Kommentar

Inflation und Energiekrise: Jeder ist sich selbst der Nächste

Cem Özdemir und andere Politiker haben Machtoptionen im Blick, Verbraucher und weitere in der Lebensmittelkette ihr Portmonee. Das Fatale: Landwirte als letztes Glied bekommen das ungeschützt ab.

Ein Kommentar von Patrick Liste, Chefredakteur beim Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben:

In der Krise zusammenstehen! Diesen Appell haben Politik und Lebensmittelkette zigmal gehört oder ausgesprochen. Doch die Realität sieht anders aus: Jeder denkt zuerst an sich – und die Landwirte als letztes Glied in der Kette bekommen politische Machtspiele sowie verändertes Verbraucherverhalten nahezu ungeschützt ab.

Bundesagrarminister Cem Özdemir und die Grünen jubeln. Sie haben das Gesetz zur staatlichen Tierhaltungskennzeichnung durchs Bundeskabinett von SPD, Grüne und FDP gebracht. Damit hätten sie schon jetzt mehr erreicht als alle Vorgänger. Stimmt, doch die Wahrheit ist: Der Vorschlag ist völlig unzureichend. Die Kritikpunkte haben Opposition und Verbände unzählige Male benannt: Sauen sowie andere Tierarten fehlen, verarbeitete Ware und der Außer-Haus-Verzehr fehlen, Änderungen im Baurecht fehlen und die Finanzierung fehlt.

Das wissen vermutlich selbst die Grünen. Trotzdem wollen sie es so durchboxen – um sich bei ihren Wählern zu profilieren. Denn ihnen will die Parteispitze nach der Lieferung von Kriegswaffen und der längeren Laufzeit von Atommeilern vermutlich nicht auch noch eine Kurskorrektur in der Landwirtschaft zumuten.

Keine Verlässlichkeit für Tierhalter

Im weiteren politischen Verfahren könnte die FDP eine Schlüsselrolle haben. Sie will selbst als Regierungsmitglied noch Änderungen am Kennzeichnen. Nach der Wahlschlappe in Niedersachsen ringt FDP-Chef Christian Lindner um Wahrnehmung. Gut möglich, dass sich die angeschlagene Partei diese auch beim emotionalen Thema Tierwohl holen will – und vom Weg der Ampelregierung ausschert. Daher ist offen, ob das Gesetz wie geplant im Sommer 2023 greift. Kurzum: Die Politik ist mit sich beschäftigt. Sie gibt Tierhaltern bei der existenziellen Frage der künftigen Ausrichtung weiter keine klare Verlässlichkeit.

Höhere Kosten für Erzeuger

Allerdings sieht es ohne Politik auch nicht viel besser aus. Erzeuger, Verarbeiter und Handel sitzen in der Zentrale Koordination Handel-Landwirtschaft zusammen. Sie wollen die Zusammenarbeit in der Lebensmittelkette nachhaltig verbessern. Das ist ein guter Ansatz. Nur die Ergebnisse sind noch mau: Zwar gibt es eine einheitliche Definition zu 5 x D bei Schweinefleisch, also von Geburt bis Verarbeitung in Deutschland. Weil aber der Absatz stockt, haben erste Vermarkter wie Danish Crown oder Simon-Fleisch die Preiszuschläge für Landwirte kassiert. Und auch die Zuschläge für Schweine aus der Initiative Tierwohl wackeln bei Tönnies und Westfleisch.

Begründung in beiden Fällen: Bei hoher Inflation und unsicherer Energieversorgung denken Verbraucher vor allem an sich und ihr Portemonnaie – und lassen selbst nur etwas teurere Produkte liegen. Das Fatale: Das geänderte Einkaufsverhalten reichen viele in der Kette nach wie vor bis zum Erzeuger durch – der dann auf den höheren Kosten sitzen bleibt. Das spricht nicht für die angestrebte „nachhaltige Verbesserung“.

Zusammen durch die Krise

Das nüchterne Fazit: In der Krise ist sich jeder selbst der Nächste. Wie sich das ändern lässt? Die Antwort ist nicht neu und unbefriedigend zugleich: In der Krise zusammenstehen! Nur das darf nicht länger Appell an Politik und Lebensmittelkette sein, sondern muss endlich konsequent in die Umsetzung!


Mehr zu dem Thema

Die Redaktion empfiehlt

Das Wichtigste aus Agrarwirtschaft und -politik montags und donnerstags per Mail!

Mit Eintragung zum Newsletter stimme ich der Nutzung meiner E-Mail-Adresse im Rahmen des gewählten Newsletters und zugehörigen Angeboten gemäß den Datenschutzbestimmungen zu.