Neue Mahnfeuer

"Deutschland muss die europäischen Spielräume zur Wolf-Regulierung nutzen"

Mit neuen Protestaktionen wollen Deutschlands Weidetierhalter weiter für Obergrenzen bei der Wolfspopulation drängen. Der Nabu kontert, dass Herdenschutz funktioniert.

Wer die Weidetierhaltung in Deutschland behalten will, der muss dafür sorgen, dass der Wolf ins Jagdrecht kommt. Das hat Landvolk-Vizepräsident Jörn Ehlers vor der Bundestagswahl erneut klargestellt.

Der Landwirt stellt sich damit hinter eine der Kernforderungen des Deutschen Bauernverbandes, da die Weidetierhaltung ohne Bestandsbegrenzung sonst bald Geschichte sei. Wie auch in anderen europäischen Mitgliedsstaaten müsse Deutschland die europäischen Spielräume zur Regulierung des Wolfes nutzen, um eine Perspektive für die landwirtschaftliche Weidehaltung langfristig zu sichern, forderte er und kündigte weitere Protestaktionen an.

„Nur durch einen Einstieg in die Regulierung des Wolfsbestandes, die Anerkennung eines guten Erhaltungszustandes des Wolfes in Deutschland und die Festlegung eines wissenschaftlich basierten sowie gesellschaftlich-politisch orientierten Akzeptanzbestandes kann die Akzeptanz des Wolfes in der Landwirtschaft und der Gesellschaft gesichert werden“, sind Ehlers sowie die Vertreter des Aktionsbündnisses Aktives Wolfsmanagement überzeugt. Aktuell sind 39 Rudel, ein Wolfspaar und zwei residente Einzelwölfe bekannt, sodass von 350 Wölfen ausgegangen wird. Zudem sei ein Neustart des Verfahrens der Rissbegutachtung mit einer Beweislastumkehr sowie der Entschädigungen erforderlich.

Video vom Juni 2020

Am 17. September rufen Kritiker daher zur Teilnahme an europaweiten Mahn- und Solidarfeuern aus, gefolgt von einer bundesweiten Großdemo in München am 2. Oktober, organisiert vom Bayerischen Bauernverband. Infos unter www.bayerischerbauernverband.de/ausgebimmelt.

Niedersachsen: Jetzt LWK für Wolfsrisse zuständig
In Niedersachsen übernimmt die Landwirtschaftskammer die Rissaufnahme. Die Zahl der Übergriffe von Wölfen auf Weidetiere in Niedersachsen ist von acht Übergriffen 2012 auf etwa 230 Übergriffe 2021 angestiegen – zu viel, um weiterhin ehrenamtliche Wolfsberater mit der Rissaufnahme zu beschäftigen, so der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies. Wird künftig ein Nutztier in Niedersachsen vom Wolf gerissen, übernimmt jetzt die Landwirtschaftskammer Niedersachsen die gesamte Prozesskette der Schadensabwicklung.

Neu ist, dass die Kammer nun auch die Risse aufnimmt, die Herdenschutzmaßnahmen protokolliert und die Logistik der Genetikproben ausführt. Zuvor hatte die Kammer bereits die Herdenschutzberatung übernommen, die Präventionsmaßnahmen und die Abstimmung im Fall von Wolfsrissen. Die Bewertung hingegen, ob Herdenschutzüberwindungen im Sinne der Niedersächsischen Wolfsverordnung vorliegen, verbleibe beim Wolfsbüro des NLWKN, so Lies. Die 105 ehrenamtlichen Wolfsberater übernehmen weiter das Monitoring und die Aufklärung der Bevölkerung.

Nabu: Bürger wollen Rückkehr der Wölfe

Der Nabu Niedersachsen verurteilte unterdessen die Forderungen des Bauernverbandes und spricht von einem falschen Umgang mit dem Wolf. Die Naturschützer sind klar gegen Abschüsse. Der Nabu sieht vielmehr eine Akzeptanz für die Rückkehr des Wolfes in der Bevölkerung gegeben.

In einer Umfrage des Landvolks hätten 67 % der Befragten angegeben, die Rückkehr des Wolfes überwiegend gut zu finden. 69 % seien es in einer vom NABU in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage in Niedersachsen, 77 % bundesweit. 70 % der Befragten hätten angegeben, dass Wölfe selbst dann in Niedersachsen leben sollen, wenn es zu Problemen kommt. Der NABU wertet das als klares Votum für die grundsätzliche Daseinsberechtigung von Wölfen.

„Akzeptanz und Umgang mit dem Wolf ist am Ende nur durch angemessenen und richtig durchgeführten Herdenschutz gegeben“, bekräftigt NABU-Landesvorsitzender Dr. Holger Buschmann. „Die kürzlich beschlossene Prämie für Schaf- und Ziegenhalter ist ein erster wichtiger Schritt gewesen, doch weiterhin bleibt verstärkte finanzielle und fachliche Hilfe seitens der Landesregierung zwingend notwendig, um die Weidetierhaltung zu unterstützen.“ In Gegenden, in denen der Wolf länger präsent ist und in denen bereits seit längerem Herdenschutz betrieben wird, gehen die Risszahlen seinen Informationen nachweislich zurück. Der generelle Abschuss von Wölfen verringere die Zahl an Nutztierrissen dagegen nur, wenn die Art wieder ausgerottet wird. Nach wie vor seien weniger als zwei Prozent der Nahrungstiere der heimischen Wölfe Nutztiere.


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