Blaha: Bei Immunokastration hat Branche eine Chance vertan

Tiermediziner Blaha kritisiert Landwirte, Schlachter und Handel. Die Branche habe eine Chance vertan, bei der Immunokastration Einigkeit zu zeigen und Ängsten von Verbrauchern entgegenzuwirken: „Alle scheinbaren Schwierigkeiten haben nichts mit dem Tierschutz und nichts mit der Lebensmittelsicherheit zu tun!"

Prof. Dr. Thomas Blaha von der Tierärztlichen Hochschule Hannover (Bildquelle: www.vb-halle.de)

Das Landwirtschaftsministerium in Berlin hält bekanntlich derzeit drei Alternativen zur heutige praktizierten Ferkelkastration für erlaubt: Die Betäubung vor der Kastration, die Mast unkastrierter Jungeber und die Impfung mit einem Antikörper, der die Hormonproduktion und damit Geruchsauffälligkeiten unterbinden soll, die so genannte Immunokastration.

Für letztere spricht sich der Tiermediziner Prof. Dr. Thomas Blaha aus. Er leitete bis 2015 die Außenstelle für Epidemiologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover in Bakum bei Vechta und ist Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz. Die Immunokastration ist für ihn der beste Weg, sagte er gegenüber Spiegel Online. Es sei das Verfahren, das das Tier am wenigsten verletze und auch den geringsten Gefahren aussetze, sagt der Wissenschaftler und verweist auf Erfahrungen etwa in Australien oder Belgien.

Die Branche sieht die Immunokastration allerdings kritisch. Einer QS-Studie zufolge glaubt die Mehrheit der Verbraucher nicht, dass der Einsatz ohne Rückstände vonstatten geht, sie haben Qualitätsbedenken oder vermuten sogar eine Verschwörung der Fleisch- und Pharmaindustrie.

Der Schlachtkonzern Vion habe Abnehmer für das Fleisch von betäubt kastrierten Schweinen und von Jungebern, aber keinen Kunden, der die Immunokastration wolle, sagt Heinz Schweer, Direktor Landwirtschaft bei dem Schlachtunternehmen. Auch der mittelständische Schlachthof Böseler Goldschmaus aus dem oldenburgischen Garrel bestätigt dies laut Spiegel. Man müsse sich danach richten, was die Kunden haben wollen, hieß es dort.
Aber auch die Vermarktung von nicht geimpften Ebern sei schwierig. Derzeit nehmen nur die großen Schlachtkonzerne Tönnies, Vion und Westfleisch Jungeber ab. Kleinere und mittelgroße Schlachter wollen das Fleisch nicht, weil Eber bei der Schlachtung mehr Aufwand bedeuten.

Im Moment ist die Lage für Landwirte und Schlachter unübersichtlich, auch weil Handel und Weiterverarbeiter uneins sind, wie mit den Ebern verfahren werden soll: Aldi will nur noch Eberfleisch - einzige Ausnahme ist Bio-Fleisch. Viele Wursthersteller und Metzger hingegen wollen kein Eberfleisch, schreibt Spiegel Online weiter.
Auch für den Export ist Eberfleisch eher schlecht: In Südeuropa und Asien reagierten die Kunden sensibel auf die "Stinker", ist zu hören. Andererseits werden in Großbritannien traditionell nur Eber gemästet.

Tiermediziner Blaha kritisiert unterdessen Landwirte, Schlachter und Handel. Die Branche habe eine Chance vertan, Einigkeit zu zeigen und Ängsten von Verbrauchern entgegenzuwirken: „Alle scheinbaren Schwierigkeiten haben nichts mit dem Tierschutz und nichts mit der Lebensmittelsicherheit zu tun, sondern nur damit, dass einzelne Interessengruppen Ängste schüren, damit sie nichts ändern müssen - das Tier spielt bei diesem ganzen Gezerre um Interessen keine Rolle."

Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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