Intensive Beratung kann das Tierwohl verbessern

Dr. Maria Flachsbarth Dr. Maria Flachsbarth
Bild: BLE
Der Verzicht auf das Schwänzekürzen bei Schweinen und auf das Schnäbelkürzen bei Legehennen erfordert eine intensive Beratung der Tierhalter, mehr Zeit bei der Entwicklung praxistauglicher Lösungen und eine Antwort auf die Frage, wie die entstehenden Mehrkosten bei der Produktion gedeckt werden.

Das waren die drei zentralen Ergebnisse des Fachsymposiums Tierschutz der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), das in der vergangenen Woche in Bonn stattfand. Vorgestellt wurden dort die ersten Ergebnisse des vom Bundeslandwirtschaftsministerium geförderten „Modell- und Demonstrationsvorhabens Tierschutz“.

„Die öffentliche Diskussion über Tierschutz und Tierhaltung ist nicht die Ursache, sondern ein Symptom dafür, dass die Landwirtschaft mit einem Aktzeptanzproblem in der Gesellschaft zu kämpfen hat“, sagte Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin im BMEL, zur Eröffnung der Veranstaltung. Deshalb bestehe Handlungsbedarf. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt wolle den Landwirten aber nicht einfach „politische Vorgaben überstülpen“, sondern setze zunächst auf „freiwillige Verbindlichkeit“ und Vereinbarungen der Branche. „Deutschland hat als Veredlungsstandort Zukunft, wenn das Tierwohl in den Mittelpunkt gestellt und dabei die Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibt“, betonte Flachsbarth.

21 Mio. bis 2018 für den Wissenstransfer

Eine ganz besondere Rolle spiele dabei der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis und die fachkompetente Beratung der Tierhalter bei ihren Tierwohlmaßnahmen. Deshalb habe Schmidts Vor-Vorgängerin Ilse Aigner schon 2012 für die Zeit bis 2018 rund 21 Mio. € für Modell- und Demonstrationsmaßnahmen bereitgestellt. Dieses Projekt sei nun in Minister Schmidts Initiative „Eine Frage der Haltung – Neue Wege für mehr Tierwohl eingebettet, erläuterte die Staatssekretärin.

Mit dem Geld werden themenbezogene Beratungsinitiativen und Netzwerke von Landwirten gefördert, um zum Beispiel praktikable Lösungswege für den Verzicht auf das Schnäbel- und Schwänzekürzen oder zur Reduzierung des Medikamenteneinsatzes Nutztieren zu finden. Das ist im Rahmen der bisher bestehenden 8 Beratungsinitiativen und 5 Netzwerke zumindest in Ansätzen gelungen.

Die entwickelten Checklisten, Schwachstellenanalysen und darauf aufbauenden Maßnahmenpläne hätten messbare Tierschutzverbesserungen zum Beispiel beim Federpicken und Schwanzbeißen gebracht und den Antibiotikaverbrauch reduziert, betonten die im Projekt eingebundenen Berater und Wissenschaftler bei der Vorstellung der Ergebnisse. Allerdings sei das in der Regel mit einem hohen Beratungsaufwand sowie Mehrkosten für Arbeit und Investitionen bei den Landwirten verbunden.

Kein übereilter Ausstieg aus dem Schwänzekürzen

MuD Fachsymposium MuD Fachsymposium
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An allen Baustellen müsse aber noch intensiv weitergearbeitet werden, hieß es. Das gelte insbesondere für das Schwanzbeißen beim Schwein. Man kenne die Risikofaktoren für das Auftreten von Schwanzbeißen, aber warum es in welcher Situation wann auftrete, könne nach wie vor nicht mit hinreichender Sicherheit vorhergesagt werden. Ein flächendeckender Verzicht auf das Schwänzekürzen sei deshalb ein sehr großes Risiko, das man derzeit nicht eingehen soll.

Flachsbarth zeigte dafür Verständnis. Es gelte deshalb, zusammen mit den Betroffenen Akzeptanz in der Gesellschaft und bei den Verbrauchern für die Landwirtschaft und die Tierproduktion zu schaffen. Dafür seien Veränderungen in einem anhaltenden Prozess notwendig. Gesetze zu erlassen, sei sicher der einfachere Weg, doch wenn wissenschaftlich tragbare oder praxistaugliche Lösungen fehlten, drohe Wettbewerbsfähigkeit verlorenzugehen und die Produktion unter Verlusten von Arbeitsplätzen im ländlichen Raum ins Ausland verlagert zu werden. Um dies zu verhindern, wolle das Bundeslandwirtschaftsministerium den Betroffenen unter Begleitung der Politik ermöglichen, dass Tierwohl selbst weiter zu entwickeln und sie dabei mit der Förderung von Forschungsvorhaben und Projekten wie dem Modell- und Demonstrationsvorhaben unterstützen. Auch wenn es dabei „nicht immer einfache und Lösungen und Konzepte gibt“, ließ Flachsbarth keinen Zweifel daran, dass Deutschland bei der Verbesserung des Tierwohl vorankommen müsse und dafür gemeinsam auch verbindliche Zwischenziele vereinbart werden müssten.

Bezüglich des gesetzlich vorgesehenen Verbotes der betäubungslosen Ferkelkastration ab 2019 und den Vorbehalten des Lebensmitteleinzelhandels gegenüber Eberfleisch brachte Flachsbarth die Immunokastration als mögliche Lösung ins Spiel, über die noch einmal nachgedacht werden müsse.

„Modell- und Demonstrationsvorhaben sind ein wesentlicher Bestandteil der Tierwohlinitiative der Bundesregierung“, betonte die Staatssekretärin. Deshalb wolle das BMEL das Vorhaben über 2018 hinaus fortsetzen und finanziell aufstocken. Dann wäre es nach Auffassung der Teilnehmer des Symposiums aber notwendig, den Ansatz zu internationalisieren und auch den Lebensmitteleinzelhandel einzubeziehen.

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Leserkommentare Kommentieren

  1. von Richard Huber · 1.
    Die Beratung

    hat uns dahin gebracht wo wir jetzt stehen. Dazu gehören alle Probleme im Umfeld mit der außerlandwirtschaftlichen Bevölkerung und auch dem Tierwohl. Wer sich an der (staatlichen) Beratung orientiert landet in der Sackgasse.

    Das meinen unsere Leser:
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