Pflanzenschutz

Krankheiten integriert kontrollieren – so geht’s!

Die politischen Vorzeichen stehen auf Reduktion von Pflanzenschutzmitteln. Das macht den integrierten Fungizideinsatz aktueller denn je.

Dass eine pauschal höhere Intensität in feuchten Jahren wie 2021 unnötig sein kann, zeigen die letztjährigen Demonstrationsversuche der LWK NRW sehr schön (siehe Übersicht 1 und 2).

Behandlung

(Bildquelle: LWK NRW)

Behandlung

In beiden Regionen herrschte Infektionswetter und es war Sporenmaterial vorhanden. Aufgrund des unterschiedlichen Epidemieverlaufs war die nötige Fungizidintensität jedoch verschieden. (Bildquelle: LWK NRW)

Die wichtigste Erkenntnis daraus: Die richtige Intensität ist unbedingt schlagspezifisch festzulegen. Denn startet z.B. eine Epidemie trotz feuchter Witterung verhalten, kann es sein, dass trotzdem eine einmalige Behandlung reicht. Um zudem erregerspezifisch behandeln zu können, ist es essentiell, die Krankheiten zu kennen – was allerdings nicht immer einfach ist. Das gilt besonders für Schneeschimmel, DTR oder Ramularia-Anfangsbefall. Zudem sollte man die Befallsentwicklung einschätzen können. Weil Krankheiten nicht vom Himmel fallen, ist grundsätzlich zunächst Ausgangsbefall oder besser gesagt Sporenmaterial notwendig. Dies kann – wie bei Mehltau oder Rosten – mit dem Wind verbreitet oder über die grüne Brücke übertragen werden. Netzflecken- und Rhynchosporiumsporen sind schwer und können nur kurze Wege zurücklegen. In solchen Fällen werden Sporen aus befallenem Ausfallgetreide im direktem Umfeld oder über befallenes Saatgut auf die neue Kultur übertragen. Andere Krankheiten wie Septoria tritici, Fusarium oder DTR müssen zunächst eine Reifephase in Hüllkörpern (Pseudothezien) vollziehen, um dann mit dem Wind (Ascosporen bei Septoria) oder mit Regenspritzer auf die Kulturpflanze zu gelangen. Wenn dann die jeweilige optimale Witterung vorherrscht, kann der Pilz infizieren. Da jede Krankheit spezifische Ansprüche an die Witterung stellt, kommen niemals alle Krankheiten gleichzeitig mit starkem Befall vor. Nach einer zunächst nicht sichtbaren Entwicklung im Pflanzengewebe erscheint später das das erregerspezifische Schadbild auf der Pflanze. Die Zeit von der Infektion bis zum Sichtbarwerden der Symptome bezeichnet man als Inkubationszeit. Wie lang die Inkubationszeiten für die verschiedenen Krankheiten sind, entnehmen Sie der Übersicht 3.

Krankheiten

. Wer die Krankheiten „kennt“, kann seine Fungizidstrategie weiter optimieren. (Bildquelle: LWK NRW)

Generell gibt es „schnelle Krankheiten“ wie Mehltau, DTR oder Netzflecken und ausgesprochen „langsame Krankheiten“ wie vor allem Septoria tritici. Es gilt: Je kürzer die Inkubationszeit, umso schneller kann sich eine Krankheit im Feld ausbreiten bzw. umso mehr Generationen sind möglich. Das ist wiederum wichtig für den Epidemieverlauf, da anfangs mit der ersten Generation nur wenige Sporen- oder Pyknidien für die Verbreitung der darauffolgenden Generation zur Verfügung stehen. Krankheiten werden grundsätzlich erst dann kritisch, wenn nach einer Etablierung der Befall mehr oder weniger exponentiell zunimmt. Für die Entwicklung von stärkerem, wirklich ertragsrelevantem Befall sind bei den meisten Krankheiten mindestens sechs aufeinander folgende Generationen (nicht Infektionen) erforderlich.

TIPPS ZU „LANGSAMEN KRANKHEITEN“...

Die langsamen Krankheiten wie Septoria benötigen zur Ausbildung von Starkbefall einen Vorlauf im Herbst und Winter. Deshalb hat Septoria im Sommerweizen kaum eine Bedeutung. Erst wenn mindestens drei, besser vier Generationen bis zum Schossbeginn (EC 30) durchlaufen sind, kann sich starker Ausgangsbefall gebildet haben (hohe Pyknidiendichte), um in der Zeitspanne von EC 31 (um den 25. April) bis EC 71 (ca. 10. Juni) mit drei weiteren Generationen Starkbefall auszubilden. Im Frühjahr wäre somit unter günstigsten Bedingungen für Septoria eine Zeitspanne von 40 bis 50 Tagen mit einem Fungizidschutz abzudecken. Mit gut platzierten Behandlungen und optimal wirksamen Fungiziden sind dafür zwei Einsätze notwendig. Infektionen, die nach dem 10. Juni stattfinden, haben keine Relevanz, weil bei guter Fungizidwirkung nur wenig Pyknidien für eine Neuinfektion zur Verfügung stehen und eine erneute Vermehrung (sichtbare Symptome) erst gegen Ende Juni möglich wird. Neubefall zum Ende der Milchreife hat keine Ertragsrelevanz. Die in der Übersicht 3 in der Spalte „erforderliche Wirkung“ aufgeführten Werte gelten für Situationen mit Starkbefall. Endbefallswerte in unbehandelten Kontrollen von etwa 30 % zerstörter Blattfläche haben bei Septoria tritici nur geringe Ertragsverluste zur Folge. Mit Wirkungsgraden der Fungizide um 50 bis 60 % würden Ertragsverluste bereits verhindert. In Situationen mit extremem Befall sind dagegen hohe Wirkungsgrade um 80 % notwendig, um unter solchen Bedingungen potenzielle Ertragsverluste bis 40 % zu verhindern.

...UND HINWEISE ZU „SCHNELLEN KRANKHEITEN“

Die schnellen Krankheiten wie Mehltau, DTR oder Netzflecken benötigen den Vorlauf aus dem Herbst dagegen nicht. Diese können durch die zügige Generationsfolge in der wichtigen Wachstumsphase im Frühjahr bei günstigem Wetter durchstarten. Aus geringem Anfangsbefall kann sich über 5 bis 6 Generationen ein Starkbefall bilden. Generell sind schnelle Krankheiten gefährlicher als langsame. In der Regel ist bei diesen Erregern ein intensiverer Fungizideinsatz erforderlich. Eine Sonderstellung nehmen Schneeschimmel und Ramularia ein. Ein Ausgangsbefall ist visuell oft kaum zu erkennen. Schneeschimmel benötigt vermutlich nicht die langsame Entwicklung über viele Generationen. Hier zeigt die Erfahrung, dass bei optimaler Infektionswitterung (sehr hohe Niederschläge über eine Woche oder länger) insbesondere nach EC 37 plötzlicher Starkbefall auftreten kann. Eine Befallsprognose ist unter solchen Bedingungen sehr schwierig, weil der Ausgangsbefall nicht kalkulierbar ist. Insgesamt gibt es beim Schneeschimmel noch Wissenslücken. Ähnlich ist das bei Ramularia. Dieser Erreger wird mit zunehmender Alterung der Pflanze extrem schnell. Nachdem sich erste Symptome auf den oberen Blättern gebildet haben, kann in ganz kurzer Zeit (eine Woche) der komplette Blattapparat zerstört werden. In manchen Jahren sind allererste Symptome schon im Herbst und Frühjahr zu beobachten. In diesen Fällen erfolgt die Ausbreitung über sehr lange Zeitspannen. Die verschiedenen Krankheiten führen auch zu unterschiedlichen Ertragsverlusten. Bei Starkbefall können z. B. Roste durchaus bis zu 60 % Ertragsverlust verursachen. Die Rostkrankheiten entziehen der Pflanze Nährstoffe und Wasser, während andere Krankheiten vornehmlich die Nährstoffversorgung reduzieren. Wie hoch die Mindererträge ausfallen, bestimmen die Befallsstärke und die Wachstumsphase. Ein geringer Endbefall beeinflusst den Ertrag nicht – erst recht nicht, wenn Neubefall erst mit Beginn der Gelbreife vorkommt. Zugegeben ist es schwierig, die potenziellen Ertragsschäden richtig einzuschätzen. Um Ihnen dies zu erleichtern, sind in Übersicht 3 die möglichen Ertragsverluste in Prozent unter optimalen Infektionsbedingungen dargestellt. Meistens treten Krankheiten aber nur mit verhaltenem Befall auf.

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