Wer beeinflusst den Milchpreis?

Zum Thema „Milch, Markt und Macht: Wer beeinflusst den Milchpreis?“ diskutierten Experten auf der EuroTier. Eingeladen zu der Podiumsdiskussion hatten das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft.

Zum Thema „Milch, Markt und Macht: Wer beeinflusst den Milchpreis?“ diskutierten Experten letzte Woche auf der EuroTier. Eingeladen zu der Podiumsdiskussion hatten das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (OA).

IAMO-Wissenschaftler Aaron Grau eröffnete das Forum und führte thematisch in die Veranstaltung ein. So habe die graduelle Lockerung der Milchquote mit ihrer endgültigen Abschaffung im April 2015 zu drastischen Produktionsausweitungen geführt. Im Vergleich zu Deutschland habe sich die Produktion in den EU-Nachbarländern und auch weltweit sogar noch schneller ausgeweitet. Diese Produktionssteigerungen gingen mit einem intensiven Strukturwandel einher. Im Zeitraum von 2004 bis 2015 mussten rund 1/3 aller Milcherzeuger ihre Produktion einstellen. Aber auch die Anzahl der Molkereien sei obgleich des Wachstums ihrer Verarbeitungskapazitäten stark zurückgegangen. Trotz dieser Veränderungen seien Landwirte und Molkereien weiterhin einem sehr konzentrierten Lebensmitteleinzelhandel als Hauptabnehmer ihrer Produkte ausgesetzt.

Neben einer zunehmenden Ausweitung der Milchproduktion in anderen Ländern und dem Wegfall von Exportmärkten führte Ludwig Börger vom Deutschen Bauernverband (DBV) den niedrigen Milchpreis in Deutschland auch auf das verzögerte Ankommen der Marktsignale bei den Landwirten, strukturelle Probleme in den Molkereien und die Marktmacht der Lebensmitteleinzelhändler zurück.

Nach Auffassung von Romuald Schaber, Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), entschiede in einem funktionierenden Markt Angebot und Nachfrage über den Preis. Auf dem derzeitigen Milchmarkt sei das Angebot nicht an die Nachfrage angepasst, was einen fallenden Rohmilchpreis zur Folge habe. „Vor allem die Lebensmittelindustrie von weiterverarbeiteten Produkten, wie beispielsweise Schokolade, seien die eigentlichen Nutznießer. Sie profitieren von den niedrigen Milchpreisen, geben diesen jedoch nicht an die Konsumenten weiter“, kritisiert Schaber. Auch die Molkereien seien, im Gegensatz zu den Landwirten, an einem niedrigen Einkaufspreis für Rohmilch interessiert.

Sebastian Hess, Professor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, sieht den europäischen Milchpreis vor allem durch den Weltmarktpreis beeinflusst. „Trotz der momentanen Tiefphase entwickelt sich der Milchpreis aufgrund wachsender Importnachfrage in den Schwellenländern langfristig sogar positiv. Vielmehr ist es die Volatilität der Preise, die das Problem darstellt und sich daran anzupassen, ist für die Milchbäuerinnen und -bauern eine besondere Herausforderung.“

Nach Romuald Schaber liegen die sozialverträglichen Kosten in der Milchproduktion zwischen 40 und 50 Cent pro Liter. Ein solcher Preis würde benötigt, um Umweltschutz leisten zu können und das Tierwohl zu garantieren. „Den Milchpreis den freien Weltmärkten zu überlassen, kann nicht im Interesse des Gemeinwohls liegen“, argumentierte Schaber.

Demgegenüber erörterte Ludwig Börger, dass die Liberalisierung der Milchmärkte jedoch voranschreitet und sich die Milcherzeuger notwendigerweise an den bestehenden Marktpreisen anpassen müssten. Marktpolitische Eingriffe hielte er für wenig vielversprechend und appellierte vor allem an die genossenschaftlichen Molkereien, Exportmärkte zu erschließen und Marken zu bilden.

Auch Sebastian Hess ergänzte, dass die Politik auf die Milchpreiszyklen keinen Einfluss nehmen und die Preise individuell verhandelt werden sollten. Anstelle von Umverteilungsmaßnahmen in Form von Ausgleichszahlungen empfehle er der Politik, in Beratungsleistungen zu investieren. Der Zugang zu Informationen und Technologien seien wesentliche Voraussetzung, um effizienter zu produzieren, sich an die Marktsituation anzupassen und damit dem Strukturwandel entgegenzuwirken.


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