Thünen-Institut

Höhere Milchpreise durch Mengendrosselung oder Lieferbeziehung?

Das Thünen-Institut hat verschiedene Optionen geprüft, wie sich die Risiken durch schwankende Milchpreise abfedern lassen.

Weil die schwankenden Milchpreise für die landwirtschaftlichen Betriebe ein riskantes Geschäft sind, hat das Thünen-Institut aus Braunschweig die häufig vorgeschlagenen Lösungsoptionen untersucht. Fazit: Eine Reduktion der EU-Milcherzeugung bringt nachhaltig keine höheren Milchpreise. Vielmehr sollten insbesondere Genossenschaftsmolkereien die Berechnung ihres Milchpreises anpassen, die Abnahmegarantie flexibilisieren und Preise an der Börse absichern. Das Thünen-Institut rät der Branche dringend selbst aktiv zu werden und nicht auf Vorgaben der Politik zu warten.

In einer Pressemitteilung fassen die Wissenschaftler die Ergebnisse der Untersuchung wie folgt zusammen:

Reduktion der EU-Milchmenge nicht nachhaltig

Zum einen geht es um die Erhöhung des EU-Milchpreisniveaus. Das ließe sich erreichen, wenn die Milch auf dem Weltmarkt teurer wird oder wenn sich das EU-Preisniveau vom Weltmarkt ablöst. Dafür wären in jedem Fall drastische Reduktionen der EU-Milcherzeugung erforderlich. Der Versuch, das Weltmarktpreisniveau durch Einschränkung der EU-Milcherzeugung zu erhöhen, würde allerdings Marktreaktionen in anderen milcherzeugenden Ländern nach sich ziehen: Für die dortigen Produzenten würde es lukrativ werden, ihre Milchmengen zu erhöhen. Ein Effekt wäre also nur von zeitlich sehr kurzer Dauer. Eine Ablösung des EU-Preisniveaus von den Weltmarktpreisen wäre nur möglich, wenn sich die EU bei Milch und Milcherzeugnissen vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur wandelt. Dies würde wiederum erhebliche Einschränkungen der EU-Milcherzeugung voraussetzen. Unter den gegenwärtigen Marktbedingungen und bei den gegenwärtigen Strukturen der Milcherzeugung und -verarbeitung ist das nicht realistisch.

Molkereigenossenschaften sind in der Pflicht

Ein anderer Vorschlag – eine Verteilung des Risikos auf mehrere Schultern innerhalb des Milchsektors – erscheint zielführender und wird in der neuen Thünen-Studie ebenfalls umfassend beleuchtet. Dabei ist wichtig zu wissen, dass rund zwei Drittel der Rohmilchmenge in Deutschland durch Molkereigenossenschaften und ein Drittel durch Privatmolkereien verarbeitet wird. Molkereigenossenschaften haben damit nicht nur einen hohen Marktanteil, sondern auch eine hohe Marktverantwortung.

Zwar betrafen die extremen Preisausschläge der vergangenen Jahre alle beteiligten Marktakteure. Es zeigte sich aber, dass das Markt- und Preisrisiko in der Wertschöpfungskette Milch recht ungleich verteilt ist. Fallen die Preise stark in den Keller, kann das bei den Milcherzeugern zu existenzbedrohenden Liquiditätsengpässen führen. Das Markt- und Preisrisiko wäre bereits fairer verteilt, wenn die Genossenschaften zwei Veränderungen vornähmen.

  • Erstens müssten sie ihre bisherige Methode zur Berechnung der Erzeugerpreise ändern und den Wert der Rohmilch zum Zeitpunkt der Anlieferung als Grundlage nehmen und nicht zum Zeitpunkt des Verkaufs der Verarbeitungsprodukte.
  • Und zweitens müssten sie die Regelungen zur Abnahmegarantie flexibilisieren und den heutigen Markterfordernissen anpassen. Denn aufgrund dieser Garantie müssen die Genossenschaftsmolkereien aktuell alle Rohmilch ihrer Genossenschaftsmitglieder abnehmen. Dies auch dann, wenn es für die daraus hergestellten Produkte eigentlich keinen Markt gibt. Die Folge ist ein steigender Marktdruck und sinkende Preise.

Beide Anpassungen würden dazu führen, dass der Milchpreis seine Kernaufgabe wieder besser ausführen kann – nämlich über den aktuellen Marktzustand zu informieren. Darauf basierend könnten die Milcherzeuger marktgerechtere Produktionsentscheidungen treffen. Für beide Änderungen müssten die Satzungen und Lieferordnungen der Genossenschaften geändert werden.

Zudem wäre das Preisrisiko geringer, wenn Molkereien und/oder Erzeuger eine Preisabsicherung an der Warenterminbörse vornähmen. Bisher finden solche Sicherungsgeschäfte noch nicht in ausreichendem Maße satt, etwa weil der Börse misstraut wird, der Aufwand zu hoch erscheint oder die Notwendigkeit nicht gesehen wird.

Ist der Leidensdruck noch nicht groß genug?

Beide Maßnahmen könnten die Mitglieder der Genossenschaft beschließen. Doch ist ein solches Vorgehen noch nicht ausreichend verbreitet. Dies lässt den Schluss zu, dass entweder der Leidensdruck noch nicht groß genug ist oder dass sich bisher keine Mehrheit für eine Änderung finden konnte. Aus Sicht des Thünen-Instituts werden die notwendigen Veränderungen in jedem Fall kommen, denn die Politik verliert zusehends das Vertrauen in die Selbstregulierung des Sektors. Noch haben die Marktakteure selbst Chance dazu und sollten nicht auf Vorgaben der Politik warten.


Diskussionen zum Artikel

von Gerd Schuette

Die Milchbörse ist kein Marktkriseninstrument

Sie dient (richtig angewandt) lediglich zum Glätten des Geldflusses.

von Norbert Post

Börsenspekutationen

Bauern sind keine Spekulanten, noch nie gewesen. Ich weiß nicht warum hier immer wieder darauf hingewiesen wird. Guckt doch mal genau hin. Wer sind denn die Teilnehmer? Da gibt es ein paar genossenschaftliche Molkereien- ohne eigene Produktwelt, die Milch anbieten und Abnehmer aus dem ... mehr anzeigen

von Bernd Müller

Herr Uken

Wie schon so oft von mir zu ähnlichen Themen kommentiert: dazu bedarf es keiner weiteren Studien! Das sind die ganz normalen Gesetze des Marktes. Diese müssen nicht durch weitere Studien belegt werden. Es gibt drei Möglichkeiten aus Sicht der Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft: ... mehr anzeigen

von Gerd Uken

@ Müller

Es gibt noch eine zweite Studie von einem unabhängigen Institut- anscheinend aber noch nicht fertig. Seien wir mal gespannt was die dazu sagen. Da war der Auftraggeber aber nicht der Bund wenn ich das richtig in Erinnerung habe.

von Kirsten Wosnitza

Richtig beschrieben

haben die Wissenschaftler des Thünen Institutes, was die Milchviehhalter und das Kartellamt bereits seit vielen Jahren kritisieren: Die ungleiche Verteilung des Risikos in der Wertschöpfungskette der Milcherzeugung und die mangelnde Weitergabe der Marktsignale an die Erzeuger. Auch ... mehr anzeigen

von Christian Kraus

Überhaupt ist das eine Studie die krampfhaft versucht ein gewünschtes Ergebnis heraus zu bekommen auch wenn es hinten und vorne nicht passt. Auf der einen Seite wird eine europäische Mengendrossel verteufelt aber wenn die Molkereien die Menge drosseln (durch wegfallende ... mehr anzeigen

von Christian Kraus

Das das Thünen-Institut dieses "Ergebnis" herausbekommt hat das war schon vorher klar. Überlegen wir uns einfach mal wie die Situation in der Milchkrise 2016 gewesen wäre. Der Mengendruck auf dem Weltmarkt ist ganz eindeutig von der EU ausgegangen. Was hätte eine europäische ... mehr anzeigen

von Willy Toft

So wie wir jetzt davor sind, fahren wir noch viele Betriebe vor die Wand!

Ganz einfach, ohne auskömmliche Preise, werden wir uns alle früher oder später aus der Produktion verabschieden! Lieferverträge über Menge und Preis, wären für 80- 90 % der Milch machbar! Alles Andere wäre das Risiko des Erzeugers, das Minimal wäre, und bei schlechter Bezahlung ... mehr anzeigen

von Bernd Müller

Irgendwie

vermisse ich hier die Kommentare der Bdm-Mitglieder, die immer und immer wieder eine Mengenreduzierung gefordert haben...

von Norbert Post

Genossenschaften

Genossenschaften machen immer Gewinn. Sie tragen kein Risiko, wie auch. Die verkaufen Produkten, ziehen ihre Kosten ab, den Rest kriegt der Bauer. Bislang hat das ja auch immer schön funktioniert, weil wir Bauern immer größer geworden sind und die immer gleichbleibende oder sinkende ... mehr anzeigen

von Gerd Uken

Ich lese daraus

Eine Mengensteuerung bringt nichts laut Thüneninstitut. Preisabsicherung an der Börse wäre die Alternative....,. Die Molkereien haben doch gar kein Interesse daran den Rohstoff Preis anzuheben, dann müssten sie ja was von ihrer Marge abgeben. Den Milchpreis vorab fest zu machen ... mehr anzeigen

von Ludwig Huber

Überzeugt mich nicht!

Absicherung der Preise an der Börse gibt es nicht kostenfrei! Über die Jahre gesehen muss eine Absicherung nach unten mit der Kappung der Spitzenpreise anderer Zeiträume bezahlt werden. Und im Schnitt der Jahre habe ich ein Minus, weil die Absicherung an und für sich auch was kostet. ... mehr anzeigen

von Rudolf Rößle

Letzte Vorstandssitzung

Schlußwort: "Ich wünsche mir in der EU weniger Milch, dass wir nicht so den Vermarktungsdruck haben."

von Gerd Schuette

link:

https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn060782.pdf

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