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Prof. Spiller: Preiserhöhungen des Handels werden nicht langfristig funktionieren

Wie schon nach den Milchstreiks 2008 werden auch die aktuellen Preiserhöhungen des LEH bald verpuffen, sagen Prof. Spiller und Dr. Busch mit Verweis auf den Weltmarkt und die Austauschbarkeit.

Nach Bauernprotesten und Blockaden von Zentrallagern des Handels haben sich Lidl und Rewe zu Preiserhöhungen und Zahlungsversprechen bereit erklärt. Prof. Dr. Achim Spiller und Dr. Gesa Busch der Abteilung Agrar- und Lebensmittelmarketing der Universität Göttingen glauben jedoch, dass die Forderungen in der vorgeschlagenen Form langfristig nicht funktionieren werden. Hinter einigen Forderungen würden zwar sinnvolle Ausgangsideen stehen, andere seien allerdings auch gar nicht zielführend.

Bauern von „Land schafft Verbindung“ hatten dem Handel Forderungen übergeben. Diese haben die Göttinger Ökonomen analysiert. Lesen Sie im Folgenden die Original-Stellungnahme:

Forderung 1

Zur Beilegung von Streitigkeiten zwischen den Vertragspartner Landwirt und LEH Einrichtung einer Ombudsstelle. Die Besetzung dieser Clearingstelle [soll] einvernehmlich erfolgen.

"Zur Forderung nach Einrichtung einer Clearingstelle: Solche Ombudsstellen gibt es im Verhältnis zwischen Industrie und Handel schon. Sie haben aufgrund der „Ross und Reiter-Problematik“ nur sehr begrenzte Wirkung, denn angesichts der Nachfragemacht des LEH überlegt es sich jeder Lieferant sehr genau, ob er öffentlich gegen einen wichtigen Kunden Protest einlegen will.

Die bestehende Klagemöglichkeit beim Kartellamt wird derzeit schon kaum in Anspruch genommen und wird allenfalls genutzt, wenn die Geschäftsbeziehung ohnehin am Ende ist. Ein Ombudsverfahren ist ähnlich zu beurteilen.

Hinzu kommt, dass die Landwirte ja ohnehin nur selten direkte Vertragsbeziehungen zum LEH haben. Wo dies der Fall ist, z. B. bei der Belieferung regionaler selbständiger Einzelhändler von Rewe und Edeka, sind die Geschäftsbeziehungen und Preise nach unseren Erfahrungen zumeist gut.

Die Regionalregale des Handels sind nicht das Problem. In Bezug auf das Kartellrecht greifen Ombudsstellen genauso wie die vor Kurzem in nationales Recht umgesetzten EU-Regelungen zu Unlauteren Handelspraktiken (UTP-Richtlinie) zu kurz. Wenn die Nachfragemacht wirklich ernsthaft eingeschränkt werden soll, müsste man über härtere Maßnahmen nachdenken.

So könnte man – wie in den USA zulässig und dort gegenüber den großen IT-Unternehmen angedacht – Entflechtungen vornehmen, so dass marktbeherrschende Händler in bestimmten Regionen mit zu hohen Marktanteilen Filialen an kleinere Wettbewerber verkaufen müssten. Eine zweite Option wäre eine Stärkung des Online-Handels für Lebensmittel, insbesondere der Online-Direktvermarktung für Landwirte und Hersteller (siehe die Oetker Akquisition von Flaschenpost.de)."

Forderung 2

Bevorzugung regionaler/deutscher Produkte im Laden. Bundesweit einheitliche Kennzeichnung mit gleichem, großem Logo. Bei verarbeiteten Produkten die Kennzeichnung, wenn mindestens 80% der landwirtschaftlichen Rohstoffe aus Deutschland stammen.

"Zur Forderung nach Pflichtkennzeichnung der deutschen Herkunft: Eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung gibt es bei Obst und Gemüse sowie bei Fleisch bereits. Auch bei Milchprodukten kann über das Identitätskennzeichen zumindest der Molkereistandort erkannt werden – auch wenn dieses vielen Verbrauchern nicht bekannt sein wird.

Für eine transparente und verständliche Herkunftskennzeichnung, auch bei verarbeiteten Produkten spricht vieles. Ein gutes Beispiel, wie dies sogar bei komplexen Fertigprodukten gelingen kann, ist das Unternehmen Frosta, das alle Zutaten mit Herkunftsland auf der Produktverpackung aufführt.

Herkunftskennzeichnung wirkt besonders positiv bei Produkten aus der Region im engeren Sinn. Voraussetzung ist aber immer, dass die Konsumenten davon überzeugt sind, dass die heimischen Produkte besser sind, also leckerer schmecken, tierfreundlicher sind oder umwelt- und klimaverträglicher angebaut wurden. Für viele Menschen sind das mindestens ebenso wichtige Aspekte für ihre...


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vor von Christina Lenfers, Alfons Deter

Nach Lidl zieht der nächste Lebensmitteleinzelhändler nach: Die Rewe Group will den Schweinepreis auf dem Marktnievau vor Ausbruch der ASP erhöhen und bei Fleisch vermehrt auf deutsche Herkunft...

In einem Schreiben ordnet Lidl an, dass die Filialen ab heute neue Preise an 10 Schweinefleischprodukte heften, versehen mit 1 €/kg Aufschlag, der direkt an die Schweinehalter zurückfließen soll.

Nach den Bauernprotesten tut sich weiter was. Der Bauernverband schlägt einen "Deutschland-Bonus" für heimische Lebensmittel vor. Am Freitag soll es ein Treffen der Handelsriesen mit LsV geben.


Diskussionen zum Artikel

von Georg Summerer

Und was dann?

Was schlägt der Professor denn nun als wirksam und durchsetzbar vor? Onlineversand bei Milch? Seehr interessant! Wir haben keine Zeit mehr. Die Zeit wurde auf anraten von ebensolchen Wirtschaftsexperten verplempert. Der freie Markt sol es richten. Als ob es in anderen Bereichen einen ... mehr anzeigen

von Norbert Post

Mengen

Wir brauchen auch vernünftige Mengenvorgaben, damit nicht derjenige übermächtig wird, der die vermeintlichen günstigsten STandortvorteile besitzt. Es kann nicht jeder das produzieren was er will. Das hat auch nichts mit Quoten zu tun, sondern ist ganz normaler Betandteil einer jeden ... mehr anzeigen

von Ludger Hengelsberg

Nicht der LEH, sondern immer neue Auflagen schwächen unsere Betriebe!

Dank an Prof. Spiller für seine ungeschminkte Analyse des Marktes. An der Austauschbarkeit unserer Produkte wird sich auch in Zukunft nichts ändern! An der Marktmacht des LEH und der fortschreitenden Globalisierung des Handels auch nichts. Worauf sich die Forderungen und der Protest ... mehr anzeigen

von Rudolf Rößle

Das

können Sie in einem Industrieland nicht verhindern. Fragen Sie bei ihrem Verarbeiter nach dessen Vorschriften der Prozessgestaltung. Diese Anforderungen sind auch nicht mehr darstellbar. Eine höhere Wertschöpfung muss her. Alles andere ist unrealistisch.

von Willy Toft

Ob wir jemals wieder dazu kommen, von der Qualität zum Ramschpreis, oder Qualität zum Spitzenpreis?!

Dem Verbraucher brauchen wir auch nicht die Schuld geben, er wurde bisher so informiert, das billig, auch gleich gut ist! Ob ein Menschenleben reicht, um aus den Deutschen Gourmes zu machen, die auch dafür bezahlen wollen? Solange stets Billigware im Regal liegt wird sich nicht ... mehr anzeigen

von Rudolf Rößle

Überlassen

wir alles Spekulanten und Welthandelskontrakten ist ein Ausstieg aus der Produktion von solchen Rohstoffen nicht zu vermeiden.

von Christian Bothe

LEH...

Ein realistisches Statement zur Nahrungsmittelproduktion insgesamt(Welt+EU),und deckt sich mit meinen Erfahrungen und dem LEH als Verarbeiter von Erzeugnissen der Bauern.

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