[25.05.2012]
Bio-Landwirt: Mechanische Unkrautregulierung
Stolz präsentieren Politiker und Verbände jedes Jahr die Zahl der neu hinzugekommenen Öko-Betriebe. Doch so gut wie niemand spricht darüber, wieviele anschließend wieder zu konventionellem Anbau zurückkehren. Das hat sich das Magazin Focus einmal näher angesehen und erste Blicke in eine noch laufende Studie geworfen.
So gab es 2011 in Deutschland 1061 Biobetriebe mehr als im Vorjahr. Allein im Jahr 2009 haben aber 930 Betriebe der Bewegung den Rücken gekehrt, Zahlen, die kaum bekannt seien. Danach befragt, seien die Ökoverbände sehr zurückhaltend, heißt es. Demeter liefert eine Tabelle, in der Aussteiger nicht existieren. Naturland räumt immerhin ein, „dass immer wieder Betriebe kündigen“, 80 % davon würden aber die Landwirtschaft ganz aufgeben.
Wie der Focus hierzu aus der Studie zitiert, stimmt das offenbar nicht so ganz, denn von 99 befragten Landwirten, die sich zwischen 2004 und 2009 von den Biokontrollstellen abmeldeten, gaben nur 16 die komplette Aufgabe der Landwirtschaft als Grund an. Das wären also nur rund 15 % und nicht 80. Die anderen wären zur konventionellen Landwirtschaft zurückgekehrt. Die neuesten Zahlen kämen derzeit aus Schleswig-Holstein. Das dortige Statistikamt habe festgestellt, dass fast jeder zehnte Ökobetrieb zwischen 2007 und 2010 wieder zur konventionellen Landwirtschaft gewechselt hat.
Gründe sind meist Probleme mit der Wirtschaftlichkeit und der Vermarktung sowie eine extreme Bürokratie. „Ich bin psychisch kontrollgeschädigt“, sagt ein Landwirt, der wieder gewechselt ist. Die Kontrolleure hätten in seinen Büchern einen Kassenbeleg für konventionell erzeugte Petersilie gefunden. „Ich konnte dem Mann nicht klarmachen, dass die nicht für unsere Kühe war.“ Das Ergebnis war eine Strafzahlung.
Und ein anderer erklärt: „Ausgestiegen bin ich, weil da Sachen laufen, die ich nicht verstehen kann. Wie kann es Biogemüse aus Osteuropa geben?“, fragt er. Mittlerweile arbeite er wieder mit Kunstdünger. „Bio ist komplett unnötig.“ Es komme darauf an, dass jeder Bauer eine gute und gewissenhafte Landwirtschaft betreibe. Öffentlich zugeben will den Rückwechsel zu konventionellem Anbau aber kein Landwirt, stellen die Autoren fest. Zu groß sei der Druck von Verbänden und die Häme der Kollegen.
Erwünschte, idyllische Bilder von ökologisch gehaltenen Tieren. Mehr Biobetriebe als gedacht wechseln aber wieder zum konventionellem Anbau, weil sich die Vermarktung nicht lohnt oder die Tiergesundheit leidet.
Und ein Schweinezüchter, der nach sieben Jahren aufgab stellt fest, dass ihn die Umstellung damals 25 000 Mark gekostet habe. „Doch die nach Biorichtlinien ernährten Tiere sahen immer schlechter aus. Mehr und mehr Ferkel verendeten, weil ich sie wegen der Bioverordnung nicht adäquat behandeln konnte.“ Deshalb entschied er sich auszusteigen. Auch im Ökobereich sei die Marge so gering, dass man viele Tiere halten muss, um davon eine Familie ernähren zu können, so der Tierhalter weiter. In seinem Fall waren es 80 Zuchtsauen. „Diese Anzahl entspricht aber nicht der natürlichen Lebensweise, die die Bioleute immer predigen.“ Als der Tierarzt Alarm schlug, habe er die Notbremse gezogen und seine Tiere mit eiweißreichem Sojaschrot gefüttert, was nach den Richtlinien streng verboten ist. Statt 16 Ferkel pro Sau und Jahr zu Biozeiten waren es bei denselben Tieren anschließend mehr als 25. „Das war für mich der Beweis, dass diese Haltungsform eine Katastrophe für die Tiere ist.“
Wie der Focus abschließend feststellt, findet eine offene Diskussion um solche Erfahrungen kaum statt. Wer beispielsweise bei Naturland eintritt, müsse einen Vertrag unterschreiben, der ein umfassendes Redeverbot regelt.
Die im Focus erwähnte Studie wird vom Johann Heinrich von Thünen-Institut (vTI) und der Universität Kassel mit Unterstützung des BMELV durchgeführt (Titel: "Dauerhafte Ausweitung des ökologischen Landbaus in Deutschland: Analyse der Ausstiege von Betrieben und Entwicklung eines Konzeptes zur nachhaltigen Vermeidung"). Sie läuft noch bis Ende November 2012. Die in der Studie bundesweit erhobenen Daten zum Umfang der Ausstiege und den Gründen der Landwirte wurden seitens der Wissenschaftler bislang nicht veröffentlicht. Die im Focus genannten Zahlen und Aussagen stimmen nach Aussage der Bearbeiter der Studie nur bedingt mit den bisher unveröffentlichten Ergebnissen überein. (ad)
Leserkommentare
Der Pfarrer Predigt in der Kirche,
[31.05.2012]
daß keiner mehr dort hin geht, aber es hören nicht die, welche er erreichen sollte. So ist es auch hier mit den geschriebenen Kommentaren. Diese sollten nämlich unter dem Orginalartikel von Focus stehen. Erst dann sind sie öffentlich auch für unsere Kunden die Verbraucher einsehbar. Dann würde sich mancher auch besser überlegen, ob er den polemischen Grabenkampf Konventionell-Bio weiterführen will oder es besser ist gemeinsam für die Landwirtschaft zu argumentieren. Schließlich hängen beide von den gleichen ökonomischen Vorraussetzungen ab und wenn die Medien einen Skandal wittern, mit dem Einschaltquoten oder Auflage zu machen sind, dann tunken sie uns egal ob konventionell oder bio.
von schwab_höhefeld
Die Wahrheit liegt meistens in der Mitte
[31.05.2012]
Zum Thema kann ich nur das neue Buch "Wer hat das Rind zur Sau gemacht?" empfehlen. Es befasst sich zwar hauptsächlich mit der medialen Darstellung von Lebensmittelskandalen, spricht aber auch in einigen Passagen die Realität auf konv. und Biobetrieben an (auch, warum einige wieder aussteigen).
von hamburg
Warum gegeneinander ?
[29.05.2012]
warum werden hier die schlechten Seiten beider Lager wie die Nadel im Heuhaufen gesucht? Frei nach König Friedrich :"Jeder soll nach seiner Façon selig werden". Ich komme mit meinen Nachbarn gut aus, meine Kunden sind glücklich. Ich wirtschafte auf guten Böden, Ernte auch dementsprechende Mengen je ha. Sicherlich gibt es auch unter uns Bio Bauern schwarze Schafe (Mist mit Frontlader verteilen geht einfach nicht egal ob Bio oder konv.) Ich zeige aber auch nicht mit dem Finger auf meine gut wirtschaftenden konv. Kollegen. Doch eins sollten wir alle machen: Gewissenlosen Kollegen auch mal sagen das es so nicht geht, den es fällt alles auf uns zurück, egal ob konv. oder bio. Also denn: Ich wünsch Euch allen einen erfolgreichen Tag !
von bioc
Letzte Rettung Bio
[29.05.2012]
In den letzten Jahren sind etliche neue Betriebe zu Bio gewechselt, die dies als letzte Chanche gesehen haben ihren maroden Betrieb noch zu retten. Da dies dann auch mit Bio nicht funktioniert, wurde häufig die Landwirtschaft ganz aufgegeben oder aber auf konventionell zurück umgestellt. Zum biologischen wirtschaften gehört halt auch viel eigene Überzeugung zu nachhaltigen Werten dazu.
von berndhein
Selektive Wahrnehmung
[27.05.2012]
Heute eine DPA-meldung mit der Überschrift: Biomarkt wächst stark" gelesen. Im Text stand, dass der Biomarkt um 3,3 % Umsatz gewachsen ist im letzten Jahr und der konventionelle um 4,5 % Umsatz. Die richtige Überschrift hätte lauten müssen:" Biomarkt verliert Marktanteile" aber mit dem Dreisatz ist das so ne Sache oder aber es gibt in der Öffentlichkeit eine selektive Wahrnehmung zugunsten der Bioprodukte. Ich denke viele Leute wissen überhaupt nicht wie professionell heute moderne Landwirtschaft betrieben wird vom Sauenplaner über Ackerschlagkartei bis zum Melkroboter. Bio ist für mich ein riesen Marketingerfolg, mehr aber auch nicht!! Und wir normalen Landwirte müssen intensiv an der Vergleichenden Werbung arbeiten,
von landfuerst
@heike comeback
[26.05.2012]
Die von Ihnen angesprochenen Probleme sind die tatsächlichen Probleme die wir Landwirte haben; aber auch aus Ihrem Kommentar lese ich unser elementares Problem: Die Gegenüberstellung von Bio und konventionell. Das aber bedeutet das A L L E Nicht-BioBauern in die Ecke der Multis gesteckt werden, wo sdie allermeisten gar nicht hingehören. Wenn aber jeder der Meinung ist, die bösen konventionellen stecken alle mit den Konzernen unter einer Decke, so haben wir eine sich selbst erfüllende Prophezeihung
von user10
entscheidungsfreiheit
[26.05.2012]
mal abgesehen von den unzähligen tierversuchen,welche die konventionellen agrarchemiekonzerne durchführen (müssen) um immer wieder neue spritzmittel vermarkten zu können und abgesehen von dem berufskrankheitsrisiko wie zb. parkinson, durch eben solche anwendungen ausgesetzt zu sein(kann noch jeder selbst entscheiden),so ist das alles noch zu toppen indem die branche nun auch noch genmanipulationen im saatgut zulässt.da hört die ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT auf.!!!warum lässt die konv.branche gvo-verunreinigungen zu? an diesem punkt bin ich als konv.bäuerin geneigt zu sagen ,da ist bio besser.die biobranche lehnt gentechnik im essen konsequent ab !!!.-was wollen wir morgen essen? wie sollen diejenigen leben,die nach uns kommen ? herzlichst
von heike comeback
Die Fronten wurden
[25.05.2012]
bereits aufgebaut und zwar durch die "vergleichende Werbung" der Biobranche die als wesentliche Argumentation ihrer Daseinsberechtigung mit dem Finger auf "Die Konventionellen" zeigt. Genau das aber ist das Problem, so können wir die wirklichen Probleme der Bauern niemals in die Öffentlichkeit bringen. Lachende Profiteure dieses unsinnigen Vorgehens ist die "Agrarindustrie" die unbehelligt weitermachen kann.
von user10
Profiteure der Überproduktion?
[25.05.2012]
Wie bereits gesagt bin ich der Meinung, dass jeder für sich selbst entscheiden soll, wie er produziert und es ist unsinnig, hier Fronten aufbauen zu wollen. Wenn aber ein Nichtlandwirt Hungersnöte heraufbeschwören will, während wir gleichzeitig bei fast allen Nahrungsmitteln eine rasante Überproduktion mit entsprechend schlechten Preisen haben, macht dies sehr nachdenklich: Paßt einigen Bio vielleicht nicht ins Konzept, weil eben dadurch die Überproduktion nicht noch mehr angeheizt wird? Weil man eigentlich von der Überproduktion und den daraus resultierenden schlechten Erzeugerpreisen in Form von geringeren Einkaufskosten profitiert?
von Doris Peitinger
weniger isst weniger
[25.05.2012]
Die Bioleute erklären mir immer das das kein Problem ist wenn man weniger erntet, die Menschen dürfen dann halt nur einmal in der woche Fleisch essen, das sei ebenfalls viel gesünder! Ich werde beim nächsten Grillabend darauf achten, ob die "Ökos" auch nur ein Würstenchen essen oder vielleicht doch ein Steak und ein würstchen......
von landfuerst
Bio da wo es hinpasst ansonsten bitte konvetionell!
[25.05.2012]
Dieses ganze gegeneinander aufhetzen (Bio gegen konventionell) bringt der Landwirtschaft nichts, im Gegenteil. Meiner Meinung nach sollte auf Grenzstandorten Biolandwirtschaft betrieben werden, da dort dann die Bioerträge fast an die der konventionellen Landwirtschaft heranreichen. Auf allen anderen (mittleren und guten Standorten) MUSS konventioneller Anbau stattfinden, da hier Ökolandwirtschaft auf die produzierte Einheit gesehen gar nicht so Öko ist...
von agronaut
EGAL
[25.05.2012]
Wäre alles in Europa "BIO", dann wäre Europa am verhungern, Afrika längst verhungert und die Regenwälder alle gerodet. Nur den Zusammenhang will man nicht verstehen. Schon gar nicht unsere raffgierigen Einzelhändler und die verfressenen geizigen verbraucher auch nicht.
von futtersilo
BIO
[25.05.2012]
"Jedoch zu denken, die gleiche Menge produzieren zu können und gleichzeitig einen höheren Preis einzustecken, ist widersinnig!" Die Menge wird weniger, aber dafür fördert der Staat Bio besonders gut! Hier mal ein "BIO"Betrieb und eine Bank, die uns die Flächen wegkauft und Kapitalanleger erfreut! Die Masche Bio zieht! http://www.gls.de/unsere-angebote/beteiligungen/genussscheine/im-ueberblick-bio-boden-schorfheide/ Das ist Pervers und sagt uns, das der Staat unverzüglich die einseitige Förderung einstellen muss!
von thifra
Kreativer Journalismus
[25.05.2012]
Entweder liegt TA ein anderer Artikel vor, als mir: http://www.focus.de/wissen/technik/tid-25909/forschung-und-technik-medizin-die-bio-aussteiger_aid_743729.html ansonsten kann man den TA-Artikel nur als äußerst kreativen Journalismus werten.---Richtig ist allerdings, dass einem auch im Biobereich nicht die gebratenen Tauben in den Mund fliegen - wer dies glaubt, der hat sich vor der Umstellung wohl nicht richtig schlau gemacht, ob er mit einem anderen System auch zurechtkommt. Jeder sollte sich überlegen, ob Bio oder Konventionell für ihn und seinen Betrieb besser geeignet ist. Jedoch zu denken, die gleiche Menge produzieren zu können und gleichzeitig einen höheren Preis einzustecken, ist widersinnig.
von Doris Peitinger
Verlässliche Daten fehlen
[25.05.2012]
Jeder der versucht ernsthaft Daten zu vergleichen bevor er zu Bio wechselt, wird die gleiche Erfahrung gemacht haben wie ich: es gibt keine!
von user10
Stasimethoden?
[25.05.2012]
In den Verträgen wird lediglich darauf hingewiesen, dass kein Mitglied - ohne Rücksprache mit dem Verband - im Namen des Verbandes Aussagen treffen darf. Ich halte das für legitim. Das jeder ein schwarzes Schaf aus dem jeweils anderen Lager kennt, ist auch klar.Die Gründe für eine Rückumstellung liegen in der Erkenntnis, dass Öko-Landbau eben nicht die Landwirtschaft von gestern ist. Die in dem Beitrag angesprochenen Rückumstellungsgründe, halte ich für fadenscheinig.
von Öko-Bauer
Stasimethoden?
[25.05.2012]
Wenn es stimmt, dass Ökoverbände Verschwiegenheitsklauseln in ihren Aufnahmeverträgen haben, dann ist das schon ein starkes Stück. Was soll denn hier verborgen werden? Kann jemand dieses hier bestätigen? Ach ja die Ökonomie lässt sich anscheinend doch nicht verkehrt rum erklären durch die Ökobrille....und mit der Tiergesundheit und dem Tierschutz!! scheint es ja auch nicht tolerierbare Probleme zu geben. Wenn ich dann noch sehe wie Biobetriebe bei mir vor der Haustür besch...indem sie unerlaubte Dünger ausbringen,Einstreumaterial benutzen das eigentlich unter die Bioabfallverodnung fallen würde, Der Sickersaft läuft in die Wiese und Mist wird schon mal mit dem Frontlader auf dem Feld verteilt...Und dann wird noch bei den Statistiken gemoge
von landfuerst
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