Vorwurf

Umstrittene Unterstützung: SPIEGEL kritisiert Agrarblogger

Weil sie von der Wirtschaft finanzielle Unterstützung für Öffentlichkeitsarbeit erhalten, stehen mehrere Agrarblogger in der Kritik. Der SPIEGEL wittert verdeckte Lobbyarbeit der Industrie.

Influencer in den sozialen Netzwerken – vor allem bei Youtube und Facebook – haben in den vergangenen Jahren deutlich an Einfluss gewonnen. Sie prägen mit ihren Videos und Einträgen Kultur, Mode und Meinung. Bezahlt werden sie nicht selten von der Wirtschaft, deren Produkte sie vorstellen.

Auch im landwirtschaftlichen Bereich gibt es Blogger – allerdings mit einem großen Unterschied: Das Ziel von z.B. Bauer Willi, Jutta Zeisset und Co. ist nicht die Selbstdarstellung, sondern die Öffentlichkeitsarbeit für den bäuerlichen Berufsstand, der immer wieder medial in der Kritik steht.

Mit ihren Videos und Wortmeldungen setzen sie sich für die Interessen der Landwirtschaft ein, bilden eine Gegenstimme, widerlegen Pauschalkritik, erklären Hintergründe und empören sich auch mal über politische Entscheidungen. Natürlich vertreten sie dabei eine bestimmte Art von Landwirtschaft.

Das Magazin Der Spiegel sieht darin allerdings eine verdeckte Lobbyarbeit, unterstützt und bezahlt von der Industrie. Indirekt entsteht der Eindruck, als seien die Agrarblogger verdeckte Mitarbeiter der „Pestizidindustrie“, wie das Magazin die Saatgut- und Pflanzenschutzbranche häufig nennt.

Zeisset

So schreibt der Spiegel zu „CDU-Politikerin Jutta Zeisset“: „Mal lobt sie bei einem Messerundgang die geile Pestizidspritzmaschine eines Herstellers. Dann plauscht sie per Video mit dem Pflanzenschutz-Chef von Bayer. Und zwischendurch findet sie noch Zeit, Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) per Brief einzuhämmern, dem geplanten Insektenschutzgesetz NICHT zuzustimmen.“

Personen

Für Ihre Verdienste hatte Jutta Zeisset (l) von Bundesagrarministerin Julia Klöckner schon die Professor-Niklas-Medaille in Silber erhalten. (Bildquelle: BMEL/photothek/Inga Kjer)

Laut Spiegel sei das ganz im Sinne des „mächtigen Bauernverbandes“, der seit Jahren dagegen wettert. Aber die öffentliche Meinung habe sich gegen Großbauern wie ihn gedreht, gegen die Agrarindustrie und Pestizidhersteller sowieso, stellt das Magazin weiter fest.

Die wachsende Zahl der Agrar-Blogger scheine da mehr Glaubwürdigkeit zu genießen als Funktionäre vom Schlage Rukwieds. Als „Erklärbauer“, „Hofheld“ oder unter „Frag den Landwirt“ seien sie auf diversen Social-Media-Kanälen unterwegs, mitunter erreichen sie mehr als 10.000 Menschen mit einem Post.

Zeisset sieht in der Unterstützung kein Problem. Gegenüber dem Spiegel erklärte sie: „Wir entwickeln Ideen und suchen uns dann Partner – Baywa, machst du mit, Syngenta, machst du mit?“ So habe auch Agravis in ihrem Buch „Social Media für Landwirte“ Anzeigen geschaltet und Kosten für gute Grafiken übernommen.

Bauer Willi

Auch im Fokus der Hamburger Journalisten ist der rheinische Rübenanbauer Willi Kremer-Schillings, bekannt als Bauer Willi. Seine Kritik an Umweltministerin Schulze ist für den Spiegel ein Beweis dafür, dass die „Pestizidhersteller und Agrarhändler“, die schon länger um ihre Einkünfte fürchten würden, dankbar auf Influencer aus dem Kundenkreis setzten. Kremer-Schillings habe lange als Agrarchemieberater und Pestizidverkäufer gearbeitet, merkt das Magazin an.

Bauer Willi

Dr. Willi Kremer-Schillings setzt sich seit Jahren für den Berufsstand ein. Bundesweit bekannt wurde er mit seinem Wutbrief an den Verbraucher, den die öffentlichen Medien aufgriffen. (Bildquelle: Bertelsmann Stiftung)

Dokumente würden laut Spiegel belegen, dass er als Blogger schon früh die Nähe zur Industrie suchte: So habe er beim damaligen Agravis-Chef Clemens Große Frie um finanzielle Unterstützung bei einem Imagekonzept für die Landwirtschaft geworben. Und auch von Saatgutherstellern wie BASF oder Händlern wie Rewe habe er Geld erhalten. Das Forum Moderne Landwirtschaft habe ebenfalls angefragt, ob man ihn für eine PR-Tour buchen könne, heißt es.

Doch auch andere Agrarblogger kooperieren. Gerade habe eine Baywa-Tochter eine einjährige Kooperation mit dem Junglandwirteportal Hofheld abgeschlossen. BayWa wird mit den Worten zitiert, der Einsatz von Bloggern stelle ein wirkungsvolles Kommunikationsmittel dar.

Und eine Insiderin habe dem Spiegel berichtet, dass Lobby und Bauernverband „Angst vor Kontrollverlust“ hätten. Sobald jemand im Netz erfolgreich sei, schlage das System zu. Das laufe oft ganz subtil: „Man zahlt hier eine Übernachtung, da ein kleines Honorar – um Linientreue muss man sich dann nicht mehr sorgen“, soll sie dem Nachrichtenmagazin weiter gesagt haben. Und: „Die Vielfalt der Blogger täusche. Die meisten seien Leibeigene der Industrie.“

Bauer Willi enttäuscht

Dr. Kremer-Schillings kommentiert in seinem Blog auf www.bauerwilli.com besagten Spiegel-Artikel. „Auch wenn jeder, der mich kennt, weiß, dass das, was sich der Redakteur da zusammengezimmert hat, Schwachsinn ist, so musste ich das trotzdem erst mal mental verdauen. (…) Ich verzeihe auch dem Redakteur des Spiegels. Nicht nur unsere Kinder waren der Meinung, dass der Artikel journalistische Schwächen aufweist. Andere wiederum werfen ihm schlechte Recherche und eine gewisse Schnoddrigkeit vor. Daran sollte er also noch arbeiten. Oder ist das der Stil des Hauses?“

Erstaunt zeigt er sich über die Aussage, er habe 3.500 € von Rewe für einen Workshop-Auftritt erhalten. „Es war kein Workshop, sondern ein Streitgespräch auf offener Bühne mit dem REWE-Nachhaltigkeitsbeauftragten anlässlich einer REWE-Stakeholder-Tagung in Berlin“, schreibt er. Beunruhigt zeigt er sich, wieso der Spiegel die Höhe des vertraulichen Honorars kenne.

Zudem zitiere das Magazin wörtlich aus einer Mail, die er an einen Studienfreund geschickt habe. „Das ist aber schon einige Jahre her und ich habe die Mail längst gelöscht. Dass er das Zitat aus dem Zusammenhang reißt und so den Sinn entstellt, hat mich nicht mehr überrascht.“ Sein Fazit: „Billige Effekthascherei, die natürlich beim Leserpublikum des Spiegel ankommt.“

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Kurz kommentiert

Öffentlichkeitsarbeit, nicht Youtube-Werbesternchen

Der im geschlossenen Bereich des Spiegels erschienene Artikel mit einem Zitat von Bauer Willi als Überschrift - „Warum ich diese Mail schreibe, dürfte klar geworden sein: Geld!“ – schürt beim Lesen die Erwartung, hier werde ein unerhörter Fall von Bestechlichkeit entlarvt.

Der Autor arbeitet darauf hin, den Agrarbloggern eine bewusste Nähe zur Industrie zu unterstellen. Der Leser soll den Eindruck gewinnen, als arbeiteten Wirtschaft, Bauernverband und Agrarblogger Hand in Hand, um Einfluss z.B. auf politische Entscheidungen zu nehmen. Die dazu notwendigen Beweise und Enthüllungen bleibt der Spiegel dem Leser allerdings schuldig. Außer, dass Handel und Hersteller branchenintern die von den Bauern selbst immer wieder geforderte Öffentlichkeitsarbeit mit kleinen Beiträgen oder Anzeigen unterstützen, gibt es nichts.

Natürlich ist es ein schmaler Grat, wenn sich Blogger auf die Nähe zur Industrie einlassen. Gibt es Vereinbarungen, muss dies transparent kenntlich gemacht werden. Auch muss ihnen stets klar sein, dass ihr Tun auch eine Reihe negativer Kommentare bis hin zum Shitstorm zur Folge haben kann.

Doch in dem oben beschriebenen Fällen darf man schon fragen, ob das verwerflich ist und der Spiegel hier nicht künstlich einen Skandal konstruiert.


Diskussionen zum Artikel

von Thomas Hahn

Zweierlei Maß

Wenn sich naturwissenschaftlich ausgebildete Fachleute, die auch noch Landbewirtschaftung aus eigenem Tun kennen, zu Wort melden, macht unsere Presse gerne einen Skandal daraus, v.a. wenn dieser Personenkreis nicht dem allgemeinen Mainstream folgt. Unsere Gesellschaft liebt ... mehr anzeigen

von Thomas Hahn

Zweierlei Maß

Wenn sich naturwissenschaftlich ausgebildete Fachleute, die auch noch Landbewirtschaftung aus eigenem Tun kennen, zu Wort melden, macht unsere Presse gerne einen Skandal daraus, v.a. wenn dieser Personenkreis nicht dem allgemeinen Mainstream folgt. Unsere Gesellschaft liebt ... mehr anzeigen

von Phillip Brändle

Unabhängig vom Spiegelartikel…

… ist diese Meldung - auch außerhalb des als Kommentar gekennzeichneten teils - klar wertend und beschränkt sich nicht auf das darstellen von Inhalten anderer. Ein Beispiel: „Auch im landwirtschaftlichen Bereich gibt es Blogger – allerdings mit einem großen Unterschied: Das ... mehr anzeigen

von Anton Heukamp

Voll daneben

Der Spiegel-Artikel ist schlecht und das nicht nur im einfachen Sinne. Schlecht geschrieben und Menschen, die sich für eine fachliche Diskussion einsetzen, schlecht machend. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die diffamierten Akteure nicht einschüchtern lassen, sondern eine derart ... mehr anzeigen

von Rudolf Rößle

Die Maus

wurde 50. Herzlichen Glückwunsch. Schau mal bei Bauer Willi vorbei.

von Rudolf Rößle

Es gibt noch

viel zu wenige Agrarblogger. Das sollte doch ein Weckruf sein.

von Gerhard Plenter

Intelligenz

Der Spiegel beschreibt eine Feldspritze als Instrument des Bösen. Bei uns laufen neue Spritzen die mittels Sensorik Beikräuter erkennen und gezielt behandeln. Bis zu 90 % Einsparung beim Wirkstoff sind möglich. Ebenso wird mit optimierten Düsen, elektronischer Teilbreitenabschaltung ... mehr anzeigen

von Wolfgang Rühmkorf

Verläumdung?

Ich werde den Spiegelartikel nicht lesen. Ist das Geld nicht wert! Aber wenn Dr. Willi Krämers eine Chance sieht dagegen zu klagen, dafür ist es mir Geld wert! Da bin ich dabei und ich denke noch viele Berufskollegen mehr!

von Willi Kremer-Schillings

Werde ich nicht machen

Ich werde nicht gegen den Spiegel klagen, weil: je häufiger Du im Mist rumwühlst, umso länger stinkt es... :-)

von Gerhard Steffek

Argumente!

Wie heißt es so schön: "Wer keine Argumente hat, der diffamiert"! Dazu kann man dann auch noch sagen: "Ein falscher Mensch denkt immer schlecht von andern, tun sie noch so recht"! __ __ Beim Spiegel kann man dann auch noch ein Wortspiel betreiben. Wie will so ein "linkes Blatt" auch ... mehr anzeigen

von Leon Blitgen

Spiegel

Macht der Spiegel hier Lobbyarbeit für die Grünen?

von Wilfried Maser

Wieder ein Artikel

von Leuten, die zwar vorgeben für die Wahrheit zu sein, aber diese dann verfälscht wiedergeben. Eine gesicherte Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung ist diesen egal, In den Geschäften gibt es ja genug.

von Alexander J.

Relotius lässt grüßen

So ein Artikel zeigt Mal wieder welch kleiner Fisch Claas Relotius im System Spiegel doch war und wie wenig erst es der Spiegel doch ersten meint mit qualitativ hochwertigem Journalismus... Schade eigentlich

von Andreas Gerner

Übrigens

werden Kommentare auf Spiegel online, die das Wort "Relotius" enthalten, von den Moderatoren fast immer aussortiert. So geht man da mit Kritik um

von Karlheinz Gruber

O leg

jetzt fühle ich mich aber auch ertappt. Ich habe zwar mit den Social Medien nichts am Hut. Aber ich habe außerhalb von Corona Schulkinder am Hof. Und denen zeige ich, wie konv. Ldw geht. Und als solcher Bauer habe ich auch Infobroschüren von der IMA aufliegen. Ganz einfach, weil die ... mehr anzeigen

von Kurt Brauchle

Werbung

und Medien, ich hab mir erlaubt während der Aldi Blockaden bei unserer Tageszeitung in einem Kommentar nachzufragen ob es einen Zusammenhang der unüblichen zweimal in dieser Woche abgedruckten ganzseitigen Werbeanzeigen von Aldi und fehlender Artikel zu Blockaden und Protesten gibt. Ein ... mehr anzeigen

von Hans Gresshoener

Bauer Willi

viel Feind viel Ehr!!

von Herbert Ströbel

Umstrittene Unterstützung: SPIEGEL kritisiert Agrarblogger

Kein Wunder, dass sich die Landwirte zunehmend gegen die Glorifizierung des Ökolandbaus wehren. Die Wissenschaft und folglich auch die Presse vergleicht Öko und konventionell fast immer nur auf der Basis von Fläche. Ein Vergleich je produzierte Getreideeinheit wäre nicht nur ... mehr anzeigen

von Herbert Ströbel

Umstrittene Unterstützung: SPIEGEL kritisiert Agrarblogger

Kein Wunder, dass sich die Landwirte zunehmend gegen die Glorifizierung des Ökolandbaus wehren. Die Wissenschaft und folglich auch die Presse vergleicht Öko und konventionell fast immer nur auf der Basis von Fläche. Ein Vergleich je produzierte Getreideeinheit wäre nicht nur ... mehr anzeigen

von Marcus Rohwer

Spiegel

Da diktiert ein Tauber dem Blinden was er schreiben soll (Zitat: Andreas Rebers)

von Wilhelm Grimm

Relotius sollte es heißen !

Der hat im "Spiegel" über längere Zeit gelogen. Das soll der Redaktion nicht aufgefallen sein ? Da muss man aber schon sehr fest im Glauben sein.

von Wilhelm Grimm

Der "Spiegel" hat seine "Reotius-Affaire" wohl verdrängt.

Er will offensichtlich Wahlkampf für seine Hätschelkinder betreiben. Es wird schon etwas hängen bleiben, das Feindbild Landwirtschaft zieht immer. Der "Spiegel" könnte auch gerne die Nebeneinkünfte seiner Kollegen von Funk und Fernsehen veröffentlichen, das sind ganz andere ... mehr anzeigen

von Christoph Blankenburg

Enthüllungsjournalismus...

..sorgt für Aufmerksamkeit und bringt Auflage. Und da , wo es nichts zu enthüllen gibt, wird halt was konstruiert und aus dem Zusammenhang gerissen, damit die Story sich verkauft. Reinhard Mey hat mal ein schönes Lied zu dem Thema gemacht. Titel: "Was in der Zeitung steht." Ich ... mehr anzeigen

von Markus Grehl

Willi

Lass Dich bitte nicht von denen unterkriegen!

von Willi Kremer-Schillings

Unterkriegen?

Der Begriff kommt in meinem Wortschatz nicht vor. :-) Es ist doch für Jutta und mich eher als Anerkennung zu sehen, dass dem Spiegel unsere Arbeit zwei Seiten wert sind. Tatsächlich sind wir Blogger für Medien mittlerweile eine ernstzunehmende Konkurrenz. Wir nehmen ihnen die Leser ... mehr anzeigen

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