Drei vor 12 bei Ferkelkastration – Tierschutz und regionale Fleischerzeugung in Gefahr

Freitag entscheidet der Bundesrat über eine Verlängerung der Frist für eine betäubungslose chirurgische Kastration männlicher Ferkel. Auch für die bayerischen Sauenhalter steht viel auf dem Spiel, schreibt der Bauernverband aus München und fordert die Kastration unter lokaler Betäubung.

Freitag entscheidet der Bundesrat über eine Verlängerung der Frist für eine betäubungslose chirurgische Kastration männlicher Ferkel. Auch für die bayerischen Sauenhalter steht viel auf dem Spiel, schreibt der Bauernverband aus München und fordert die Kastration unter lokaler Betäubung.
 
„Wir haben uns jahrelang intensiv bemüht, trotzdem ist die Lokalanästhesie beim Ferkel bislang nicht zugelassen", sagt BBV-Üräsident Walter Heidl. Die Fristverlängerung würde den Bauern die notwendige Zeit geben, dass die Methode in Deutschland endlich zugelassen wird. "Der vierte Weg ist das Mittel der Wahl für praktikablen Tierschutz. Doch dies sehen leider nicht alle so. Ich verstehe nicht, warum diese Methode in Deutschland keine Chance bekommt, wohingegen sie in unseren Nachbarländern Schweden und Dänemark als tierschutzgerecht anerkannt und praktiziert wird“, so Heidl.
 
Die Entscheidung des Bundesrats am 21. September über eine Verlängerung der Frist für eine betäubungslose chirurgische Kastration männlicher Ferkel hat weitreichende Folgen. Eine Ablehnung der Fristverlängerung wäre das Aus für die bayerischen Sauenhalter.

„Mangels Zulässigkeit eines praktikablen Verfahrens wären bayerische Ferkelerzeuger gezwungen, die Ferkelerzeugung aufzugeben. Gleichzeitig würden dann Ferkel insbesondere aus Dänemark quer durch Deutschland rund 1000 km nach Bayern transportiert, um hier gemästet zu werden. Dabei werden die Ferkel in Dänemark unter lokaler Betäubung kastriert, also genau der Weg, den die Bauern sich auch bei uns wünschen. Das wäre ein Bärendienst für den Tierschutz. Es ist drei vor 12 sowohl für den Tierschutz als auch für die regionale Schweinefleischerzeugung. Ohne bayerische Ferkel wird es auch kein bayerisches Schweinefleisch geben. Dieses Szenario gilt es unbedingt zu vermeiden, gerade vor dem Hintergrund, dass viele Verbraucher regionale Lebensmittel wieder besonders wertschätzen und suchen“, sagt der Bauernpräsident.
 
Konrad Ammon, Vizepräsident Deutscher Fleischerverband und Landesinnungsmeister Fleischerverband Bayern: „Unsere Kunden an der Ladentheke fragen gezielt nach regionalen Fleisch- und Wurstprodukten, insofern können und wollen wir nicht auf regionales Schweinefleisch verzichten. Zu einem starken regionalen Metzgerhandwerk gehören auch Tiere aus der Region.“
 
Dr. Andreas Randt, Geschäftsführer und tierärztlicher Leiter des Tiergesundheitsdienstes Bayern, bewertet die lokale Betäubung aus Sicht des Tierarztes als besten Weg für die tierschutzgerechte Kastration. „Die örtliche Betäubung bietet eine Reihe von Vorteilen. Ähnlich wie mit der Spritze beim Zahnarzt wird gezielt nur der Bereich betäubt, in dem auch der Eingriff erfolgt. Gleichzeitig bleiben die Ferkel bei Bewusstsein und können damit sofort nach dem Eingriff wieder bei der Muttersau trinken. Bei einem maximal 7 Tage alten Ferkel ist dies überlebenswichtig.“
 
Die lokale Betäubung als Mittel der Wahl bestätigt Prof. Dr. Helmut Friess, Direktor der Klinik für Chirurgie am Klinikum Rechts der Isar in München. „In der operativen Humanmedizin stellt die Lokalanästhesie ein weit verbreitetes Verfahren dar, das mit nachhaltigem Erfolg täglich tausendfach angewendet wird. Die Lokalanästhesie ist einfach, effizient, sicher und nahezu nebenwirkungsfrei. Aus der Humanmedizin lassen sich ganz klare und eindeutige Argumente für einen Einsatz der Lokalanästhesie als überaus effizientes Verfahren zur kompletten Schmerzausschaltung auch bei der Ferkelkastration ableiten.“  

Regionale Schweinefleischerzeugung vor dem Aus?

Bayerisches Schweinefleisch stammt von Schweinen, die in Bayern geboren sind und ihr gesamtes Leben in Bayern verbringen. So sieht es auch das staatliche Siegel „Geprüfte Qualität Bayern“ vor. Allerdings geht die Erzeugung von heimischem Schweinefleisch in den letzten Jahren stetig zurück. Dem gegenüber sind Ferkelimporte aus Dänemark und den Niederlanden in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. „Der Strukturwandel ist in vollem Gange und diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Kleinere und mittlere Betriebe verschwinden völlig“, sagt Heidl. Als Treiber nennt er nationale Sonderregelungen, zum Beispiel bei den Haltungsvorgaben für Zuchtsauen, dem geforderten Verzicht auf das Schwanzkupieren und bei der Ferkelkastration.

Rückgang der Schweineproduktion trifft besonders die Ferkelerzeugung

Nach Angaben des Statistischen Landesamtes ist die Zahl der Ferkel in Bayern in den letzten Jahren rückläufig und sank allein von Mai 2018 zu Mai 2017 um 5,5 Prozent auf 876.300 Tiere. Noch stärker nahm der Bestand der Zuchtsauen ab: minus 7 Prozent auf 225.400 Tiere. Auch die Anzahl der in Bayern gehaltenen Mastschweine war von Mai 2018 zu Mai 2017 mit -1,2 Prozent leicht rückläufig. Hingegen stieg der Bestand an Jungschweinen um 3,5 Prozent an. „Diese Zahlen belegen deutlich, dass die Ferkelerzeugung in Bayern zurückgeht und immer mehr Ferkel von außerhalb Bayerns zugekauft werden müssen.

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Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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