Tagung

Agrarwirtschaft in der Filterblase

Facebook ersetzt den Stammtisch, Google den Brockhaus: Meinungsbildung und Diskussionen finden heute vor allem digital statt. Doch inwieweit verzerren Facebook und Co. unsere Sichtweisen auf die Landwirtschaft? Das wurde im Rahmen des Projektes „Dynamic Agri-Food Systems im Oldenburger Münsterland“ in Vechta diskutiert.

Am Ende war die Bilanz ebenso deutlich wie aufrüttelnd: Soziale Netzwerke und Suchmaschinen bilden oft ein verzerrtes Bild der Realität ab. In digitalen Filterblasen treffen sich Menschen ähnlicher Einstellung, die sich in ihrer Meinung gegenseitig bestärken. „Was Google uns anbietet, wirkt meinungsbildend“, brachte es Christian Meyer von der Universität Vechta auf den Punkt. Ein ausgewogenes Bild spiegle es aber nicht per se wider.

Ob und wie stark digitale Medien Sichtweisen auf die Landwirtschaft verzer­ren, wurde vergangenen Donnerstag in Vechta diskutiert. Die Tagung „Die Agrarwirtschaft in der Filterblase“ eröffnete als Auftaktveranstaltung die internationale Konferenzreihe „Dynamic Agri-Food Systems im Oldenburger Münsterland“.

Deutlich wurde, dass das Internet zur Informationsbeschaffung immer wichtiger wird. Für die Generation der 18- bis 25-Jährigen ist es heute schon die Hauptinformationsquelle. Diskussionen zur Landwirtschaft verlaufen im Netz jedoch oft plakativ und aggressiv. Ob „Tierquäler“, „Bodenverseucher“ oder „Bienentöter“ – Landwirte sehen sich durch Negativ-Schlagzeilen zunehmend an den digitalen Pranger gestellt.

Informationen in der Filterblase

„Die Digitalisierung sorgt heute dafür, dass sich Meinungen in digitalen Räumen bündeln und sich dort noch gegenseitig verstärken“, erläuterte Christian Meyer, Referent des Vechtaer Forschungsprojektes. Filterblasen und Echokammern nennt die Wissenschaft diese Phänomene. Unter einer Filterblase wird dabei die Einengung von Informationen verstanden, die einem Nutzer angezeigt werden. Ein kurzes Beispiel: Die Google-Suche nach dem Wort „Massentierhaltung“ liefert unter den ersten zehn Ergbnissen vorrangig Informationen von Tierschutz- und Tierrechtsverbänden. Staatliche Stellen, unabhängige Forschungseinrichtungen oder landwirtschaftliche Interessenverbände sind nicht vertreten.

Das Ergebnis der Google-Suche nach dem Wort "Massentierhaltung". (Bildquelle: Screenshot)

Diese Auswahl liegt zu einem Teil an der Suchmaschinenoptimierung der Website-Betreiber. Durch verschiedene Stellschrauben wie die Platzierung von Schlagworten können sie mit beeinflussen, wie prominent ihre Inhalte angezeigt werden. Gerade in sozialen Netzwerken bestimmen aber Rechenprogramme im Hintergrund – Algorithmen – entscheidend, welcher Nutzer welche Inhalte sieht. „Die einzelnen Websites versuchen quasi vorherzusagen, welche Informationen ein Nutzer auffinden möchte“, erklärt Meyer. Dazu ziehen sie alle verfügbaren Daten heran, wie den Standort des Nutzers, sein Such- sowie sein Klickverhalten. Inhalte, von denen der Algorithmus denkt, dass sie dem Nutzer gefallen, werden angezeigt, andere nicht.

Gegenargumente fehlen

Doch noch mehr: Bestimmte Meinungen, auch wenn sie eigentlich in der Minderheit sind, verbreiten sich online besser als andere. Echokammern nennt sich das Phänomen und bezeichnet das Fehlen von Gegenargumenten und kritischen Stimmen. „Viele passen sich in Onlinediskussionen stillschweigend der vermuteten Mehrheit an, um mit ihrer Meinung nicht allein auf der Verliererseite zu stehen“, erläutert Meyer. „So entsteht eine regelrechte Schweigespirale im Netz.“

Diskussionen, die früher am Stammtisch ausgefochten wurden, fänden heute oft digital statt, so der Wissenschaftler weiter. Das Problem: In der analogen Stammtischwelt konnten sich die unterschiedlichen Akteure in Rede und Gegenrede Paroli bieten. „Die Gegenrede fehlt im Netz häufig“, so Meyer. Das Resultat: In einer Art digitalen Wohlfühlblase treffen sich Menschen ähnlicher Einstellung, um sich in ihrer Meinung gegenseitig zu bestärken. Für die soziale Behaglichkeit mag das schön sein, für die Debattenkultur und einen weltoffenen Blick sei es jedoch fatal.

Wir haben einige Stimmen der Diskussion für Sie festgehalten

Auf dem Podium diskutierten (v. l.): Dr. Barbara Grabkowsky, Dr. Christian H. Meyer, Dr. Jan Grossarth (verdeckt), Simon Lütkenhaus, Prof. Dr. Nicolas Meseth, Prof. Dr. Thomas Blaha, Dr. Willi Kremer-Schillings, Nadine Henke, Steffen Bach, Dr. Anna Fangmann, Stefanie Strotdrees, Desiree Heijne, Prof. Dr. Matthias Kussin, Thomas Fabry (Bildquelle: Universität Vechta, K. Zikeli)

  • Prof. Dr. Matthias Kussin, Hochschule Osnabrück: „Zwischen Landwirten und Veganern gibt es auf beiden Seiten Verhärtungen. Sie müssen aufeinander zugehen.“
  • Prof. Dr. Thomas Blaha, Stellv. Vorsitzender Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V.: „Über den ausschließlichen Austausch via Internet und sozialen Medien wird es nicht gelingen, zu Dialogen zu kommen, bei denen man nicht übereinander, sondern miteinander spricht.“

  • Nadine Henke, Tierärztin und Agrarbloggerin: „Wir leben alle in einer Welt, allerdings bewegen wir uns häufig in verschiedenen Blasen.“

  • Olaf Hermann, Forum Moderne Landwirtschaft: „Wir müssen Antworten auf Fragen liefern, die sich die Verbraucher auch wirklich stellen.“

  • Dr. Willi Kremer-Schillings, Landwirt und Agrarblogger: „Unterschiedliche Ansichten führen zu Selbstreflexion und der Frage, ob das eigene Tun immer richtig ist.“

  • Steffen Bach, freier Journalist: „Die Landwirtschaft von heute wurde genau so jahrzehntelang gesellschaftlich gewollt und politisch gefördert. Wir haben keine Fehlentwicklung, sondern eine fehlende Anpassung.“

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Artikel geschrieben von

Marit Schröder

Redakteurin

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von Gerd Schuette

Landwirte sind ein Paradebeispiel für ein Leben in der Filterblase. Bereits im vordigitalem Zeitalter befanden sich Landwirte durch die starke Präsenz des Bauernverbandes in Zeitschriften, Beratung und Ausbildung in einer Art Filterblase.

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