Reserveantibiotika

Tierärzteverband sammelt Unterschriften gegen Antibiotikaverbot

Mit einer Unterschriftenaktion will die Tierärzteschaft auf den drohenden Therapienotstand hinweisen, falls das EU-Parlament Mitte September wie geplant ein umfangreiches Antibiotika-Anwendungsverbot bei Tieren beschließt.

Mit einem Aufruf an seine Mitgliedspraxen startet der Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt) heute (10.08.21) eine Kampagne, um bei Tierhaltern aller Tierarten bis zum 8. September Unterschriften gegen das vom EU-Parlament geplante weitreichende Antibiotikaverbot zu sammeln. Im Vorfeld der finalen Abstimmung zum Thema „Reserveantibiotika“ in Brüssel Mitte September sollen die gesammelten Unterschriften an die deutschen Abgeordneten im EU-Parlament übergeben werden. Damit will der Verband deutlich machen, dass er das geplante Anwendungsverbot bestimmter Antibiotika bei Tieren für tierschutzwidrig hält. Denn viele Krankheiten könnten dann gar nicht mehr oder zumindest nicht mehr adäquat behandelt werden.

Welche Wirkstoffklassen für den Menschen reservieren?

Hintergrund: Im Jahr 2019 wurde die (neue) EU-Tierarzneimittelverordnung 2019/6 verabschiedet. In einem Nachfolgerechtsakt müssen EU-Kommission, Mitgliedsstaaten und EU-Parlament bis zum Inkrafttreten des Gesetzes im Januar 2022 festlegen, welche Antibiotika künftig für den Menschen vorbehalten und damit für die Tiermedizin verboten werden sollen.

Im dafür zuständigen Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit des EU-Parlaments (ENVI) wurde Mitte Juli über einen von der Kommission dazu vorgelegten Entwurf abgestimmt. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hat der ENVI den auf wissenschaftlicher Expertise basierenden Kommissionsvorschlag jedoch abgelehnt, obwohl er mit der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) sowie EFSA, ECDC, OIE und WHO abgestimmt war, mithin also ein echter One-Health-Vorschlag ist.

Verbot beträfe alle Tierarten

Sollte der im ENVI beschlossene Entschließungsantrag auch im Europäischen Parlament eine Mehrheit finden, wäre ein komplettes Anwendungsverbot von Fluorchinolonen, Cephalosporinen der 3.und 4. Generation, Polymyxinen und Makroliden in der Tiermedizin kaum mehr abzuwenden. Von dem Anwendungsverbot wären entgegen den Aussagen im Entschließungsantrag nicht nur landwirtschaftliche Nutztiere, sondern alle Tierarten betroffen mit dramatischen Auswirkungen für die Therapie von Tieren. Nach Auffassung der EU-Kommission wären auch keine Ausnahmen für Einzeltiere bei schwerwiegenden Infektionen möglich.

„Tierhalter müssen erfahren, was in Brüssel weitgehend im Verborgenen vor sich geht und welche Konsequenzen die zu befürchtende Entscheidung für ihre Tiere haben wird. Fakt ist, dass das Europäische Parlament wissenschaftliche Fakten ignoriert und von dem geplanten Anwendungsverbot nicht nur Nutztiere betroffen wären, sondern alle Tierarten“, erläutert bpt-Präsident Dr. Siegfried Moder die Kampagne. „Zum Wohl aller Tiere müssen wir uns deshalb dafür einsetzen, dass alle für die Tiermedizin zugelassenen Antibiotika auch in Zukunft weiter zur Behandlung zur Verfügung stehen.

Die meisten Resistenzen entstehen im Humanbereich

Der Ruf nach Einschränkungen von Antibiotika in der Tierhaltung wegen zunehmender Resistenzen sei populär. Nachweislich würden aber nur etwa fünf Prozent der Antibiotikaresistenzen aus der Tierhaltung stammen. „Deshalb macht es wenig Sinn, den Antibiotikaeinsatz bei Tieren immer weiter zu reglementieren, anstatt dort genauer hinzuschauen, wo Antibiotika inflationär eingesetzt werden und Resistenzen in der Masse wirklich entstehen“, betont Moder.

Parallel zur Unterschriftenkampagne wurde auch eine Online-Petition unter gestartet, die inhaltlich auf die bpt-Kampagne Bezug nimmt, aber nicht vom Verband initiiert ist. Die Online-Petition zielt primär auf Social Media-Nutzer und soll auch die Tierhalter/innen mitnehmen, die im Aktionszeitraum nicht in die Tierarztpraxen kommen und sich deshalb nicht direkt an der Unterschriftenkampagne beteiligen können.

Hier gehts zur Online-Petion


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