Studie

IWH: "Förderung ländlicher Räume im Osten stoppen" - Landjugend empört

Das Leibniz-Institut hat auf Basis von Wirtschaftszahlen festgestellt, dass Ostdeutschland auch in Zukunft nicht an den Westen aufschließen kann, obwohl das Wachstum dort sehr erfreulich sei. Daher solle die Politik dort ihre Förderung nur noch auf die Städte konzentrieren, da sie die größeren Wachstumschancen böten als das Land. Die Landjugend ist empört.

Ostdeutschlands Wirtschaft hat auch 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht das Niveau der westlichen Bundesländer erreicht. Das zeigt eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), die am Montag vorgestellt wurde.

Zwar habe die Wirtschaft in den Ostländern beachtliche Fortschritte gemacht, sie müsste aber deutlich stärker wachsen, um den Abstand zum Westen aufzuholen, heißt es. Als Gründe nennen die Wirtschaftsexperten eine unpassende Wirtschafspolitik von Bund und Ländern, die vor allem auf hohe Subventionen setzt, um dadurch Arbeitsplätze zu halten. Es würden so aber Anreize zu höherer Produktivität fehlen, auch im Mittelstand. Weitere Hindernisse seien der Fachkräftemangel und niedrigere Löhne.

Laut IWH-Präsident Reint Gropp seien die Bestrebungen der Bundesregierung nach Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse „unrealistisch und falsch“. Er empfahl, sich auf die Regionen zu konzentrieren, die größere Wachstumschancen böten, also die Städte. Dort entstünden jene hochwertigen Dienstleistungen, die die Wirtschaft mehr und mehr bestimmten. Heute arbeiten bereits drei Viertel der Beschäftigten im Westen in Städten, während es im Osten nur die Hälfte ist.

Zur Studie des IWH

Landjugend kritisiert rein ökonomische Betrachtung

Das wiederum kritisiert der Bund der Deutschen Landjugend scharf. Der Vorsitzende Sebastian Schaller warnt vor einer Überbewertung der jüngsten Publikation. Die Aussagen Gropps mögen aus rein wirtschaftstheoretischer Sicht eine mögliche Schlussfolgerung sein. „Doch sie zeugt im Kern von einer grundlegend falschen Herangehensweise an Gesellschafts- und Regionalentwicklung“, stellt der BDL-Bundesvorsitzende fest. Denn rein ökonomische Prinzipien bringen weder das Land noch die Gesellschaft weiter. Zudem heiße Gleichwertigkeit nicht Gleichheit. Es gehe nicht darum, alles gleichzumachen, sondern Chancengerechtigkeit sicherzustellen, heißt es im größten Jugendverband im ländlichen Raum.

„Was wäre, wenn sich die Menschen im 19. Jahrhundert bei dem Bau von Bahnhöfen und Strecken allein von rein wirtschaftlichen Überlegungen hätten leiten lassen“, fragt Sebastian Schaller und antwortet gleich selbst: „Viele der Verkehrsanbindungen, die heute von grundlegender Bedeutung sind, gäbe es nicht.“ Nur dem Weitblick und dem Prinzip der Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse z.B. auch beim Wohnungsbau, der Lebensmittel-, der Energie- und Gesundheitsversorgung sei es geschuldet, dass trotz limitierender ökonomischer Faktoren eine infrastrukturelle Grundversorgung entstand, sagte er.

Daraus und aus zig weiteren Beispielen von der Bildung bis zur deutschen Einheit selbst lässt sich seiner Meinung nach ableiten, dass es eben nicht hauptsächlich und ausschließlich ökonomischer Zweckrationalismus sein dürfe, der gesellschaftliche Entwicklungen gestaltet. „Den Forschern kann kein Vorwurf gemacht werden, sie müssen eingeschränkte Blickwinkel einnehmen, um Antworten auf drängende Fragen zu finden. Darum sind ihre Thesen aber noch lange nicht richtig“, stellt der BDL-Bundesvorsitzende fest.

„Wenn man diesen folgt, soll der ländliche Raum mutwillig abgehängt werden. Da werden nicht nur die Menschen, die dort leben, vergessen, sondern auch der Mehrwert, den die ländlichen Räume für die gesamte Bevölkerung bringen“, stellt seine Amtskollegin Kathrin Muus fest. Durch die Konzentration auf die Produktivität wird der Nutzen der Bewirtschaftung der ländlichen Räume z.B. durch die Landwirtschaft vernachlässigt…

Aus Sicht ihres Jugendverbandes ist das ökonomische Betrachtungsprinzip zugunsten der alleinig sinnvollen Maxime der Daseinsvorsorge abzulösen.

Als Grüner Cheflobbyist beim Bayer-Konzern

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Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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Diskussionen zum Artikel

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von Christian Bothe

H.Niemann und seine Liebe zur LW im Osten...

@Niemann,Sie können es einfach nicht lassen diesen historischen Unsinn zu verbreiten.Das machen Sie ja schon beim Bauer Willi Blog zur Genüge,was die Entwicklung der LW im Osten betrifft. Was diese Studie von Klüter betrifft,erspare ich mir lieber weitere Kommentare,weil dieser Herr aus dem Westen unseres Landes übrigens genau wie Sie überhaupt nicht die positive Entwicklung der LW im Osten und deren Historie erlebt und einschätzen kann. Was soll man schon von einer Studie im Auftrag der Grünen halten? Im Übrigen ist genau das Gegenteil der Fall denn die großen Landwirtschaftsbetriebe im Osten haben in den ländlichen Gebieten Arbeitsplätze erhalten trotz Rationalisierungen in der modernen Landwirtschaft. Ich denke ich kann mich dazu in diesem Sinne äußern nach fast 50 Jahren aktiver Tätigkeit und Gestaltung der Ost-und Westlandwirtschaft und Nahrungsmittelwirtschaft in unterschiedlichsten Positionen. Also H. Niemann akzeptieren Sie nun endlich mal diese Entwicklung einer hochgradig effektiven zukunftsfähigen nachhaltigen Agrarproduktion und unterlassen Sie einfach diese Polemik und diskutieren auf sachlicher Basis Probleme der praktischen LW.

von Eckehard Niemann

Eine ganz andere und wirklich wegweisende Studie für eine bessere Zukunft für Landwirtschaft und ländliche Regionen in Mecklenburg-Vorpommern ohne Agrarindustrie

Prof. Dr. Helmut Klüter (Institut für Geographie und Geologie der Universität Greifswald) - Studie über die „Landwirtschaft Mecklenburg-Vorpommerns im Bundesländervergleich“ . ------- Die Studie enthält eine Bilanz über die Entwicklung des Agrarsektors in MV seit der Wende, wobei u. a. die Gegenüberstellung von Agrarindustrie und echter Landwirtschaft eines der Leitthemen ist. Die Zwangskollektivierung (als Grundlage der bis heute fortbestehenden Agrarindustrie-Strukturen) und auch die nachfolgende Begünstigung von LPG-Nachfolge-Strukturen zu Lasten bäuerlicher Strukturen werden nicht ausgespart. Solche Agrarfabriken, zumeist in der Hand ehemaliger DDR-Kader, werden heute von diesen LPG-Nachfolgern an andere Agrarindustrielle und Investoren verkauft. ----- Die Studie belegt sehr deutlich und wissenschaftlich fundiert die negativen Folgen einer politischen Stützung agrarindustrieller Strukturen: auf Bauernhöfe, Vielfalt, Böden, Tiere, Umwelt, Landschaft, Dörfer, Wertschöpfung, Arbeitsplätze, Tourismus und ländliche Regionen. Gleichzeitig listet die Studie Wege auf, um vielfältige, mittelständisch-bäuerliche Strukturen in Zusammenhang mit anderen standortangepassten Unternehmen zu entwickeln – für lebendige Dörfer in einem attraktiven ländlichen Raum. Hier der Link zu der im Auftrag von Bündnis 90/ Die Grünen erstellten Studie: http://gruene-fraktion-mv.de/userspace/MV/ltf_mv/Dokumente/Publikationen/160621_Langfassung_Studie_Landwirtschaft_in__MV.pdf

von Thomas Blöthner

Einfach nur noch traurig

wenn man versucht mit so einer Aussage den Graben zwischen Stadt und Land zu vertiefen. Dafür hätte man keinen Lehrstuhlinhaber gebraucht. Im letzten Sommer ist unser bundesdeutscher Grüssonkel Steinmeier übers Land gereist und hat sich über die Lebensbedingungen auf dem Land informiert. Das hätte er sich auch schenken können, das hat die Situation der zum Teil ausblutenden ländlichen Regionen auch nicht verbessert. Die Erkenntnis des Leibnitz Instituts spiegelt eine immer egozentrischer denkende Gesellschaft wieder ! lg

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