Kommentar

Schweinekrise: Die Stimmung auf den Höfen kippt

Unter Schweinehaltern herrscht völlige Verzweiflung. Rechnungen türmen sich auf den Schreibtischen. Bei den Beratern von Verbänden und der Landwirtschaftskammer klingelt ununterbrochen das Telefon.

Ein Kommentar von Rudolf Borghoff. Er ist Teamleiter der Unternehmensberatung Veredlung bei der LWK NRW.

Nach anderthalb Jahren Corona-Beschränkungen und Preiskrise beginnt die Stimmung auf den Höfen zu kippen. Schon wieder ist ein Schlachtstau in Sicht. Das zermürbt die Mäster. Und nimmt Ferkelerzeugern den Mut, da die Notierung entgegen dem normalen Saisonaufschwung auf niedrigstem Niveau verharrt.

Mäster und Sauenhalter ächzen unter den hohen Kosten für Energie und Futter. Auf vielen Betrieben ist das eigene Getreide aufgebraucht, der Halbjahreskontrakt für Ergänzer oder Sojaschrot ausgelaufen. Sie bekommen jetzt die volle Wucht der Kostenexplosion zu spüren: 90 € pro Sau allein an Mehrkosten fürs Futter, 2,50 € pro Ferkel und 35 € pro Mastschwein!

Bei Vollkosten von 75 bis 80 € fürs Ferkel ist es kein Wunder, dass den Sauenhaltern die Motivation fehlt, den Umbau von Deckzentrum und Abferkelstall zu planen. BImsch-Betriebe fürchten die anstehenden Nachrüstpflichten der TA Luft, die das letzte bisschen Wirtschaftlichkeit fressen – ganz zu schweigen von den Unsicherheiten bei der Genehmigung.

Mann

Rudolf Borghoff berichtet. (Bildquelle: Schildmann/privat)

Tierwohlprogramme versprechen einen Ausweg. Doch bislang reicht der Bonus nicht für ein besseres Familieneinkommen – außer bei Spezialprogrammen. Sauenhalter denken vermehrt über den Wechsel in die Biohaltung nach. Das verspricht hohe, stabile Preise und langjährige Verträge. Aber die Umstellphase ohne Biozuschlag geht ins Geld. Und für den Um- oder Neubau der Ställe muss man schon bei 200 Sauen mit einem Millionenbetrag rechnen.

Hin- und hergerissen zwischen Wunsch und Wirklichkeit warten viele Landwirte ab. Doch wenn die Entscheidung gefallen ist, aufzuhören, sollte man diese auch sofort umsetzen. Denn die nächsten Monate werden die finanziellen Löcher wahrscheinlich eher vergrößern.

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I N T E R V I E W

Mit dem Rücken an der Wand

Das Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben sprach auch mit Gerda Langenhoff. Sie ist Sauen-Spezialberaterin an der Kreisstelle Borken.

Gerda Langenhoff

Gerda Langenhoff (Bildquelle: Arden/privat)

Frau Langenhoff, vielen Schweinehaltern geht nach anderthalb Jahren Preiskrise das Geld aus. Was zeigen Ihre Liquiditätsanalysen?

Langenhoff: Die letzten Reserven auf den Betrieben sind aufgebraucht. Viele Landwirte stecken tief in den roten Zahlen. Schweinemäster reagieren teilweise, indem sie nicht mehr einstallen. Das können Sauenhalter nicht. Die haben nichts mehr zuzusetzen.

Wie wirkt sich das für die Landwirte ganz konkret in Zahlen aus?

Langenhoff: Ein 300er-Sauenbetrieb muss trotz sehr guter Leistungen schon seit Monaten jeden Tag bis zu 700 € zuschießen. Das sind 20.000 € „frisches“ Geld, das er jeden Monat mobilisieren muss. Und das nicht erst seit jetzt: Schon im katastrophalen Jahr 20/21 musste er Liquidität zuschießen. Die Ersparnisse sind bei vielen „verbrannt“.

Der Kreis Borken ist für seine unternehmerischen Landwirte bekannt. Wie ist die Stimmung bei Hofnachfolgern im Sauenbereich?

Langenhoff: Trotz der schlechten Preise waren die jungen Leute im Sommer noch optimistisch, als wir die biologischen Leistungen ausgewertet haben. Das hat sich jetzt gedreht. Die Stimmung ist bedrückend. Seit wir Liquidität und Finanzierung analysiert haben, wird das finanzielle Drama schlagartig sichtbar.

Obwohl die Lage auf den Höfen finanziell so angespannt ist, lässt die Auszahlung der Corona-Überbrückungshilfe auf sich warten.

Langenhoff: Die Corona-Hilfe ist für viele der „Überlebensnagel“. Dass dieses Geld nicht zügig ausgezahlt wird, macht viele Landwirte mutlos und fassungslos.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Langenhoff: Gerade unsere Schweinehalter sind Unternehmer. Sie wissen: Tierwohl boomt zurzeit. Aber auf bloße Versprechungen und Absichtserklärungen hin werden sie nicht investieren. Und das ist zu 100 % richtig!

Auch wenn sie ihre Arbeit lieben – viele schauen sich jetzt nach Alternativen um.


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