Kreis Gütersloh

Ärger um Impfreihenfolge: Gruppe 3 ja, aber ohne die Bauern

In NRW darf sich die Priorisierungsgruppe 3 gegen Corona impfen lassen. Zu ihr gehören auch die Landwirte. Anders als in anderen Bundesländern sind die Bauern aber ausgenommen. Das sorgt für Ärger.

Der Kreis Gütersloh hat an Landwirte appelliert, nicht weiter Termine im Impfzentrum zu buchen. Der Berufsstand sei noch nicht impfberechtigt und werde am Impfzentrum abgewiesen, heißt es. Landwirte, die bereits einen Termin gebucht haben, sollten diesen wieder freigeben, so der Kreis, weil sie Impftermine für die impfberechtigten Gruppen blockierten.

Die Kreisverwaltung vermutet, dass sich viele Landwirte angesprochen gefühlt haben, weil im Erlass der Landesregierung zur Priorisierungsgruppe 3 die Wörter „Lebensmittel“ beziehungsweise „Ernährungswirtschaft“ stehen. Das Land habe aber „lediglich die Beschäftigten im Lebensmitteleinzelhandel aufgerufen, einen Impftermin zu buchen“, hieß es vom Kreis. Landwirte könnten sich erst dann impfen lassen, wenn die Priorisierung aufgehoben ist.

TIPP: Gegenüber top agrar berichten Leser hingegen, dass man hart bleiben und auf sein Recht bestehen sollte. Die Mehrzahl der Impfzentren akzeptiere den Nachweis der landwirtschaftlichen Tätigkeit nach §4 Impfverordnung auch problemlos.

Niedersachsen: Impfung für alle Erntehelfer vorgeschlagen
Die niedersächsische Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) hat am Dienstag im Landtag eine gezielte Impfaktion für Erntehelfer vorgeschlagen. Zwar können Saisonkräfte in Sammelunterkünften seit Montag mit der Öffnung der dritten Prioritätsgruppe geimpft werden. Allerdings war zwischenzeitlich entschieden worden, den Impfstoff von Johnson & Johnson nur an Menschen über 60 Jahren zu verimpfen, meldet NDR1.
Der sei aber für solche Impfaktionen besonders geeignet, weil er nur einmal verabreicht werden muss. Daher könnten Ärzte vielleicht auf die Höfe kommen und neben der Beratung das Vakzin auch an Unter-60-Jährige verimpfen. Strittig dabei bleibt aber die Zahl der wöchentlichen Tests.

„Wir haben Angst um unsere Tiere“

Andreas Westermeyer

Andreas Westermeyer - selbst CDU-Politiker - versteht das Vorgehen der Landesregierung nicht mehr (Bildquelle: WLV)

Verärgert zeigte sich am Dienstag Andreas Westermeyer, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Gütersloh. Die Impfpriorisierungsgruppe 3, zu der auch die Landwirte gehören, würden in vielen anderen Bundesländern in Gänze geimpft. Das in NRW nicht die ganze Gruppe, sondern nur Teile geimpft werden, habe das Land relativ spät kommuniziert. Deshalb war zunächst davon auszugehen, dass Landwirte impfberechtigt sind, erklärt Westermeyer.

„Unserer Ansicht gehört die Landwirtschaft mit ihren Bauern in die Priorisierungsgruppe 3 und das zu Recht. Ob Quarantäne oder eine Infektion mit Corona, beides stellt die Höfe vor großen Herausforderungen. Wir Landwirte haben Angst, dass bei einer Coronaerkrankung unsere Tiere nicht versorgt werden können. Unsere Tiere sind auf uns angewiesen. Kühe wollen gemolken werden, jeden Tag! Alles Vieh muss täglich versorgt und gefüttert werden und das 365 Tage, auch an Feiertagen und an den Wochenenden! Da kann man nicht sagen, heute muss es mal ohne gehen! Wer versorgt die Tiere, wenn der Landwirt, die Familie coronamäßig erkrankt ist? Also was kann man tun?“, fragt der Vorsitzende.

Auf einen Betriebshelfer, der im Krankheitsfall einspringen könnte, habe man beispielsweise bei einer Quarantäne keinen Anspruch. „Es gibt das Instrument der Arbeitsquarantäne, dass bedeutet beispielsweise, ich darf mit dem Schlepper das Getreide fahren, aber die Treckerkabine auf keinen Fall verlassen. In der Theorie mag das funktionieren, aber in der Hochsaison eben nur theoretisch“, kritisiert Westermeyer.

Er berichtet von Fällen, dass Bauern während der Getreideernte unter Quarantäne gestellt wurden. „Die Ernte mal so eben um 14 Tage verschieben, ist einfacher gesagt als getan. Von Versorgungssicherheit mit Lebensmittel wollen wir erst gar nicht reden“, erklärt der Landwirt weiter.

Das seien alles Gründe, weshalb die Landwirtschaft in der Priorisierungsgruppe 3 aufgenommen ist. Nun habe Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann die Gruppe 3 für die Impfung freigegeben. Die Landwirtschaft klammere er aber „still und heimlich“ aus, stattdessen sollten lieber Steuerfahnder geimpft werden, ärgert sich Westermeyer. Er stellte am Dienstag nochmals klar, dass sich Landwirte nicht unberechtigt einen Termin beschaffen wollten, sondern im guten Glauben zu den Ärzten gingen. „Hier geht es um die Angst, den Hof und vor allem die Tiere nicht sicher versorgen zu können. Eine Impfung brächte hier ein Stück Sicherheit.“


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