Psychoterror gegen Schweinehalter

Familie Seefried aus ­Mittelfranken wehrt sich gegen ein geplantes Wohngebiet, das bis auf 150 Meter an ihre Ställe heranrückt. Dafür wurden sie mit Drohbriefen und Demonstrationen unter Druck gesetzt.

Du hast Deinen Schweinestall bauen dürfen und wir wollen unsere Siedlung und Häuser bauen. Wenn Du Deine Klage nicht sofort zurückziehst, wird es keinen Frieden geben, wir werden Dich klein kriegen!“

So beginnt ein anonymer Drohbrief, den Marion und Werner Seefried aus Gnotzheim im Landkreis Weißenburg- Gunzenhausen am 21. Juni 2014 in ihrem Briefkasten fanden. Im weiteren Verlauf des Briefes kündigte der Verfasser konkrete Attacken an und drohte dem Landwirt sogar mit Krieg (siehe Foto auf Seite S 23).

Seefrieds waren schockiert und legten den Drohbrief sofort der Polizei vor. Der zuständige Beamte stufte den Inhalt des Schreibens zwar als kriminell ein. Er wies aber darauf hin, dass die Polizei erst dann reagieren könne, wenn etwas passiert sei.

Was hatte Landwirt Seefried verbrochen, dass sich Menschen der 800-Seelen-Gemeinde zu solchen Psychoterror-Maßnahmen gegen den Landwirt und seine Familie hinreißen ließen?

Der Unternehmer hatte Einwände gegen einen Bebauungsplan geäußert, weil das geplante Wohngebiet bis auf weniger als 150 Meter an seinen Aussiedlungsstandort heranrücken würde (siehe Karte auf Seite S 24). Dort hat er 180 Deck- und Wartesauen sowie die Aufzuchtferkel und Mastschweine untergebracht. Die Abferkelabteile, die bisher noch an der Althofstelle in Ortslage stehen, will der Landwirt ebenfalls an diesen Standort aussiedeln.

„Landwirt bleibt keine Wahl“:

Nach Ansicht von Seefrieds Rechtsanwalt Professor Michael Hauth bleibt dem Landwirt gar keine andere Wahl, als gegen den Plan vorzugehen: „Sind einmal die ersten Häuser bezogen, wird es nicht mehr lange dauern, bis sich die Bewohner gegen den Stall zur Wehr setzen“, gibt der Jurist zu bedenken. „Dem Landwirt wird dann nicht nur das Leben schwer gemacht. Er kann auch notwendige Erweiterungen nicht mehr vornehmen.“

Um genau diese Konflikte und Probleme zu vermeiden, hat bereits Seefrieds Vater 1991 mit der Aussiedlung des Deck- und Wartestalls begonnen. Der Standort südöstlich von Gnotzheim schien dafür gut geeignet zu sein, weil die Gemeinde damals die Entwicklung der Wohnbebauung in Richtung Norden vorantrieb und dort ein Baugebiet auswies. Allerdings empfahl der Gemeinderat dem Landwirt damals, noch etwas weiter vom Ort abzurücken.

Nach der Hofübernahme siedelte Werner Seefried Schritt für Schritt auch die Ferkelaufzucht und die Mast an die neue Hofstelle aus und investierte 2013 in neue Deck- und Warteplätze.

Gemeinde machte Kehrtwende.

Diese letzte Erweiterung konnte Seefried jedoch nur deshalb verwirklichen, weil er aufgrund des Ergebnisses eines GIRL-Gutachtens weitreichende immissionsmindernde Maßnahmen ergriff. Denn die Gemeinde Gnotzheim hatte schon bald nach der Aussiedlung des Betriebs Seefried eine Kehrtwende vollzogen und trieb die Bebauung vorrangig am Südrand des Ortes voran.

Dass es dabei zwangsläufig zu Zielkonflikten kommen muss, bestreitet der Gnotzheimer Bürgermeister Josef Weiß: „Die Geruchsimmissionen sind von den Bürgern immer toleriert worden, obwohl Seefried mehrmals erweitert hat“, so das Gemeindeoberhaupt.

Im Jahr 2000 verwirklichte die Gemeinde den ersten Bebauungsplan mit rund 20 Wohneinheiten in Richtung von Seefrieds neuer Hofstelle. Bereits dagegen äußerte der Schweinehalter seine Bedenken. Auch gegen den zweiten Bebauungsplan mit weiteren 20 Wohnhäusern, dessen Aufstellung der Gemeinderat im Frühjahr 2014 beschloss, ging er von Anfang an vor.

Massiv unter Druck gesetzt!

Doch auf Verständnis für sein Anliegen, die Existenz seines Betriebes zu sichern, stieß der Landwirt weder bei den Behörden noch bei den Kommunalpolitikern. Im Gegenteil: Der Landwirt und seine Familie wurden massiv unter Druck gesetzt, weil er sich gegen das Baugebiet wehrte.

Einige Wochen nach Eingang des anonymen Drohbriefes wurde Seefried vom Landratsamt Weißenburg-Gunzenhausen schriftlich auf­gefordert, einen Streifen eines Maisbestands entlang einer Straße zu entfernen. Denn die Pflanzen würden das Sichtfeld so stark einschränken, dass „die Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs beeinträchtigt ist“.

Der Landwirt war völlig überrascht, weil ihn vorab niemand aus der Gemeinde auf das Problem hingewiesen hatte. Im Nachhinein erfuhr er, dass es auch einen Ortstermin zu diesem Thema gab, zu dem er als Betroffener aber gar nicht eingeladen war.

Wenig später stellten Anwohner ein großes Plakat vor dem Maisschlag auf, das in sehr anklagender Form zur Entfernung des Maises aufforderte. Neben dem Aufruf war ein Totenkopf mit gekreuzten Knochen aufgemalt, dem Symbol für Gift (siehe Foto Seite S 24).

Die Situation eskalierte, als die Gemeinde Ende 2014 die Satzung des Bebauungsplans beschloss und Seefried wenige Wochen später Normenkontrollklage dagegen einlegte. Obwohl der Gnotzheimer Bürgermeister Josef Weiß darüber informiert war, warb er im amtlichen Mitteilungsblatt um Interessenten für Bauplätze. Die laufende Klage und die Konsequenzen daraus erwähnte er nicht.

Seefried sah sich deshalb selbst verpflichtet, potenzielle Grundstückskäufer über seine Klage und die möglichen Folgen zu informieren und nutzte dazu Anfang Januar einen Presseartikel in der regionalen Tageszeitung. „Ich wollte nicht, dass Mitbürger Bauland erwerben, das diese dann wegen meiner Klage gar nicht bebauen können“, so der Landwirt. Einen Tag später stellte der Bürgermeister in einem weiteren Presseartikel seine Sicht der Dinge dar. Der Tenor lautete, zum Baugebiet neben dem Schweinestall gebe es keine Alternative.

Fackeldemo am Wohnhaus:

Ende Januar versammelten sich abends um 18.00 Uhr rund 50 Personen bei Schneegestöber vor dem Wohnhaus der ­Familie Seefried zu einer Art Haberfeld­treiben. Einige Teilnehmer waren mit Fackeln und Lampen aus­gerüstet und riefen Parolen wie „Wir wollen ein ­Baugebiet, kein Saugebiet“ oder „Die Schweine müssen weg“. Darunter wa­ren auch Kinder und Jugend­liche, die ­auf­gefordert wurden, in die Fenster des Wohnhauses zu leuchten. Werner ­Seefried rief schließlich die Polizei um Hilfe, die die unsägliche und nicht genehmigte Versammlung auf­löste.

Es folgten zwei weitere Demonstrationen der Befürworter des Baugebiets, diesmal mit Genehmigung des Land-ratsamtes. Beide fanden abends in der Dunkelheit ab 19.00 Uhr statt, eine neben dem Aussiedlungsstandort, die andere auf dem Marktplatz. Doch die Zahl der Teilnehmer ging von Mal zu Mal deutlich zurück.

Dafür goss der Bürgermeister im März 2015 noch einmal Öl ins Feuer. Im amtlichen Mitteilungsblatt der Gemeinde Gnotzheim hielt er dem Landwirt vor, wegen dessen Klage stocke die Erschließung des Baugebietes und der Verkauf von Bauplätzen. Zudem kritisierte der Bürgermeister, der Schweinehalter habe ein Schlichtungsgespräch abgelehnt.

Seefrieds Rechtsanwalt Michael Hauth hält diese Vorwürfe für unsinnig: „Selbstverständlich ist Herr Seefried gesprächsbereit – ich wüsste nur nicht worüber“, entgegnet Hauth und fragt: „Was soll denn mit der Schlichtung erreicht werden? Dass die Gemeinde die angegriffene Bebauungsplanerweiterung wieder rückgängig macht oder Herr Seefried mit seinem Hof woanders hinzieht?“

Zweiter Drohbrief:

Eines hat der Bürgermeister mit seinem öffentlichen Angriff auf jeden Fall erreicht – er hat die feindliche Stimmung gegenüber dem Landwirt weiter angeheizt. Wenige Tage nach Erscheinen des Gemeindeblatts erhielt Familie Seefried einen weiteren bösen Drohbrief.

Der anonyme Verfasser spielte diesmal die moralisch-religiöse Karte und warf dem Landwirt gieriges und gottloses Verhalten vor. Abschließend empfahl er Seefried einzulenken und verband dies mit der Drohung „Wenn nicht, werde ich mein Vorhaben umsetzen“. Konkreter wurde der Verfasser nicht.

Ob Zufall oder nicht – nachdem Seefried seine Klage eingereicht hatte, häuften sich auch die behördlichen Kontrollen. So prüfte der Zoll, ob er bei seinem Fuhrpark ausschließlich Diesel und kein Heizöl einsetzt. Zur Bauabnahme seines neuen Sauenstalles kam nicht nur der Baukontrolleur, sondern zusätzlich zwei Veterinäre und ein Emissionsfachmann.

Die öffentliche Hetzjagd machte Seefried und seiner Familie schwer zu schaffen. „Der Druck war so groß, dass wir uns aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen haben“, berichtet Marion Seefried.

Viele Unterstützer:

Allerdings bekam die Familie auch moralische Unterstützung von Mitbürgern. Sie redeten Seefrieds gut zu und machten ihnen Mut. Einige verurteilten das Mobbing gegen die Landwirtsfamilie auch öffentlich in Leserbriefen.

In seiner Not wandte sich der Schweinehalter auch an mehrere Landtagsabgeordnete. Große Hoffnung setzte er dabei auf den zuständigen CSU-Abgeordneten Manuel Westphal, der aus einem landwirtschaftlichen Betrieb stammt und den Slogan „Unsere starke Landwirtschaft weiter fördern“ auf seine Fahnen geschrieben hat.

Doch zunächst musste Seefried einige Wochen auf einen Gesprächstermin warten. Dann wollte der Politiker auch keine Partei für den Landwirt ergreifen. Die Gemeinde habe Planungshoheit bei der Aufstellung eines Bebauungplanes und müsse dabei öffentliche und private Belange er­­mitteln, bewerten und abwägen, so ­Westphal.

Auch zum Mobbing gegen die Landwirtsfamilie äußerte sich der Abgeordnete sehr distanziert. Die Drohbriefe seien ihm selbst nicht bekannt. In diesem Fall sollte Familie Seefried entsprechende rechtliche Schritte prüfen lassen. Und Versammlungen, also auch Demonstrationen und deren Rechtmäßigkeit seien anhand der geltenden Bestimmungen seitens der zuständigen Behörden zu prüfen.

„Hier wird übel gehetzt.“

Ganz anders reagierte Johann Häusler, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler. Er besuchte Familie Seefried zusammen mit seinem Fraktionskollegen Professor Peter Bauer und verurteilte den Umgang mit der Landwirtsfamilie in scharfer Form: „Hier wird auf üble Art und Weise gegen eine rechtschaffene Familie gehetzt, die in überschaubarer Größenordnung und mit großer fachlicher Qualifikation Schweinehaltung betreibt und nichts anderes will, als mit rechtsstaatlichen Mitteln ihre Existenz zu sichern.“

Auch mit Kritik am Bürgermeister hält sich der Landespolitiker nicht zurück: „Es ist unverantwortlich, diesen Zielkonflikt zwischen Anwohnern und Aussiedlerhof in Kauf zu nehmen, zumal es einen geprüften Alternativstandort für die Wohnbebauung im Ort gibt“, so der Abgeordnete. Er versprach dem Schweinehalter, sein Anliegen notfalls auch im bayerischen Landtag zu thematisieren.

Auch wenn sich die Lage seit dem Frühjahr etwas entspannt hat, sind Marion und Werner Seefried noch nicht wieder im normalen Alltag angekommen. „Die Attacken haben tiefe Wunden geschlagen, die nicht so schnell heilen“, gibt Marion Seefried zu bedenken.

Familie hofft auf Fairness:

Zudem wissen sie nicht, was noch alles auf sie zukommt. Sie hoffen aber, dass die Gegenseite den Interessenskonflikt künftig sachlicher und fairer austrägt und die Entscheidung des Gerichts auch dann akzeptiert, wenn sie gegen das Baugebiet ausfällt.Klaus Dorsch

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