnehmbar. Die Organisatoren müssten sich fragen lassen, was sie im Schilde führten.

Das sagen die Initiatoren

Die Macher argumentieren dagegen, der Pflug symbolisiere die Verbundenheit zu Grund und Boden, der Pfeil stehe für den Aufstand der Bauern. "Damals ging es den Landwirten auch schlecht. Da gab es finanzielle Sorgen, Steuerlasten, und und und", sagt Landwirt Jann-Henning Dircks aus Norderfriedrichskoog dazu. Die Fahne symbolisiere für ihn und seine Kollegen den Zusammenhalt der Landwirte. "Was daraus geworden ist, da mag jeder die Geschichte anders interpretieren." Er betont aber: "Wir distanzieren uns von jeglichem nationalsozialistischen Hintergrund und von jeglicher Gewalt."

Landwirt Dircks und seine Kollegen fühlen sich missverstanden und ungerecht behandelt. "Ich finde es beschämend, dass Politiker aller Couleur auf uns einpeitschen und dem Mainstream folgen, ohne mit uns zu reden", sagte er dem NDR. Er bedauere den Einsatz des Symbols nicht und sehe auch keinen Grund dafür, sich zu entschuldigen: "Das sollte noch nicht mal eine politische Botschaft sein".

Freie Bauern halten Distanzierung für historisch unbegründet

Mit Erstaunen reagiert Reinhard Jung, Referent für Politik und Medien beim Verein "Freie Bauern", auf die Diskussion. „Wir machen Berufspolitik heute und wir verwenden für unsere Aktionen unser Logo – aber wenn Bauernverband und LSV jetzt meinen, sie müssten sich von der schwarzen Fahne mit Pflug und Schwert distanzieren, so zeigt das mangelnde historische Kentnisse“, so Jung, der seinen Betrieb in Lennewitz in Brandenburg bewirtschaftet.

Reinhard Jung

Reinhard Jung (Bildquelle: privat)

Wie er in einer Mitteilung schreibt, habe er während seines Geschichtsstudiums vor dreißig Jahren an dem Thema gearbeitet. „Das Landvolk war eine bäuerliche Protestbewegung, die sich nicht von den Nationalsozialisten vereinnahmen ließ. Deshalb untersagte die NSDAP Doppelmitgliedschaften und deshalb machten die führenden Köpfe des Landvolks auch keine Karriere im Dritten Reich.“

Die wichtigsten Forderungen des Landvolks von 1928 wären auch aus heutiger Sicht berechtigt, argumentiert Jung: „Die Bauern wollten Umschuldungen, Senkung der Steuerlasten und vor allem wollten sie, dass keine billigen Lebensmittel mehr aus Übersee eingeführt werden.“

Im Rückblick habe die Landvolkbewegung strategische Fehler gemacht, räumt der studierte Historiker und gelernte Landwirt ein: „Aber für den wachsenden Zuspruch der NSDAP auf dem Lande war vor allem die Ignoranz der Reichsregierungen gegenüber den Bauern verantwortlich sowie die falsche Politik der Bauernverbände, die dafür sorgten, dass Staatshilfen vor allem den unwirtschaftlichen Großbetrieben Ostelbiens zugute kamen.“ Wenn heute bei Bauernprotesten vor allem in der nordwestdeutschen Küstenregion die schwarze Landvolkfahne gezeigt werde, brauche sich jedenfalls niemand dafür zu schämen.

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Diskussionen zum Artikel

von Erwin Imschloss

Nicht den Schwanz einziehen

Immer wieder wird versucht, Leute die der Politik unbequem werden auf die rechte Seite zu schieben. Wer aber so weit links ist, dass er die Bauern enteignen will, braucht über den Gegenpol nicht zu lästern. Liebe Kollegen lasst euch nicht provozieren!

von Wilhelm Grimm

Und in Havichhorst

hat der WLV die WEISSE Fahne gehisst.

von Gerhard Seeger

Na endlich ...

... hat die Landwirtschaft auch ein Nazithema. Wurde auch mal dringend Zeit. Ist eigentlich der Anbau von Schwarzwurzeln bereits praktizierter Rassismus ....?

von Stefan Lehr

Der Anbau noch nicht, aber der Verzehr!

von Wilfried Maser

Fahne verbrannt?

Wurde diese Fahne nicht auch, so wie viele andere Fahnen von Jugendgruppen, von den Nazis verboten und verbrannt?

von Eckehard Niemann

Es muss vielleicht nicht gerade diese (rechts-belastete) Fahne sein...

Welche Organisationen nutzten die Landvolk-Fahne: ----- Die historische „Landvolk-Bewegung“ am Ende der 20er Jahre war rebellisch-kämpferisch-radikal (auch gegenüber den alteingesessenen Agrarverbänden) und wegen der Notlage vieler Bauern auch gerechtfertigt - aber sie war ... mehr anzeigen

von Karlheinz Gruber

Man muß die Zeit an sich aberauch mitbetrachten.

"Aus der Sicht der Zukunft ist immer leicht geurteilt, weil man die Vergangenheit kennt" Zitat von mir... Man muß sehen was damals los war. Und mal ehrlich. Wenn wir nicht die Vergangenheit kennen würden, wären etliche auch wieder mit dabei...Und damals haben sich so ziemlich alle ... mehr anzeigen

von Eckehard Niemann

Eine andere Historiker-Sicht auf die Landvolkbewegung

Alexander Otto-Morris, Historiker, Verfasser einer Festschrift des Arbeitskreises zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig Holstein, in der taz vom 27.10.2009 zum Landvolk: ----- „… Bewusst wollte die Landvolkbewegung den Nazis in Schleswig-Holstein nicht den Boden ... mehr anzeigen

von Stefan Lehr

Ohnmacht der Verbaende

Also ich kann mir nicht helfen. Bei allem Wohlwollen finde ich per se erstmal nichts Verwerfliches an diesem Symbol. Da finde ich so manche Aeusserungen von AfD & Co. viel verurteilungswuerdiger und keiner reagiert so. Kann es sein, dass die Berufsstaende geschockt sind ueber ihre eigene ... mehr anzeigen

von Karlheinz Gruber

Ich habe die Fahne glaube ich einmal gesehen,

und habe mir jetzt den Artikel und dann die Historie als Bayer in Wiki und dem Spiegel nachgelesen. Denn eines darf man nie tun: Nur auf eine Quelle vertrauen. Und nun meine Erkenntnisse dazu sind leicht zwiespältig: Die Ursache, die zu dieser Vereinigung geführt haben, sind heute noch ... mehr anzeigen

von Kurt Brauchle

Sollte heißen

ausser ICH natürlich.

von Kurt Brauchle

Blicke ich

über meine rechte Schulter sehe ich lautere "Rechte". Steht keiner mehr an meiner linken Seite, sind alle rechts ausser mir natürlich.

von Heinrich Albo

Damals sind die Bauern Gescheitert weil

Sie nicht mehr mit einer Stimme Sprachen und sich Teile von Ihnen Radikalisiert hatten. BEIDES darf uns heute nicht wieder passieren !! Wir müssen zusammen halten und kontinuierlich weiter protestieren !!! Der Bauernverband muss vom LsV dazulernen .... gefälligst die Aktiven ... mehr anzeigen

von Wilhelm Grimm

Herr Reinhard Jung,

schön mal wieder von ihnen zu hören.

von Gerhard Steffek

Deutungshoheit???

Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen, ich bin der Faschismus, Nein, er wird sagen, ich bin der Antifaschismus! (Igantio Silone, ital. Schriftsteller). __ __ Haben wir das nicht langsam allerorten? Wenn ich mir so die wenigen Berichte über gerade linke Aufmärsche ansehe. ... mehr anzeigen

von Rudolf Rößle

Eine

gemeinsame Ausarbeitung für die zukunftsfähige Landwirtschaft ist unumgänglich. Ein gemeinsames verbindliches Eckpunktepapier von Praxis und Bürokratie muss her. Nur so hören die Proteste auf. Die ökologischen Maßnahmen der Zukunft sind teurer auf den Flächen als die eigentliche ... mehr anzeigen

von Wilhelm Grimm

Der Vorwurf der Nähe zu Nazis ist immer ein Todschlagsargument und beendet jede Diskussion.

Leider wird damit verhindert, dass eine vorurteilsfreie Befassung mit den Beweggründen und Argumenten dieser Demonstration geführt werden kann. Das aber ist und bleibt wichtig. Die selbstgefällige und überhebliche Art unserer Berliner Politiker, ihrer Berater und großer Teile ... mehr anzeigen

von Hans Merk

Wer rechts ist ist noch lange kein Nazi

wer als Bauer links steht hat aus der DDR - Zeit nix begriffen . Wir leben in einem kranken Land - und sicher - wer nicht passt wird mit dem Totschlagargument "Nazi" niedergeknüppelt. Es war vielleicht nicht geschickt, aber auch nicht verwerflich! Stattdessen beugt diese Gesellschaft ... mehr anzeigen

von Reinhard Matzat

Moin

Ich war als Teilnehmer dabei und ich war mir voll bewust über die Geschite dieser Fahne. Es ist die Situation von damals wie heute die mich dazu bewegt hat daran Teilzunehmen. Von jegelichem Rechten Gendankengut distanziere ich mich hiermit ausdrücklich und ich denke ich Spreche hiermit ... mehr anzeigen

von Erwin Schneiderbauer

Was haben wir für tolle Häuptlinge.......

Sofort den Schwanz einziehen,.... ich könnte kotzen!

von Matthias Zahn

Fahne hin oder her....

Der Frust muss groß sein, wenn man mal eben soviele Bauern mit Schlepper zusammen bekommt, um solch ein Bild zu kreieren! Da sollten unsere Agrarpolitiker mal drüber nachdenken, ob man der Landwirtschaft mit Dauerniedrigpreisen und Dauerauflagenerhöhung nicht zuviel zumutet.

von Gerd Uken

Deshalb verstehe ich die Grosse Aufregung nicht

sie wird mit Sicherheit auch in Berlin zu finden sein von Mittwoch bis Freitag

von Gerd Uken

Wow sogar bis hier her hat es die Fahne gebracht

Seit 1962, als sie zum ersten Mal auftauchte bis zum heutigen Tag wird sie in unserer Region fürcden friedlichen Protest verwendet- Die Farbe Schwarz= Trauer,der Pflug= Bodenständigkeit, Schwert= Kampf. Wo immer sie auftauchte in den vergangenen Jahren wusste man die Ostfriesen sind da. ... mehr anzeigen

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