Schweinefleischerzeugung

Hortmann-Scholten: „Wir brauchen 5 x D flächendeckend!“

Bekennen sich neben Rewe weitere Lebensmittelhändler zu 5 x D, würden die deutschen ­Ferkelerzeuger massiv profitieren. Davon ist Marktexperte Dr. Albert Hortmann-Scholten überzeugt.

Der LEH positioniert sich immer mehr als Tierwohl-Trendsetter. Gut so?

Hortmann-Scholten: Das Vorpreschen des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) bringt für die Tierhalter Vor- und Nachteile. Von Vorteil ist, dass endlich Fakten auf dem Tisch liegen und die Landwirte wissen, was der Handel wünscht. Nachteilig ist, dass der ­Zeitrahmen, in dem die Händler ­Veränderungen einfordern, viele ­Landwirte überfordert. Für die Bauern besteht das Problem außerdem darin, dass die Politik es bis heute nicht geschafft hat, eine ­nationale Nutztierhaltungsstrategie zu verabschieden, geschweige denn ­Lösungskonzepte umzusetzen. Der Borchert-Plan z. B. scheitert bislang an der Finanzierungsfrage und den Hemmnissen im Baurecht.

Welche Gefahren sehen Sie im ­Vorpreschen des Handels?

Hortmann-Scholten: Die Gefahr ist, dass es deutschen Schweinehaltern genauso ergeht wie den Kollegen aus Großbritannien in den 1990er-Jahren. Damals hat die Supermarktkette Tesco den sogenannten Tesco-Standard eingeführt. Dieser sieht im Vergleich zu den übrigen EU-Ländern höhere Tierschutzstandards vor. Die hohen Auf­lagen führten dazu, dass der Selbstversorgungsgrad für britisches Schweinefleisch von 80 auf ca. 55 % einbrach. Sollten die Ankündigungen von Aldi und anderen Handelskonzernen Realität werden, in wenigen Jahren im Frischfleischsektor ausschließlich Produkte aus Haltungsform 3 und 4 anzubieten, dürften uns ähnliche ­Entwicklungen wie in Großbritannien blühen.

Die Ferkelerzeuger sind mit keinem der angebotenen Tierwohlprogramme richtig zufrieden. Jammern die Sauenhalter zu viel?

Hortmann-Scholten: Fakt ist, dass die deutschen Sauenhalter die höheren Tierwohlvorgaben der neuen Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung ohne staatliche Förderung nicht überleben werden. Zudem müssen die ständig steigenden Produktionskosten über Festpreise des LEH längerfristig abgesichert werden. Nur dann haben die Sauenhalter Planungssicherheit. Hinzu kommt, dass die Ferkelerzeuger ihren gerechten Anteil am Tierwohlmehrerlös erhalten müssen. Die Fehler der Vergangenheit dürfen sich nicht wiederholen. Ansonsten bleibt die vom Handel gewünschte Nämlichkeit in der Kette der Schweinefleischerzeugung Wunschdenken. Bei den ­traditionellen Markenfleischprogrammen aus den 1980er-Jahren z. B. ist vom Mehrerlös nur ein geringer Teil in der Sauenhaltung angekommen.

Wie lässt sich garantieren, dass auch die Ferkelerzeuger beim Thema ­Tierwohl gerecht entlohnt werden?

Hortmann-Scholten: Bei der Fest­setzung von Boni müssen wir die stark steigenden Produktionskosten endlich zu 100 % berücksichtigen und wenn nötig anpassen. Die von der Initiative Tierwohl (ITW) in der dritten ­Programmphase ausgelobten Tierwohlboni in Höhe von 3,07 € je Ferkel sind bei Weitem nicht kostendeckend! Auch die geringfügige Aufstockung auf 3,57 € je Tier reicht angesichts der steigenden Zusatzkosten nicht aus.

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