Landwirtschaft im Dialog

ASP: Großteil der Schweinebestände durch Ertragsschadenversicherung abgesichert

„Tierhalter im Tierschutzstress“? Darüber wird im top agrar-Format "Landwirtschaft im Dialog“ am 28. November in Berlin diskutiert. Wir haben Podiumsteilnehmer Edgar Martin von der R+V vorab befragt.

Als landwirtschaftlicher Versicherer sind Sie nah an den Bauern dran. Wie beurteilen Sie den Einfluss der Tierwohldiskussion auf den Strukturwandel?

Martin: Das Wohlbefinden der Tiere ist ein sehr wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Veredlung. Der Unternehmenserfolg eines Landwirtschaftsbetriebs bildet die finanzielle Lebensgrundlage für Betriebsleiter, Familie und Mitarbeiter. Um auch bei fortschreitendem Strukturwandel ökonomisch haushalten und langfristig wettbewerbsfähig produzieren zu können, fokussieren landwirtschaftliche Betriebe heute auf Spezialisierung und Wachstum. Es werden folglich speziell für kleine und mittelständige Betriebe Investitionen erforderlich.

Durch den Strukturwandel ergeben sich also für den landwirtschaftlichen Unternehmer neue Herausforderungen, beispielsweise bei der Umstellung auf alternative Haltungsverfahren und der Umsetzung neuer gesetzlicher Vorgaben. Dieser Investitionsdruck verstärkt sich durch die höher werdenden Qualitätsansprüche seitens des Verbrauchers, denn der Endverbraucher entwickelt zunehmend Bewusstsein für tierische Produkte und deren Erzeugung.

Direktvermarktungen, Produkte regionaler Produzenten, mit Gütesiegeln und Tierwohllabeln gewinnen an Bedeutung. - Martin

Wenngleich nicht nur der Verbraucher, sondern auch jeder Landwirt selbst am Wohl seiner Tiere interessiert ist und partizipiert, schmälern die zusätzlichen Investitionen in vermehrtes Tierwohl den Unternehmensgewinn. Neben der Landwirtschaft, die ihre Verantwortung ernst und sich selbst in die Pflicht nehmen muss, muss der Endverbraucher bereit sein, Tierwohl zu bezahlen und die Mehrkosten zu tragen. An dieser Stelle gilt es die Verbraucher aufzuklären und für die Landwirtschaft zu sensibilisieren.

Die Tierwohldiskussion nimmt insofern unweigerlich Einfluss auf den Strukturwandel, denn die Investitionskosten stellen für die landwirtschaftlichen Betriebe eine finanzielle Belastung dar und treiben den Strukturwandel zusätzlich voran. Unsere Aufgabe als Versicherer ist es, diese Entwicklungen zu beobachten, zu bewerten und bei Bedarf im Rahmen unserer Produktentwicklung neue oder angepasste Versicherungslösungen und gegebenenfalls auch Prämien anzubieten. Wir sehen uns als starker Partner an der Seite des Landwirts.

Sie sind ein großer deutscher Tierversicherer. Wie reagieren die Schweinehalter angesichts der zunehmenden ASP-Gefahr in Deutschland? Welche Versicherungspakete bieten Sie an?

Martin: In einer Zeit, in der sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen insbesondere für tierhaltende Landwirte sehr schwierig gestalten, gibt es mit der Afrikanischen Schweinepest ein neues Gefährdungspotential, das erhebliche finanzielle Belastungen mit sich bringen kann.

Bei einem Tierseuchenausbruch kann schnell die wirtschaftliche Existenz eines Betriebs auf dem Spiel stehen. - Martin

Nicht nur der Ausbruch einer Seuche auf dem eigenen Betrieb birgt finanzielle Risiken, sondern insbesondere auch die indirekte Betroffenheit durch Lieferbeschränkungen und Handelsrestriktionen kann bedrohende finanzielle Ausmaße annehmen. Wenn Ställe nicht oder nur zeitverzögert neu belegt werden können, Tiere nicht ausgestallt bzw. tierische Produkte nicht verbracht werden dürfen, sind die finanziellen Verluste meist nicht aus eigenen Mitteln zu kompensieren. Wir bieten zur Absicherung dieser Risiken eine Ertragsschadenversicherung, die die Betriebe im Schadenfall finanziell fast so stellt, als sei der Betrieb ungestört weiter gelaufen.

Unsere Landwirte gehen mit dieser Gefahr verantwortungsvoll um und so hatte bereits vor der ASP ein Großteil der Schweinehalter ihren Bestand im Rahmen einer Ertragsschadenversicherung abgesichert. Die Bedrohungslage ASP und speziell die ASP-Ausbrüche in Polen und Tschechien führten zu einer gesteigerten Nachfrage nach unseren Versicherungsprodukten. Wir bieten trotz der aktuellen Risikolage den nicht versicherten Landwirten bis heute den Neuabschluss einer Ertragsschadenversicherung an. Als landwirtschaftlicher Versicherer reagieren wir auf Bewegungen am Markt schnell und stellen passende Deckungskonzepte für die Landwirte zur Verfügung.

Jeder Versicherungskonzern erstellt Zukunftsmodelle. Wo sehen Sie die Tierhaltung in Deutschland in zehn Jahren?

Martin: Der landwirtschaftliche Sektor ist ein lebendiger Sektor. Die Landwirtschaft wird deshalb immer wieder auf neue Impulse von außen reagieren. Sowohl der Strukturwandel als auch der steigende Qualitätsanspruch der Endverbraucher in Deutschland werden sich fortsetzen. Der Konsument wird vermehrt nach Transparenz hinsichtlich der Herkunft, Aufzucht und Lebensbedingungen der landwirtschaftlich genutzten Tiere verlangen. Die in Deutschland erzeugten Produkte werden den steigenden Ansprüchen gerecht werden, gleichsam aber teurer produziert als im umliegenden EU-Ausland. Die Landwirtschaft wird sich dahingehend aufspalten: Ein Teil der Betriebe wird rein die Kosten- und Erlössituation fokussieren, während ein anderer Teil sich in Richtung steigender Qualitätsstandards mit erhöhten Kosten, aber auch erhöhter Erlössituation, spezialisieren wird.

Es ist daher zu erwarten, dass die in Deutschland erzeugten Produkte primär auch inländisch vermarktet werden. Produktionskapazitäten für mit den heute noch weit verbreiteten Methoden konventionell erzeugte Produkte werden sich aufgrund der in Deutschland eingeschränkten Nachfrage und Rahmenbedingungen ins EU-Ausland verlagern. Es stellen sich folglich neue Herausforderungen aus den Bereichen Verbraucherverhalten und Verbraucherschutz, Umweltschutz, neue gesetzliche Vorgaben, Forschung und Entwicklung etc., die die landwirtschaftlichen Betriebe, wie bereits heute schon, auch künftig sicherlich meistern werden.

Vor diesem Hintergrund wird auch die versicherungstechnische Bewertung neuer Risiken immer volatiler. Die Entwicklung von neuen und die Anpassung von bestehenden Versicherungslösungen werden sich in immer kurzfristigen Zyklen und schneller ergeben müssen.

Landwirtschaft im Dialog zu „Tierhalter im Tierschutzstress“ am 28. November

Am 28. November steht ab 19 Uhr in der Vertretung des Landes Mecklenburg-Vorpommern in Berlin das Thema Tierschutz im Mittelpunkt. Wir wollen mit Politikern verschiedener Parteien aus Bund und Ländern, Bauern, Händlern und Vertretern von Umweltorganisationen und des Agribusiness diskutieren, was geschehen muss, damit die deutschen Tierhalter verlässliche und akzeptierte Zukunftsperspektiven bekommen, auf die sie bauen können.

Kostenlos anmelden!

Die Teilnahme an der Veranstaltung, die top agrar im Rahmen des neuen Diskussionsformats „Landwirtschaft im Dialog“ durchführt, ist kostenlos. Weitere Informationen und Anmeldung unter www.seminare.lv.de

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Artikel geschrieben von

Christina Lenfers

Redakteurin top agrar Online

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von Gregor Grosse-Kock

Versicherer

Erkennen den kommenden Struckturwandel durch immer höhere Auflagen und wegen desTierwohls, wobei uns nur die Deutungshoheit abhanden gekommen ist. Tierwohl liegt im Interesse, weil nur Schadlose Tiere verkauft werden können. Alle Landwirte wurden und werden für die Paar Gesetzesverstosser in Bäugehaft genommen! Deshalb mehr Kreisveterinäre und nicht noch mehr Tierwohl - beauftragte. Der Kunde wird auf Dauer nicht in der Lage sein das zu bezahlen. Das sind politische Verfehlungen als Reaktion der gesamten NGO Wünsche - die im Übrigen sehr gut von ihrem Querulantentum Leben, ohne Bilanzen vorlegen zu müssen.

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