Kommentar zu Milchprotesten: "Die Bauern sollten selbst nachdenklich werden"

[02.08.2012]


Demo von Milchbauern Demo von Milchbauern Bauernproteste gegen den Preisverfall bei der Milch sind gerechtfertigt, findet Daniela Kuhr von der Süddeutschen Zeitung in ihrem Kommentar. Den Verbrauchern im Laden sei kaum bewusst, dass günstige Nahrungsmittel auf der anderen Seite auch Gewinneinbußen für die Landwirte bedeuten. Doch eben weil das Ausblenden so einfach ist, würden sich die Bauern manchmal zu drastischen Maßnahmen gezwungen, schreibt sie. Wie am Montag, als BDM-Chef Romuald Schaber warnte: Wenn der Milchpreis weiter falle, seien Proteste wie 2008 und 2009 nicht auszuschließen.
 
Aktuell zeigt der Trend bei den Milchpreisen nach einer zwischenzeitlichen Erholung wieder nach unten. Noch bekämen die Bauern 26 bis 32 Cent, doch da die Produktionskosten seit 2008 deutlich angezogen haben, stehen die Erzeuger laut Schaber bereits schlechter da als damals. Streiks schließt er daher nicht mehr aus: „Die Menschen werden nachdenklich, wenn sie sehen, dass die Bauern ihre Milch auf die Felder sprühen.“ Er mag recht haben – und doch wäre damit nichts erreicht, so Kuhr in ihrem Kommentar.
 
Es genügt ihrer Meinung nach nicht, wenn die Menschen nachdenklich werden. Kein Discounter werde die Milch nur deshalb teurer anbieten, weil er zuvor das Leid der Milchbauern vor Augen geführt bekommen hat. Dafür sei der Konkurrenzkampf im Einzelhandel viel zu groß. Auch die Verbraucher würden nach solchen Protesten nicht dauerhaft zur teureren Milch greifen, da sie doch gar nicht wüssten, ob sie damit wirklich dem kleinen Almbauern helfen oder nicht doch dem auf Effizienz getrimmten Großbetrieb. Und schließlich wird laut der Autorin auch die Politik kaum helfen können, zumal sie die Milchbauern bereits mit zahlreichen Subventionen unterstützt, besonders solche, die Weidehaltung betreiben oder in schwierigen Hanglagen wirtschaften.
 
Die Milchbauern fordern allerdings auch gar keine neuen Beihilfen, sondern eine private Seite, die den Markt beobachtet und den Landwirten auch in Zukunft vorschreibt, wie viel sie liefern dürfen, weist Kuhr auf eine BDM-Forderung hin. Ähnlich also der Milchquote, mit der Brüssel früher die Preise stabilisiert hat. Ihrer Ansicht nach ist das allerdings utopisch. Man bräuchte nicht nur einen EU-Außenschutz, um zu verhindern, dass Drittländer den Markt mit Milch überschwemmen. Es müssten auch alle Bauern mitmachen, freiwillig. Dafür gibt es dann  doch zu viele, die sich nicht verbieten lassen wollen zu wachsen.
 
Stattdessen empfiehlt Kuhr den Milchbauern, selbst nachdenklich zu werden. Schon das Kartellamt habe ihnen bescheinigt, dass sie sich besser organisieren müssen, damit der Handel nicht so leicht ausnutzen kann, dass die Bauern ihre Milch immer möglichst nah und schnell absetzen müssen, weil sie sonst verdirbt. Zudem könnten sich die Landwirte auch terminbörslich besser absichern. Vor allem aber hätten sie die Möglichkeiten, die besondere Qualität ihres Produktes anzupreisen, längst noch nicht ausgereizt. Noch immer überwiegt in den Kühlregalen Standardware statt Milch, die damit wirbt, dass sie aus der Region kommt oder von Kühen stammt, die auf der Weide stehen oder gentechnikfrei gefüttert werden.
 
Mit solchen Maßnahmen könnten die Bauern viel erreichen – während das Wegkippen von Milch bei den meisten Menschen nur eines provoziere: Den Gedanken, dass man so etwas nicht tut, heißt es in der Süddeutschen. (ad)

Hintergrund:
Milchbauern drohen mit Milchvernichtung auf Feldern (31.7.2012)

Leserkommentare

7 Kommentar(e)
  • [04.08.2012]

    Die Kommentatorin mag in vielen Punkten recht haben. Allerdings möchte ich mal daran erinnern, das grade das Kartellamt den Milchstreik als unzulässige Unternehmensveinigung betrachtete. Bleibt also die Frage, wieviel Bündelung das Kartellamt letzlich mitträgt. Denn wenn es uns weiterhelfen soll, müssen wir uns minderstens derart stark zusammenschließen, wie dies beim LEH ohnehin der Fall ist. Sprich, wir Bauern müßten min 20-25% der Milch an nur einem Punkt bündeln dürfen. Das Kartellamt könnte aber auch seinerseits die Konzentration im LEH mal beenden, indem es unter Berücksichtigung aller Querverbindungen, einen max Marktanteil von 5% je Unternehmen zuläßt.

    von preuße

  • Agrarrohstoffpreise

    [03.08.2012]

    Warum kommen die steigenden Agrarrohstoffpreise nicht auch den Veredler zugute? Ganz einfach!!!! Es gibt einfach noch zu viele Veredler, egal ob bei Milch oder Schweinefleisch!!!!!!! Die Veredlung ist in der Hoffnung auf luckrative Weltmärkte schneller gewachsen, wie der Markt mit hochpreisigen Produckten verträgt!

    von holstein-paule

  • Ohne Quote = Markt pur oder Nachteile Ausgleichen!!!!

    [03.08.2012]

    Ohne eine Ouote setzt sich Effizientz durch!! Wiesen sind eigendlich keine Wiesen sondern durch Nachsaat Weidelgrasäcker mit 5-6 Schnitten und 300kg NEntzug!!!Das heißt wenn sich dann ein Herr Nils/Finazminister von BW mit Sprüchen durchsetzt das ein zugewachsenes Tal nichts ausmacht wird BW 50% seiner Milch verlieren!! Weil Badenwürtemberg,Bayern Meka,naturnahe Bewirtschaftung, und zusätzliche Honorierung des Landes die Effiziens (MARTKT) verhinderte!! Nun will die Politik diese Flächen für den Naturschutz aber ohne Ausgleich und ohne Meka und koo allso ist die Landwirtschaft KO. Nun Herr Kur:Trauen Sie sich Wirklich beim jetztigen Preisniau den Milchpreis für das nächste Jahr festschreiben????Somit ist Börse immer ein Totschlagargument

    von elinge

  • Etwas Knappheit und zwei Tage Hunger und wir hätten eine andere Debatte, garantiert!

    [03.08.2012]

    Ich denke mal viele Bauern haben seit vielen Jahren schon genau nachgedacht, mehr als alle Journalisten und der DBV zusammen. Wir erleben zur Zeit gerade enorme Agrarrohstoffpreise. Die Ackerbauern freut's, allen Veredlern ist's ein Graus. Wollen wir nur hoffen dass niemand hier im D-Land wirklichen Hunger schieben muss, denn dann wird es andere Kommentare hageln. Warum kommen die aktuellen Agrarrohstoffpreise den Veredlern nicht zugute? Hat der DBV da etwa komplett gepennt, als die Margenaufteilung der Produktionskette nur aus Sicht des Stärkeren (Molkereien, Schlachtbetriebe, LEH, usw.) gemacht wurde?

    von helmut_ehrlicher

  • Quälende Debatten...

    [02.08.2012]

    Nicht die Frage,wielange Bauern die Politik wirtschaftlich aushalten ist interessant, sondern "wer übersteht die Diskussionen". Milchbauer 1 sagt."intelligenter Kommentar". Milchbauer 2 sagt: "Artikel ohne Nährwert". Weder schlechte Milch noch Schweinepreise werden uns das "Genick brechen". Das, was die Politik von außen an Kostensteigerung,EEG Subventionen, Wettbewerbsverzerrung und Auflagen in die Landwirtschaft hineinträgt, wird zum größten Strukturbruch aller Zeiten führen.Nur Bauern die völlig "wertfrei" und anpassungsfähig unterwegs sind, haben eine Chance. Beispiel aus meiner Ecke:Bis zur Räumung des konv. Maststalls waren die Tiere gut.Nach Umstellung auf Stroh spricht man von Massentierhaltung und Antibiotika. So wirkt Politik v.O.

    von

  • tja...

    [02.08.2012]

    ...die Milch ist schon gebündelt, die Genossenschaften haben jede Menge. Für hochwertige Produkte ist der Markt sehr klein, eben nichts für die Masse. Hochwertige Produkte ist dann auch wieder Definitionssache, ist es der mit allen möglichen Stoffen getunte Molkedrink mit enormer Wertschöpfung für die Molkerei oder der handgemachte Joghurt ohne Zusatzstoffe, der im Sommer mit Weidegang auch mal anders schmeckt und aussieht als im Winter? Ich sehe da schwarz, der Verbraucher will billig, Hauptsache da Zeugs bringt ihn nicht sofort um (...oft aber auch Zwang, durch steigende Energiekosten usw. kommen immer mehr Menschen in finanzielle Nöte). Fazit: Schöner Artikel, aber ohne Nährwert.

    von blabla

  • Ein sehr intelligenter Kommentar! Meine Hochachtung!

    [02.08.2012]

    Auch was die Schlüsse angeht hat Frau Kuhr sehr richtige Ansätze. Was die Organisation und Bündelung unter den Bauern angeht haben wir erhebliche Defizite, die es auszuräumen gilt, wenn wir nicht von Industrie und Handel überrannt und verdrängt werden wollen. Mit Nahrungsmitteln an Börsen zu spekulieren sollte man dagegen ablehnen. Was die Anpreisung unserer eigentlich hochwertigen, aber meist doch nur als Massenware verrammschten Erzeugnisse angeht muss ich Frau Kuhr wieder beipflichten. Auch in diesem Bereich gibt es wahrlich viel zu tun. Nur können dies die Bauern kaum selber tun. Dazu müssen die Molkereien und Handelsmarken mitziehen und ihre Vermarktungsstrategien optimieren. Die Bauern können dafür im Gespräch mit Bürgern aufklären.

    von detmarkleensang

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