Kommentar

Tierschutzverstöße an Schlachthöfen: Gefährliches Schweigen

Um inakzeptable Vorgänge an gleich drei Schlachthöfen auffliegen zu lassen, brauchte es – trotz grober Tierschutzverstöße – heimliche Aufnahmen. Das fällt nicht nur den Betreibern auf die Füße, sondern den Tierhaltern in ganz Deutschland.

Ein Kommentar von Matthias Schulze Steinmann, Chefredakteur vom Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben.

Schon wieder verstörende Bilder, schon wieder die Schlachtung von Rindern: Keine vier Wochen nach dem Bekanntwerden grober Tierschutzverstöße im Kreis Osnabrück sorgen Aufnahmen aus einem Schlachthaus in Oldenburg und einem Bio-Schlachtbetrieb im brandenburgischen Hakenberg für Entsetzen. Sichtbar überforderte Mitarbeiter treten Rinder und malträtieren diese mit Elektrotreibern. Tiere werden ohne ausreichende Betäubung getötet, ringen mit Krämpfen, leiden sichtbar Schmerzen.

Nicht nur Menschen, die ohnehin das Gefühl haben, dass es mit dem Tierschutz in der Nutztierhaltung nicht weit her ist, dreht sich beim Betrachten der Bilder der Magen um.

Die Vorgänge werfen Fragen auf. Wie konnten sich an gleich drei Standorten Strukturen festigen, die Vorgänge wie diese möglich machen? Was führt dazu, dass Mitarbeiter am Rande des Mindestlohns derart verrohen, jeden Respekt vor dem Tier verlieren? Und was sagt es über die Gier der Betreiber, die für all das die Verantwortung tragen? Es sind unangenehme Fragen. Die Schlachtbranche ist gut beraten, sie zeitnah und schonungslos zu beantworten. Gerade weil die Fälle Bad Iburg, Oldenburg und Hakenberg nicht repräsentativ sind für den Alltag in mehr als 4000 deutschen Schlachtbetrieben.

Die drängendste Frage geht weit über die drei Schlachthöfe hinaus: Warum haben alle weggeschaut? Vom amtlichen Tierarzt bis zum Mitarbeiter am Schlachtband will niemand die offenkundigen Tierschutzverstöße mitbekommen haben. Niemand hatte die Courage, die Verstöße offen anzusprechen oder auch nur anonym zu melden. In Oldenburg sollen Veterinäre bei den Vorfällen zugeschaut oder sogar mitgewirkt haben. Aufnahmen aus Bad Iburg zeigen Rinder, die sich nicht mehr auf den Beinen halten können und mit Ketten in Richtung Schlachtband geschleppt werden. Wer hat diese Tiere überhaupt auf den Transporter zum Schlachthof getrieben?

Stattdessen brauchte es ausgerechnet mit versteckter Kamera gefilmte Aufnahmen, um die Vorfälle aufzudecken. Das ist gefährlich für die Glaubwürdigkeit der Kontrollbehörden und damit auch für die gesamte Branche. Wer an anderer Stelle zu Recht darauf hinweist, dass die Kontrolle des Tierschutzes ein Arbeitsfeld für ausgebildete Veterinäre ist und nicht für zwielichtige Gestalten aus der Tierrechtsszene, muss auch darauf vertrauen können, dass diese Kontrollstrukturen funktionieren. In Bad Iburg, Oldenburg und Hakenberg war offensichtlich genau dies nicht der Fall. Und das fällt nicht nur den Schlachthofbetreibern und den zuständigen Veterinärämtern auf die Füße, sondern den Tierhaltern in ganz Deutschland.

Der einzige Lichtblick bleibt, dass immerhin jetzt aufgeräumt wird. Die Schlachthöfe Bad Iburg und Oldenburg sind geschlossen. In Hakenberg stehen drakonische Maßnahmen im Raum. Es sind konsequente Schritte. Die Anstöße dafür sollten beim nächsten Mal aus der Branche selbst kommen.

Hinweis der Redaktion: Gastkommentare geben nicht in allen Bereichen die Meinung der Redaktion wieder. Wir veröffentlichen sie dann, wenn wir sie für einen interessanten Diskussionsbeitrag zur Weiterentwicklung der Landwirtschaft halten.

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Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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Diskussionen zum Artikel

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von Heinrich Albo

Über welchen Zeitraum wurden die Aufnahmen gemacht ??

Wenn es z.B. ein halbes Jahr war ,dann wird man immer Bilder bekommen auf denen man sieht wie es absolut nicht laufen sollte. Wahrscheinlich ist Monate lang alles in Ordnung gewesen... Trotzdem .So etwas darf nicht Vorkommen, man sollte etwas dagegen tun aber es lässt sich auch in Zukunft nicht ausschließen . Schlussfolgerung ---> die kleinen Schlachthöfe können sich gegen versteckte Kameras nicht wehren und geben auf ...die großen verstärken ihren Sicherheitsdienst oder investieren im Osten.

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