Rinderexport: Wo hakt es wirklich?

Der Transport von Rindern über weite Strecken steht in massiver Kritik. Ist das berechtigt? Was läuft gut, wo gibt es dringenden Handlungsbedarf? top agrar hat nachgefragt.

Der Transport von Rindern über weite Strecken steht in massiver Kritik. Ist das berechtigt? Was läuft gut, wo gibt es dringenden Handlungsbedarf? top agrar hat nachgefragt.

Deutsche Zuchtrinder sind im Ausland sehr gefragt, da sie gesund und leistungsstark sind“, sagt Dr. Bianca Lind, Geschäftsführerin vom Bundesverband Rind und Schwein (BRS). Jährlich verkauft Deutschland rund 70000 Zuchtrinder in Länder außerhalb der EU. Der Export in Drittländer ist somit ein wichtiger Wirtschaftszweig.

Doch die Langstreckentransporte von Rindern stehen in der Kritik. Immer wieder laufen Bilder von durstigen und verendeten Rindern durch die Medien. Selbst Landwirte sind unsicher, was mit ihrer Nachzucht passiert, die sie in den Export verkaufen.

Die deutschen Transporteure von Zuchtvieh sehen sich aber zu Unrecht am Pranger. Der Standard beim Transport von Zuchtvieh sei gut. Das Problem seien vielmehr die Schlachtviehtransporte aus anderen EU-Ländern. Deutschland selbst exportiert kaum Schlachtrinder in Drittländer. Um festzustellen, wo es hakt, haben wir uns den Ablauf eines Rindertransportes näher angesehen.


Bevor es los geht

Der Aufwand ist groß, bevor der eigentliche Transport starten kann. Vor rund fünf Wochen kaufte die Zuchtorganisation Masterrind tragende Rinder für einen Kunden aus Marokko auf deutschen Milchviehbetrieben ein. Die Masterrind ist in diesem Fall Exportunternehmen und Zuchtorganisation zugleich.

Schon Wochen vorher hatte sie den Quarantänestall der Firma Hefter gebucht und Hefter auch als Transporteur beauftragt.So läuft es immer ab: Das Exportunternehmen erhält den Auftrag eines Kunden im Drittland. Es fragt bei einem Zuchtverband an, ob dieser genug Rinder zur Verfügung hat, die die Kriterien des Kunden erfüllen. Dann organisiert es den Quarantänestall und den Transporteur und stimmt die Vorlaufatteste mit dem Amtsveterinär ab.

Welchen Gesundheitsstatus die Rinder für den Export haben müssen, handelt das Landwirtschaftsministerium (BMEL) oder die Europäische Kommission mit jedem Zielland einzeln aus. Die sogenannten Veterinärzertifikate beinhalten zum Beispiel, auf welche Seuchen die Zuchtrinder vor der Ausfuhr untersucht werden müssen. Für die Zuchtrinder, die nach Marokko gehen, ist während der Quarantäne unter anderem eine Untersuchung auf Tuberkulose Pflicht.

Verladen unter Aufsicht

Heute werden 99 Rinder auf drei Lkw geladen. Eine Amtsveterinärin überwacht alle Abläufe. „Im Gegensatz zu einigen anderen EU-Mitgliedstaaten ist bei der Abfertigung von Langstreckentransporten in Deutschland ein Amtsveterinär anwesend. Er kontrolliert die Tiergesundheit, die Transportfähigkeit und die Eignung des Lkw und der Fahrer“, erklärt Dr. Lind (BRS).

Die Anforderungen an die Transportabfertigung gehen damit in Deutschland über die der EU-Tiertransportverordnung 1/2005 hinaus. Diese regelt alle Standards für Rindertransporte von mehr als acht Stunden: Ausstattung der Lkw, Befähigung der Fahrer, Transport- und Pausenzeiten, Umgang mit den Tieren und die Kontrollen dieser Vorschriften. In Deutschland finden Veterinäre im sogenannten Handbuch Tiertransporte außerdem Angaben, die die Vorgaben der Verordnung konkretisieren.

„Die Abfertigung der Tiertransporte ist in Deutschland im europaweiten Vergleich gut“, so Iris Baumgärtner von der Tierschutzorganisation Animal Welfare Foundation (AWF). Auch Vertreter der Zuchtorganisationen und Transporteure sind sich einig, dass die Amtsveterinäre eine gute Arbeit machen. „Nur leider wird das Handbuch Tiertransporte nicht in allen Bundesländern und Landkreisen angewendet“, kritisiert Baumgärtner (AWF). Sie sieht das Problem besonders in den exportstarken Kreisen, die Veterinäre seien dort unter hohem Abfertigungs-Druck. Das führt zur Wettbewerbsverzerrung, da einige Transporteure bewusst weniger kritische Kreise für die Abfertigung ihrer Lkw einplanen.

Auch Dr. Silke Neuling, Amtsveterinärin im Landkreis Teltow-Fläming (Vet.amt TF), sieht die unterschiedliche Vorgehensweise bei der Abfertigung als Problem: „Jedes Amt trägt selbst die Verantwortung. Die Helden der Tierschützer sind dann die Veterinäre, die Transporte verbieten. Veterinärämter, die korrekt abfertigen, stehen hingegen in der öffentlichen Kritik, ohne Schutz durch Bundes- oder Landesministerien.“

Den Transport planen

Am Quarantänestall der Firma Hefter lässt sich die zuständige Amtsveterinärin vom Fahrer des Lkw die Dokumente zeigen, bevor die Rinder verladen werden. Die Transportfirma muss vor der Fahrt in einem Transportplan genau festhalten, wie die Route verläuft, welche Kontrollstellen sie anfährt, an denen die Tiere für 24 Stunden vom Lkw gehen und wie lange die Fahrt dauern wird.

„Transporteure, die jahrelange Erfahrung auf den Strecken haben, sind bei der Streckenplanung deutlich im Vorteil“, sagt Jens Kirch, Geschäftsführer des Exportunternehmens Zuchtvieh-Export GmbH (ZVE). Sie kennen die Probleme auf bestimmten Routen und wissen, welche Ställe sie anfahren können. „Wir arbeiten deshalb nur mit wenigen Transporteuren zusammen, die sich bewährt haben und die Tiere gut versorgen“, erklärt Kirch.

So stellt die ZVE sicher, dass sie möglichst keine Ausfälle hat. Die Zahl der Tierverluste beziffert Kirch zwischen 2013 und 2015 auf unter 0,5%, dabei ist die Quarantäne im Drittland mit einbezogen. Ausfälle beim Transport selbst sind bei der ZVE sehr selten. Im letzten Jahr exportierte das Unternehmen 13833 Rinder in Drittländer, zwei davon verendeten beim Transport.

Günstige Konkurrenz

Die ZVE hat jedoch damit zu kämpfen, dass zunehmend ausländische Spediteure in Deutschland Transporte zu billigen Konditionen anbieten....

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