Interview

DBV-Interview: „Die Milchbranche ist innovativ!“

Welche Herausforderungen derzeit diskutiert werden und warum es sich trotzdem lohnt, Milchviehhalter zu sein, erklären Entscheidungsträger des Bauernverbands im Interview.

Die Stimmung auf den Milchvieh­betrieben ist schlecht. Wie steht der DBV seinen Mitgliedern zur Seite, Herr Schmal?

Karsten Schmal: Sie haben recht – die Laune ist im Keller. Die Erlöse sind mit 31 bis 34 ct/kg niedrig. Trotzdem glaube ich nicht, dass der Milchpreis allein die Ursache für die Unzufriedenheit ist. Ich rechne sogar damit, dass er anzieht. Wir produzieren weniger Milch als im Vorjahr. Es sieht so aus, als könnte es ein stabiles Jahr werden.

Wenn nicht am Milchpreis, ­woran liegt es dann?

Karsten Schmal: Es ist zu viel, was ­gerade auf die Landwirte einprasselt. Die Düngeverordnung, Rote Gebiete, das Aktionsprogramm Insektenschutz, die TA Luft, die Milchgüteverordnung – die Reihe könnte man beliebig fortführen. Man hat das Gefühl, dass wir uns in Deutschland aus dem Wettbewerb herausnehmen. Wir schaffen Auflagen, die andere EU-Partner nicht in dem Umfang erfüllen müssen. Uns laufen die Kosten davon. Dazu kommt nach drei Jahren Dürre die schlechte Grundfutterversorgung. Die Reserven sind komplett aufgebraucht.

Der DBV ist bei einigen Mitgliedern ziemlich in die Kritik geraten. Was sind die Gründe?

Karsten Schmal: Wir müssen in unserer Außenkommunikation deutlich besser werden und besser kommunizieren, was wir erreicht und wo wir Erfolge haben und nicht, was wir gerade verhindert haben. Unsere Mitglieder müssen mitbekommen, was „die da in Berlin“ machen. Hier können wir von Land schafft Verbindung (LsV) lernen.

Wie kann der DBV von LsV lernen?

Karsten Schmal: Ich glaube, dass LsV uns als DBV wachgerüttelt hat. Die Bewegung hat zusätzlich dazu geführt, dass sich mehr jüngere Menschen ­engagieren. An vielen Stellen bündeln DBV und LsV mittlerweile ihre Kräfte. Ich bin sicher, dass wir als Branche mit einer Stimme sprechen müssen. Nur gemeinsam sind wir stark! Allerdings muss ich dazu sagen, dass es auch einige LsVler gibt, mit ­denen man nicht zusammenarbeiten kann. Symbole wie die Schwarzen Fahnen in Berlin gehen aus meiner Sicht ­überhaupt nicht.

Frau Singer, Sie sitzen in der Borchert-Kommission. Wie weit ist die Arbeitsgruppe Rind (AG Rind)?

Christine Singer: Die AG Rind hat ­bisher achtmal getagt. In Kürze soll diese AG ihre Ergebnisse an die Mitglieder des Kompetenznetzwerks übergeben. Nach den ersten Sitzungen war ich noch skeptisch, ob wir die vielen verschiedenen Denkrichtungen unter einen Hut bringen. Inzwischen bin ich optimistisch, dass uns das gelingt.

Was liegt Ihnen bei Ihrer Arbeit in der AG Rind besonders am Herzen?

Christine Singer: Mir ist wichtig, dass wir möglichst viele Milchviehhalter mitnehmen. Viele Berufskollegen begrüßen es, das Tierwohl in der Rindviehhaltung weiter zu verbessern. Wie viele Landwirte am Ende mitmachen, hängt maßgeblich davon ab, welche Anforderungen auf sie zukommen. Wenn Vorgaben, zum Beispiel zu Laufgangbreiten, gemacht werden, die Betriebe nicht erfüllen können, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie machen nicht mit, oder sie reißen ihre Ställe ab und bauen neu. Sie können sich denken, für welche Lösung sich die meisten Betriebe entscheiden.

Sie haben Anfang des Jahres gesagt, dass Anbindehalter die Möglichkeit haben müssen, bis zur Rente weiter zu melken. Wie stehen die Chancen im Rahmen des Borchert-Prozesses?

Christine Singer: Die Tierschützer in der AG Rind sagen ganz klar, dass die Anbindehaltung in der Borchert-Richtlinie nichts zu suchen hat. Aus meiner Sicht müssen wir aber auch diesen Betrieben eine Perspektive geben. Die Lösung könnte sein, für Anbindebetriebe eine Kombihaltung vorzuschreiben. Die Kühe müssten zu festgelegten Zeitpunkten Bewegungsmöglichkeiten haben. Wenn wir keine Kompromisse eingehen, beschleunigen wir den Strukturwandel massiv. Ich erwarte in dem Fall sogar einen Strukturbruch. Ich finde, wir müssen flexibel bleiben. Wenn ein Landwirt ein bestimmtes Kriterium nicht erfüllen kann, dafür aber andere Tierwohlalternativen anbietet, darf das kein Ausschlusskriterium sein. Wir dürfen auch nicht vergessen: Die Borchert-Kommission hat von Anfang an gesagt, dass die Betriebe möglichst ohne größere Umbaumaßnahmen in die Stufe 1 hineinkommen.

Was kommt auf Kälber- und Bullenmäster sowie auf Mutterkuhhalter zu?

Christine Singer: Hierüber hat die AG noch gar nicht diskutiert. Ich als Milchviehhalterin scheide dann auch aus und mache Platz für Landwirte, die Kälber oder Bullen mästen bzw. Mutterkühe halten. Ich gehe in dem Bereich von schwierigen Diskussionen aus. Denn während wir im Kuhstall bereits strukturierte Bereiche ­haben – Liegeboxen, Laufgänge, Fressbereiche – ist das im Bereich der Kälber- und Bullenmast nicht der Fall.

Die Betriebe brauchen Planungs­sicherheit. Bekommen Sie die?

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