„Beim Superbenzin Eiweiß müssen wir sparen!“ Plus

Tierwohl, Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung: Die Herausforderungen sind gewaltig. Welche Konsequenzen hat das für die Fütterung? top agrar fragte Dr. Eckhard Meyer, Fütterungsexperte im Freistaat Sachsen.

Die Schweinebestände wachsen weltweit. Drohen steigende Futterkosten?

Meyer: Futter ist der Kostenfaktor Nummer eins und wird es bleiben. Auch wenn die Lage derzeit entspannt ist, macht das Futter mittlerweile doch rund 50% der Vollkosten und über 70% der variablen Kosten aus.

Wo die Kosten in Deutschland künftig liegen, hängt in erster Linie von der Entwicklung der hiesigen Schweinebestände und der weiteren Entwicklung im Bioenergiebereich ab. Sollten die Tierbestände infolge weiterer Tierschutz- und Umweltschutzauflagen deutlich abgebaut werden, dürften die Futterkosten tendenziell eher sinken, da die Weltmarktpreise für Getreide unter den heimischen Preisen liegen.

Fakt ist aber auch, dass immer mehr Menschen versorgt werden müssen und Fleisch essen wollen. Bei einer guten volkswirtschaftlichen Entwicklung wird die Nachfrage insbesondere nach Sojaschrot deutlich steigen.

Der Import von Sojaschrot wird in Deutschland kritisch gesehen. Welche Alternativen haben wir?

Meyer: Deutschland benötigt für die Versorgung seiner Nutztiere jedes Jahr über 8 Mio. t Rohprotein. Davon erzeugen wir bislang 6 Mio. t selbst, überwiegend aus Raps. Die Rohproteinlücke von gut 2 Mio. t schließen wir momentan durch den Import von knapp 6 Mio. t meist genveränderter Sojabohnen und Sojaschrote.

Wenn wir unabhängiger von Importen werden wollen, müssen wir uns etwas einfallen lassen. Der Rapsanbau ist mittlerweile kompliziert geworden, aber er darf nicht noch weiter zurückgehen. Allein im Herbst 2018 sank die Aussaatfläche in Deutschland und Frankreich um rund 20%. Gleichzeitig sollten die einheimischen Körnerleguminosen nach ihrem Futterwert bezahlt werden und nicht auf dem Niveau von Weizen. In Futtererbsen und Ackerbohnen stecken 60% des Lysins von Soja und oft mehr Energie als im Weizen.

Auch proteinreiche Alternativen aus der Bioenergieerzeugung wie zum Beispiel Schlempen können Soja ersetzen. Zusätzlich müssen neue Technologien entwickelt werden, um alternative Proteinquellen aus ansonsten ungenutzten Grasflächen zu gewinnen.

Und was ist mit Algen oder Insektenproteinen?

Meyer: Die Forschungsgelder für die Entwicklung von Algen- oder Insektenproteinen sollten wir lieber den Landwirten geben. Die Herstellermengen sind Lichtjahre vom Bedarf entfernt. Ich sehe den sinnvollen Einsatz eher im Bereich der Zusatzstoffe.

Der Handel fordert zusehends gentechnikfreies Futter. Wie sieht die Verfügbarkeit speziell bei GVO-freien Eiweißkomponenten aus?

Meyer: Die gentechnikfreie Fütterung mit einheimischen Eiweißträgern ist grundsätzlich möglich. Durch die Kombination von Futtererbsen und Raps kann das Futter aufgrund der gut zueinander passenden Gehalte an schwefelhaltigen Aminosäuren sogar aufgewertet werden.

Unser Problem ist, dass wir derzeit nicht genug Ware haben, um konventionelles GV-Soja zu ersetzen. Das Rapsschrot landet zum großen Teil im Kuhfutter und einheimisches Soja wird nur in geringem Umfang angebaut. Alles, was als angeblich GVO-freie Ware aus dem osteuropäischen Raum importiert wird, ist nicht immer frei. Diese Problematik muss auch der Handel erkennen, bevor er unrealistische Forderungen stellt.

Je besser das Schwein das Futter verwertet, desto niedriger sind die Produktionskosten. Was können die Züchter in dieser Hinsicht noch tun?

Meyer: Der Futteraufwand hängt neben den durch die Technik verursachten Futterverlusten stark von den Leistungen ab. Je höher diese sind, desto günstiger füttern wird das Tier. Der Futteraufwand ist aber auch eine Frage der Verdaulichkeit. Hier haben wir noch Reserven. Es gibt Schweine der gleichen oder unterschiedlicher Herkunft, die aufgrund ihrer genetischen Veranlagung zum Wachstum viel weniger Protein pro kg Zuwachs brauchen als andere. Diese Tiere müssen wir finden und gezielt für die Zucht nutzen.

Bei den Ebern wird schon lange auf Futterverwertung selektiert, bei den Sauen kaum. Müssen wir hier ran?

Meyer: Auf jeden Fall. Besonders bei hochfruchtbaren Genetiken brauchen wir viel Körpermassezuwachs während der Tragezeit, weil sie viel Substanz verlieren. Welches Potenzial hier brach liegt, zeigen Auswertungen von Sauen, die an Abruffütterungen gehalten werden. Bei gleicher Futteraufnahme finden wir völlig unterschiedliche Entwicklungen in der Körpermasse während der Tragezeit. In Zukunft gilt nicht mehr nur der Satz: „Der Eber ist die halbe Herde.“ Mit Blick auf den Futteraufwand muss man ergänzen. „Die andere Hälfte ist die Sau!“

Mithilfe von freien Aminosäuren und Phytase steigt die...

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