Nachgefragt

Meinungen zum Borchert-Plan: Bauern sind uneins

Zeigt uns der Borchert-Plan den Weg in die Zukunft oder sind die Gedankenspiele eher eine Sackgasse? Wir haben Landwirte nach ihrer Meinung gefragt.

So sehen Praktiker die Pläne:

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Carsten Spieker

Ohne Borchert zahlen wir Bauern alles

Wir halten 700 Sauen und betreiben Ackerbau im Münsterland. Die Empfehlungen der Borchert-Kommission bieten gerade uns Ferkelerzeugern die Chance, die Nutztierhaltung so umzubauen wie die Verbraucher es wünschen. Für mich sind die Pläne alternativlos!

Seien wir ehrlich: Die Gesellschaft wird die Veränderung der Tierhaltung weiter lautstark fordern. Leider wird sie aber nicht bereit sein, freiwillig dafür an der Ladentheke zu bezahlen. Das bedeutet im Endeffekt: Ohne den Borchert-Plan zahlen wir Landwirte den Umbau der Tierhaltung zu 100 % aus eigener Tasche. Das wird vielen Betrieben wirtschaftlich das Genick brechen. Und wollen wir wirklich warten, bis Gerichte uns zum Handeln zwingen? Wollen wir künftig noch mehr „Magdeburger Urteile“? Ich nicht!

Mithilfe der Borchert-Pläne werden wir die Veränderungen im Bereich Tier- und Umweltschutz schneller voranbringen. Dann kommen wir eher aus der Schusslinie. Für einen guten Vorschlag halte ich, dass wir ­einen Gesellschaftsvertrag eingehen. Dieser ist zwingend nötig, weil wir bei steigenden Tier- und Umweltstandards nicht am Weltmarkt bestehen können.

Ein bislang ungelöstes Problem ist das Thema Bau- und Genehmigungsfähigkeit von Zukunftsställen. Im Bau- und Umweltrecht müssen jetzt die Voraussetzungen für den Um- und Neubau von Tierwohlställen geschaffen werden. Insbesondere die SPD muss endlich ihre Blockadehaltung aufgeben.

Auch der sofortige Kupierverzicht beim Einstieg in die Stufe II ist nicht praktikabel. Wer garantiert mir als Sauenhalter, dass die Langschwanzferkel im Ferkelstall unversehrt bleiben? Und wer kauft Ferkel, die an- oder abgebissene Schwänze haben?

Meine Hoffnung ist, dass wir deutschen Landwirte mithilfe der Borchert-Kommission so lange am EU-Binnenmarkt wettbewerbsfähig bleiben, bis die Farm to Fork-Strategie der EU europaweit gleiche Voraussetzungen im Umwelt- und Tierschutz schafft.

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Jürgen Donhauser

Die Prämie drückt den Schweinepreis

Für mich ist der Borchert-Plan nicht akzeptabel. Denn mit der Tierwohlprämie begeben wir uns in die Abhängigkeit von staatlichen Zahlungen. Im Pflanzenbereich kennen wir dieses System mit der Kulturpflanzenprämie schon. Die Erfahrungen damit sind nicht positiv. Denn in den vergangenen 30 Jahren hat sich der Staat als Vertragspartner als absolut unzuverlässig erwiesen. Die Prämien wurden nach politischer Willkür ­gekürzt und zeitgleich die Anforderungen (Cross Compliance) für die Zahlungen je nach Mainstream verschärft.

Ich bleibe auch deshalb skeptisch, weil der von Herrn Borchert bzw. dem Deutschen Bauernverband formulierte Vergleich mit dem EEG falsch ist. Beim Borchert-Plan gibt es weder einen langfristigen, 20 jährigen Vertrag über die gesamte Amor­tisierungszeit, noch eine Abnahme­garantie für das erzeugte Produkt. Es gibt auch keinen festgesetzten Endpreis, sondern nur einen Aufschlag in Form einer Tierwohlprämie.

Diese stellt den gravierendsten Nachteil dar. Denn unsere Abnehmer – also Vion, Tönnies, Westfleisch und Co. – werden die Marktpreise schrittweise nach unten korrigieren, sobald staatliche Transferleistungen fließen. Sie werden sich mit Sicherheit nicht scheuen, auszutesten, wie tief sie den Vereinigungspreis drücken können. Wir brauchen deshalb ein Sicherheitsnetz nach unten. Das kann zum Beispiel die UTP-Richtlinie sein, die Verkäufe unter Herstellungskosten verbietet. Die Spanier haben das bereits umgesetzt.

Ich glaube auch nicht, dass der Borchert-Plan weitere Gerichtsurteile zur Nutztierhaltung verhindert. Denn die Definition von Tierwohl lässt einen breiten Interpretationsspielraum zu. Und dieser ist bei der urbanen Bevölkerung, die den Hund oder die Katze als Maßstab haben, anders als bei uns Nutztierhaltern. Es wird mit Sicherheit nie genug sein!

Vergessen dürfen wir auch folgendes nicht: Borchert macht zwar auf der einen Seite einen Kniefall vor dem Mainstream des Tierschutzes, vernachlässigt bzw. verschärft aber gleichzeitig andere Themen wie Klima und Umweltschutz. Die vermehrte Gabe von Raufutter z. B. erhöht die Methan- und Phosphorausscheidungen.

Der nächste Knackpunkt ist der...


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