„Die Landwirtschaft muss mehr selbst gestalten“

QS-Geschäftsführer Dr. Hermann-Josef Nienhoff fordert von der Wertschöpfungskette mehr gemeinsames Handeln. Die Verbände sieht er in der Pflicht, mehr eigene Ideen zu entwickeln. Man dürfe nicht immer alles der Politik überlassen.

Dr. Nienhoff, Qualität und Sicherheit (QS) feiert dieses Jahr 20-jähriges Jubiläum. Was ist das Erfolgsrezept?

Nienhoff: Das ist vor allem die Plattform, die wir bei der QS-Gründung geschaffen haben. Hier sitzen alle Beteiligten der Wertschöpfungskette – Landwirtschaft, Futtermittelbranche, Fleischwirtschaft, Fleischwarenindustrie und Lebensmitteleinzelhandel – an einem Tisch. Streitfragen diskutieren wir gemeinsam, Lösungen beschließen wir gemeinsam und wir setzen sie auch gemeinsam um. Denn nur wenn wir uns innerhalb der Kette abstimmen und klären, wie wir neue Herausforderungen meistern wollen, werden wir uns am Markt behaupten können. Das gilt für die Landwirtschaft genauso wie für den Handel. Denn dieser will vor allem deutsche Ware in seine Regale legen.

Trotzdem liegt auch viel ausländische Ware in deutschen Supermarktregalen. Geht es dem Lebensmitteleinzelhandel (LEH) nicht vor allem um niedrige Einkaufspreise?

Nienhoff: Für den LEH ist entscheidend, dem Verbraucher ein attraktives Angebot zu bieten. Natürlich möchte der LEH möglichst günstig und auch international einkaufen können. Denn viele Konsumente lieben Parma-Schinken aus Italien oder spanische Wurst. Entscheidend ist unter dem Strich, dass alle ausländischen Waren, die mit QS gekennzeichnet sind, die Anforderungen des QS-Systems erfüllen. Denn so schaffen wir Wettbewerbsgleichheit. Wir garantieren im QS-System, dass z.B. bei einem spanischen Schinken oder italienischer Wurst sämtliche Anforderungen erfüllt sind, die wir in den QS-Gremien festgelegt haben.

Viele Bauern sehen QS skeptisch und kritisieren, dass immer nur der Lebensmitteleinzelhandel die Marschrichtung vorgibt. Ist das so?

Nienhoff: Jeder Lebensmitteleinzelhändler entscheidet individuell für sich, welche Ware er in seinen Supermärkten bzw. Discountmärkten anbietet und welche Produkte er gut verkaufen kann. Von daher ist der Handel natürlich in einer starken Verhandlungsposition. Der LEH ist aber auch auf die Bauern angewiesen. Denn wenn diese keine guten Produktqualitäten oder zu wenig Menge liefern, kann der Händler nichts verkaufen. Und der LEH will wie bereits gesagt am liebsten deutsche, regional produzierte Ware in seine Regale legen. Das Thema Regionalität gewinnt immer mehr an Bedeutung. Insofern hat die Stimme der Bauern nicht nur Gewicht, ihre Bedeutung wächst sogar. Die Landwirte bzw. deren Vertreter in den QS-Gremien reden und entscheiden mit.

Die Anforderungen an die Landwirte steigen permanent. Wie wichtig sind dem Handel die Themen Tierwohl und Nachhaltigkeit?

Nienhoff: Wir alle wissen, dass unsere Bürger in Meinungsumfragen für mehr Tierwohl und Nachhaltigkeit sind und als Verbraucher möglichst günstig einkaufen wollen. Trotzdem wird der Handel bei beiden Themen auch in Zukunft Forderungen stellen. Er tut das auch, um den NGOs entgegen zu kommen und sein Image zu pflegen. Kein Lebensmittelhändler kann es sich erlauben, öffentlich von NGOs angegriffen zu werden. Die Händler achten sehr stark darauf, dass ihnen da nichts anbrennt. Auch der Deutsche Tierschutzbund wird von den Händlern umgarnt. Dabei geht es aber nicht immer nur darum, Fleisch mit dem Tierschutzbund-Label zu verkaufen, weil es den Händlern aus den Händen gerissen wird.

Den Bauern stößt sauer auf, dass sie immer diejenigen sind, die die höheren Kosten schultern müssen. Können Sie das nachvollziehen?

Nienhoff: Wir dürfen nicht immer gleich auf die Partner in der Wertschöpfungskette schimpfen, wenn in QS andere oder zusätzliche Anforderungen gestellt werden. Denn zu 98% ist die Politik dafür...