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Über wirksame Maßnahmen gegen das Insektensterben streitender BUND-Vorsitzende Prof. Dr. Hubert Weiger und Dr. Willi Kremer-Schillings („Bauer Willi“).

Was wissen wir über Trends und Ausmaß des Insektensterbens?

Weiger: Das Insektensterben ist mit der „Krefelder Studie“ endlich auch in der Politik angekommen. Diese Studie ist aber kein Einzelfall. Es gibt viele weitere, in der Regel regionale Studien und gravierende Einbrüche bei insektenfressenden Vogelarten, die einen lang anhaltenden dramatischen Rückgang anzeigen. Deshalb kann man aus der Krefelder Studie unseres Erachtens sehr wohl einen allgemeinen Trend ableiten, selbst wenn die Arbeit zum Teil methodische Schwächen hat.

Kremer-Schillings: Vorsicht. Erstens wurde nur die Masse der Fluginsekten gewogen. Zweitens ist es eine punktuelle Erhebung in einem sehr kleinen Gebiet. Aber richtig ist: Die Zahl der Insekten ist tatsächlich rückläufig. Ich habe mir das Orbroicher Bruch in Krefeld selbst angeschaut. Das Naturschutzgebiet hat sich dramatisch verändert, weil der Mensch dort eingegriffen hat. Und die Rindviehhaltung rund um das Naturschutzgebiet ist verschwunden, jetzt dominiert der Gemüseanbau. Dort werden Insektizide eingesetzt, was sich negativ auf den Insektenbestand auswirkt.

Heißt das, man darf die Ergebnisse vom Niederrhein nicht auf ganz Deutschland übertragen?

Kremer-Schillings: Räumlich begrenzte Ergebnisse bundesweit und darüber hinaus hochzurechnen, finde ich methodisch schwierig. Die Ergebnisse können regional sehr unterschiedlich sein. Das zeigt sich in England: Dort hat das Rothamsted Research Institute die Entwicklung der Insektenbestände auf vier ackerbaulich genutzten Standorten über 30 Jahre lückenlos untersucht. An zwei Standorten sind die Bestände stabil, an einem dritten haben sie abgenommen und an einem vierten sind sie gestiegen. Darüber wird bei uns nicht gesprochen.

Werden nur die Studien öffentlich, deren Ergebnisse Ihnen passen, Herr Weiger?

Weiger: Natürlich nicht. Klar ist, dass die Untersuchungsergebnisse zunächst einmal nur für das Gebiet gelten, für das sie erhoben worden sind. Und hier zeigen die meisten Untersuchungen rückläufige Insektenbestände. Die „Krefelder Studie“ ist deshalb so relevant, weil sie belegt, wie stark relativ kleine Schutzgebiete von den negativen Randeffekten der landwirtschaftlichen Nutzung beeinflusst werden.

Welche Effekte meinen Sie?

Weiger: Die Strukturelemente in der Landschaft haben abgenommen und wir haben eine höhere Intensität in der Landnutzung, vor allem über Düngung und Pestizide. Durch den Stickstoff aus der Luft werden heute auch die Naturschutzgebiete gedüngt. Dass das einen negativen Einfluss auf die Artenvielfalt hat, kann auch die Landwirtschaft nicht ignorieren.

Kremer-Schillings: Das tun wir nicht! Jede Form von Landwirtschaft hat Einfluss auf die Artenvielfalt.

Weiger: Ich vermisse jedenfalls ein klares Bekenntnis der Spitzen des Bauernverbands zur Verantwortung der Landwirtschaft für das Insektensterben.

Bund und Länder wollen das Monitoring verstärken. Ist das der richtige Weg?

Kremer-Schillings: Unbedingt. Da möchte ich Beate Jessel, die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, zitieren, die gesagt hat: „Wir brauchen dringend eine wissenschaftlich belastbare Datenbasis zur Entwicklung der Insektenfauna, die bundesweit repräsentativ ist und auf wissenschaftlich abgesicherten Methoden basiert“.

Weiger: Richtig. Ich würde noch Naturschützer, Landwirte und Bürger einbinden. Das erhöht die Sensibilität für die Entwicklungen und ist die Basis für die gemeinsame Suche nach Lösungen.

Wer ist da gefordert?

Kremer-Schillings: Vor allem die praktischen Naturschützer, die Landwirte und die Naturschutzfachbehörden. Dann gibt es pragmatische Lösungen, so wie ich es kürzlich bei einem vom Bundesamt für Naturschutz organisierten Workshop erlebt habe. Wir haben uns auf fachlich hohem Niveau gestritten und waren trotzdem lösungsorientiert.

Die Umwelt- und Bauernverbände wollen Sie nicht einbinden?

Kremer-Schillings: Wenn die Umwelt- und Landwirtschaftsverbände sich in einen solchen Prozess positiv und konstruktiv einbringen, soll mir das recht sein. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass das bislang sonderlich gut gelingt. Übrigens von beiden Seiten.

Weiger: Vor Ort werden die Gespräche immer intensiver und auf den obersten Ebenen immer schwieriger. Es ist doch ein Unding, dass es seit Jahren kein Spitzengespräch zwischen Bauernverband und den Naturschutzverbänden gibt. Wir sprechen das regelmäßig an, aber es passiert nichts. Mit der DLG gibt es dagegen einen guten Austausch.

Was sind die Hauptursachen des Insektensterbens?

Weiger: Wir haben massive Lebensraumverluste durch die ...

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Artikel geschrieben von

Dr. Ludger Schulze Pals

Leitung Landwirtschaftsverlag Münster GmbH

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