Milchpreise auf Rekordniveau

Kommentar: Alarmglocken trotz 60 Cent für 1 Liter Milch

Die Milchpreise liegen auf Rekordniveau. Trotzdem könnte die Produktion einbrechen, so die Warnungen. Ist das taktische Schwarzmalerei oder läuft wirklich etwas quer?

Ein Kommentar von Patrick Liste, Chefredakteur beim Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben.

Verrückt: Die Milchpreise liegen mit rund 60 Cent/kg auf Rekordniveau. Trotzdem könnte die Produktion einbrechen, warnen Erzeuger und Berater sowie Molkereien, Verbände und Wissenschaftler unisono. Ist das taktische Schwarzmalerei oder läuft wirklich etwas quer?

Melken rechnet sich aktuell. Das vergangene Wirtschaftsjahr war erfolgreich, im laufenden sieht’s bisher gut aus. Endlich fließt Geld aufs Konto. Damit gehen die Milcherzeuger besonnen um. Sie stopfen Löcher, holen Reparaturen nach und investieren in Arbeitseffizienz. Aber kaum jemand baut neu und stockt auf. Das liegt an den unsicheren politischen sowie wirtschaftlichen Aussichten gepaart mit horrenden Baukosten.

Geld zurücklegen statt investieren

Zudem legen Milcherzeuger Geld zurück: Aufgrund der guten Jahresabschlüsse müssen sie vermut­lich höhere Steuern zahlen – und vorauszahlen. Das könnte in eine Phase fallen, in der die Milchpreise bröckeln. Es gibt bereits Anzeichen, dass einige Molkereien die Auszahlung 2023 senken. Die Sorge vieler Kuhhalter: Die Milcherlöse sinken, die Produktionskosten bleiben hoch – ruckzuck wäre selbst eine gute Marge weg.

Und die Kosten bleiben hoch. Dafür sorgen staatliche Vorgaben. Berlin erhöht das Transportalter für Kälber, schränkt Düngung und Pflanzenschutz ein und macht strengere Auflagen für Silo- sowie Mistplatten und Emissionen – um das Oberziel „weniger Tiere“ zu erreichen.

Höhere Standards ohne Mehrwert für Erzeuger

Zum anderen treibt der deutsche Lebensmitteleinzelhandel die Kosten der Milchproduktion hoch. Einige Händler verschärfen ihre Anforderungen für Eigenmarken. So gibt es schon Weidemilch oder Milch aus Haltungsform 3 in der günstigsten Handelsmarke – also ohne Preisaufschlag für Verbraucher. Für den Handel ist der Zeitpunkt günstig, weil Verbraucher wegen der hohen Inflation die Handelsmarken stärker nachfragen. Für die Milchbranche sind Zeitpunkt und Vorgehen fatal, weil der Handel die Standards dauerhaft heraufsetzt – ohne dauerhaft dafür zu zahlen.

Dem können Erzeuger und Molkereien kaum etwas entgegensetzen. Im Grundsatz ist es richtig, dass sie mit QM-Milch einen einheitlichen Qualitäts­standard gesetzt haben. Auch, dass sie diesen entwickeln (neue Vorgaben ab 2023) und erweitern (Nachhaltigkeit, QM+, QM++). Das Problem ist: Es gibt – auch auf Drängen des Handels – Alternativen, beispielsweise von der DLG. Der Handel kann somit wählen. Das führt dazu, dass sich Programme in den Anforderungen überbieten und in der Vergütung unterbieten.

Gewinner ist der Handel, Verlierer sind neben irritier­ten Verbrauchern die Milcherzeuger: Sie müssen immer höhere Anforderungen erfüllen, bekommen das aber nur unzureichend oder gar nicht bezahlt. Hinzu kommt das politische Versagen, eine verlässliche Perspektive für die Nutztierhaltung in Deutschland aufzustellen. Diese Kombination sorgt bei Milcherzeugern für Frust und Resignation – trotz Höchstpreisen.

Deshalb: Die Verantwortlichen in Politik und Handel sollten die Alarmglocken der Milchbranche ernst nehmen! Noch besteht die Chance, dass ein ähnlich harter Strukturbruch wie im Schweinesektor keine Fahrt aufnimmt. Dafür muss die Politik ihre Ideologie und der Handel seine Gier zurücknehmen – und ähnlich besonnen handeln, wie Milcherzeuger es bei 60 Cent Milchgeld tun.

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