Europäische Tierarzneimittelverordnung

Tierärzte kritisieren starre Regeln für Dosierung von Medikamenten

Eine neue Regelung zur Dosierung von Tiermedikamenten soll den Antibiotikaeinsatz reduzieren und Resistenzen vorbeugen. Laut dänischen Tierärzten bewirken die Vorgaben aber eher das Gegenteil.

In Dänemark haben Veterinäre in der vergangenen Woche gegen die aus ihrer Sicht verfehlte Novelle der Europäischen Tierarzneimittelverordnung demonstriert. Auf Kritik stößt bei den Tierärzten insbesondere, dass die am 28. Januar in Kraft getretene Verordnung das genaue Befolgen der in der Packungsbeilage von Tiermedikamenten vermerkten Dosierung vorschreibt.

Diese Regelung war eingeführt worden, um vor allem in Südeuropa eine Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes voranzutreiben und Resistenzen entgegenzuwirken. Nach Auffassung der Tierärzte bewirken die starren Vorgaben aber eher das Gegenteil. Auch in Deutschland gibt es auf Seiten der Tierärzteschaft wenig Verständnis für den Passus in Artikel 106 der EU-Tierarzneimittelverordnung, der den Veterinären das buchstabengetreue Befolgen der im Beipackzettel vermerkten Dosierung und Verabreichungsform vorschreibt.

Einschränkung der Therapiefreiheit für Ärzte

Gegenüber Agra-Europe wiesen sowohl die Bundestierärztekammer (BTK) als auch der Bundesverband der Praktizierenden Tierärzte (bpt) auf gleich mehrere Probleme hin, die sich aus dieser Vorgabe ergeben dürften. Nach Ansicht der Vorsitzenden des BTK-Ausschusses für Arzneimittel- und Futtermittelrecht, Dr. Ilka Emmerich, bedeutet diese Regelung eine Einschränkung der bisherigen Therapiefreiheit der Tierärzte. Diese könnten wegen teils in die Jahre gekommener Zulassungsangaben in der Fachinformation mitunter das Tierarzneimittel nun nicht mehr aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der Forschung anders anwenden.

Hinzu kommt laut Emmerich, dass die Veterinäre nun wegen der Vorschrift auch bei der Verabreichung mancher Medikamente in Sackgassen geraten. Der Fall sei dies bei dem Tetracyclin-Antibiotikum Doxycyclin, das beispielsweise bei der Behandlung erkrankter Schweine gemäß Vorgabe nur über das Trinkwasser eingesetzt werden dürfe. Dort, wo die Medikamentengabe aber nicht auf diesem Weg erfolgen könne, müssten die Veterinäre deshalb auf ältere Wirkstoffe der Tetracyclin-Antibiotika ausweichen, die über das Futter verabreicht werden dürften.

Steigende Abgabemengen von Antibiotika befürchtet

Emmerich zufolge benötigen derartige Alternativen aber Wirkstoffdosen von bis zu 100 mg pro kg Körpermasse (KM), während die Dosierung bei Doxycyclin lediglich bis zu 20 mg/kg KM ausmacht. Die Ausschussvorsitzende geht wegen solcher Vorgaben von tendenziell steigenden Antibiotikaabgabemengen trotz gleichbleibender Therapien im Veterinärsektor aus.

Wegen derartiger Effekte in der praktischen Anwendung kann auch Dr. Andreas Palzer vom bpt die neue Regelung in der europäischen Tierarzneimittelverordnung fachlich nicht nachvollziehen. Er befürchtet ebenfalls einen Anstieg des Antibiotikaverbrauchs, sieht die Schuld hierfür aber nicht bei der Ärzteschaft. Diese sei schließlich zur Umsetzung der rechtlichen Vorgaben gezwungen. Palzer ruft deshalb dazu auf, das Problem der absehbar „steigenden Tonnage“ beim Antibiotikaeinsatz öffentlich und transparent zu machen, bevor im kommenden Jahr die offizielle Statistik vorliegt.


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