Interview

Ferkelkastration: „Zeit für eine Branchenvereinbarung ist reif!“

Fleischverbände torpedieren weiter die Markteinführung von Jungeberfleisch und „geimpften“ Ebern. Das muss aufhören, wir brauchen eine Branchenvereinbarung, fordert Dr. Torsten Staack (ISN).

Beim Thema Ferkelkastration schieben sich Schlachter, Verarbeiter und Lebensmitteleinzelhandel gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Wer von den Beteiligten bremst aus Ihrer Sicht?

Staack: Bremser gibt es leider nach wie vor in jeder Stufe. Auf Ebene der Schlachter und Verarbeiter sind es aber oft nur Trittbrettfahrer. Derzeit hat es faktisch gesehen allein der deutsche Lebensmitteleinzelhandel in der Hand, zu sagen, welche Kastrationsalternativen sich am Markt durchsetzen werden. Hier gibt es leider noch immer einzelne marktrelevante Handelsunternehmen die scheinbar alles daransetzen, Jungeber und geimpfte Eber nicht in den Markt kommen zu lassen. Und so lange das so ist, bleiben die vorgelagerten Stufen – Schlachter und Verarbeiter – lieber in Deckung. Sie nutzen dieses Handelsgebaren gezielt aus, um sich hinter den spezifischen Liefervorgaben zu verstecken – natürlich nicht ohne die eigenen Vorbehalte on top darauf zu packen. Ich meine: Wer Lebensmittel liebt, sollte endlich dafür sorgen, dass die deutschen Bauern in Zukunft alle Kastrationsalternativen nutzen können.

Agieren alle Handelsunternehmen so zurückhaltend?

Staack: Nein, eine ganze Reihe von Lebensmittelkonzernen und Schlachtunternehmen akzeptiert mittlerweile alle zugelassenen Kastrationsverfahren. Das sind nicht mehr nur leere Ankündigungen, sondern das Fleisch wird im täglichen Handelsgeschäft bereits verkauft. Hier tut sich also aktuell viel Positives. Der Schwarze Peter liegt auf jeden Fall eindeutig nicht bei den Tierhaltern, denn sie wollen alle zugelassenen Alternativen nutzen – speziell auch den Verzicht auf die Kastration.

„Der VDF macht gezielt Stimmung gegen die Jungebermast und die Impfung.“ - Staack

Der Verband der Fleischwirtschaft (VDF) droht bereits mit der Preiskeule bei Eberfleisch und geimpften Tieren. Verständlich?

Staack: Nein, was der VDF macht, geht gar nicht. Wir verstehen das als klare Kampfansage an die Schweinehalter. Während Schweinehalter aus Nordwestdeutschland als eine Vermarktungsalternative das „100.000 Improvac-Eber-Projekt“ vorantreiben und zeigen, dass sie für neue Wege offen sind, macht der VDF gezielt Stimmung gegen die Jungebermast mit oder auch ohne Impfung und droht unverhohlen mit Preisabzügen. Das Ziel des Verbandes ist klar. Er will Druck auf die Schweinehalter ausüben und erreichen, dass die Landwirte weiter kastrieren. Ohne Frage verlangt der Markt auch in Zukunft Kastraten, wir brauchen aber auch alle zugelassenen Alternativen zur betäubungslosen Kastration. Das sollte auch der VDF akzeptieren.

Spricht der VDF für alle Verbandsmitglieder?

Staack: Anscheinend nicht. Denn im Nachgang zu unserer Kritik am VDF haben wir uns intensiv im Markt umgehört, wo und bei wem es hakt. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass namhafte Schlachtunternehmen von sich aus auf uns zugekommen sind und beteuert haben, dass diese Verbandsmeinung nicht die des eigenen Unternehmens sei! Und auch auf der Verarbeitungsstufe läuft alles auf vor allem ein Unternehmen hinaus, das nicht alle Kastrationsverfahren akzeptiert. Wir haben mittlerweile den Eindruck, dort gehe es weiter nur darum, neben den weiblichen Tieren Kastrate zu schlachten und zu verarbeiten. Den Druck gibt dieses Unternehmen natürlich in der Kette weiter. Das ist für uns eine klare Kampfansage!

„Vielleicht stehen die Schlepper demnächst vor den Toren der Schlachter, Verarbeiter und Handelsunternehmen.“ - Staack

Die ISN hat sich beim Thema Kastration in den letzten Monaten auffallend ruhig verhalten. Warum nun plötzlich der große Aufschrei aus Damme?

Staack: Nach der Verlängerung der Übergangsphase zu Anfang dieses Jahres ging es uns zunächst darum, für unsere Mitglieder die konkrete Umsetzung der zugelassenen Verfahren aufzuarbeiten. Jetzt wird die zweite Halbzeit der Übergangsfrist angepfiffen: Deshalb werden wir unsere Aktivitäten nun darauf konzentrieren, dass alle vier zugelassenen Wege (Ebermast mit und ohne Impfung, Kastration unter Narkose per Inhalation und Injektion) weiter gangbar gemacht werden und für alle Betriebe eine Lösung darstellen. Und sollten sich die nachgelagerten Stufen nicht endlich zusammenraufen, stehen die Schlepper demnächst vielleicht nicht mehr nur am Brandenburger Tor in Berlin, sondern auch vor den Toren der Schlachter, Fleischverarbeiter und Händler, die sich weiter verweigern!

Viele Bauern fordern eine „Branchenvereinbarung Ferkelkastration“, in der sich die Schlachter und der Lebensmitteleinzelhandel zu einer kompromisslosen Vermarktung der Produkte auch von männlichen Tieren bekennen. Wie steht die ISN dazu?

Staack: Das ist genau richtig und dafür setzen wir uns auch ein. Männliche Tiere müssen kompromisslos vermarktet werden können! Wir dürfen schließlich nicht zu einer Situation analog zu den männlichen Küken oder aktuell auch den Kälbern kommen, in der nicht kastrierte männliche Ferkel zu „Ausschussware“ degradiert werden. Das wäre weder ethisch vertretbar noch fachlich begründbar. Wie schon beschrieben, braucht es klare Standards, die vom LEH auch im Tagesgeschäft akzeptiert werden. Was gar nicht geht, ist, dass einige Marktakteure hier nur den einfachsten Weg gehen und das Problem allein auf die Ferkelerzeuger abwälzen. Eine Branchenvereinbarung ist genau der richtige Ansatz. Aus meiner Sicht geht es letztlich um nicht weniger als um ein Bekenntnis zur deutschen Ferkelerzeugung! Es geht um die Frage: Haltung vor Ort oder Ferkelimport?!

Keine Abschläge für Jungeber, sondern Aufschläge für Sonderwünsche wie z.B. Kastraten. - Staack

Droht in Zukunft eine Preisdifferenzierung zwischen weiblichen und männlichen Ferkeln und welche Folgen bzw. Gefahren hätte das für die Landwirte?

Staack: Ich kritisiere, dass die Diskussion seit Monaten in eine völlig falsche Richtung geht. Anstatt dauernd über das Geschlecht und die Kastrationsmethode zu diskutieren, muss die gemessene Fleischqualität als entscheidendes Qualitätsparameter wieder in den Blickpunkt rücken. In diesem Zusammenhang ist es für mich überhaupt nicht nahvollziehbar, dass einige Schlachter und Verarbeiter geimpfte Eber immer noch zwischen Jungeber und Börge einordnen und die Tiere entsprechend abstrafen. Diese Einteilung ist alles andere als nachvollziehbar. Denn die Tiere liegen von der Qualität her messbar zwischen Kastrat und weiblichen Tieren. Das sagen übrigens nicht nur fachkundige Wissenschaftler, sondern bestätigen auch verschiedene Schlachter. Die Devise muss aus Sicht der Landwirte also heißen: Keine Abschläge für Jungeber, sondern Aufschläge für Sonderwünsche wie z.B. Kastraten!

In NL und DK sind preiswertere Betäubungsverfahren für die Kastration erlaubt. Welche Chancen sehen Sie für einen wirksamen Außenschutz des deutschen Marktes vor „preiswert kastrierten Ferkeln“ aus dem Ausland?

Staack: Wir brauchen eine Positivliste, auf der die in Deutschland zugelassenen Verfahren gelistet sind. Eine generelle Vorgabe würde aber an kartell- und europarechtliche Grenzen stoßen. Somit ist man letztlich wieder bei der Branchenvereinbarung. Denn der Einzige, der hier für Wettbewerbsgleichheit sorgen kann, ist der wichtigste Abnehmer der Fleischprodukte – der deutsche Lebensmitteleinzelhandel. Wenn er in seinen Einkaufsspezifikationen klar den deutschen Standard bei allen Schweinefleischprodukten vorgeben würde, wäre ein wirksamer Außenschutz gegeben. Hier kann der deutsche LEH zeigen, ob er tatsächlich zur deutschen Schweinefleischerzeugung steht!

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Diskussionen zum Artikel

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von Andreas Gerner

Lösung ist doch schon in der Pipeline

Ebermast, Impfung, Isofluran.... Alles alte Hüte. Druck machen, dass Trisolfen zugelassen wird und alle (OK, außer Tierärzte) sind zufrieden.

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