Interview mit AGDW-Präsident Philipp zu Guttenberg zur Borkenkäfer-Katastrophe

Philipp zu Guttenberg, dem Präsidenten der „AGDW – Die Waldeigentümer“, über die massive Borkenkäferausbreitung dieses Jahr

Wie groß ist der Sachschaden in Deutschland?

In diesem Jahr war es dramatisch: Nach den Stürmen Xavier, Herwart und Friederike folgte die Dürre im Sommer. Diese Wetterextreme haben dazu geführt, dass die Populationsdichte der Borkenkäfer, die seit Jahren steigt, ein extremes Ausmaß angenommen hat. Wir gehen davon aus, dass die Population und damit die Schäden in den nächsten Jahren noch steigen werden. Angesichts dessen muss von einer Jahrhundertkatastrophe im Wald gesprochen werden.

Wir rechnen von Schäden in Höhe von insgesamt rund 5,4 Milliarden Euro. Es wird in Deutschland mit über 30 Millionen Festmetern Holz gerechnet, die auf das Konto von Dürre, Sturm und Borkenkäfer gehen. Hieraus entstehen Waldbesitzern und Forstbetrieben Verluste in einer Höhe von etwa 600 Millionen Euro, die durch Mindereinnahmen und erhöhte Aufarbeitungskosten zustande kommen. Hinzu kommen die Schäden an Waldwegen und erhöhten Kosten in der Kulturbegründung und Pflege. Nicht vergessen dürfen wir die Zuwachsverluste. Diese sind für uns ganz real und haben schmerzliche Auswirkungen auf unser künftiges Betriebsergebnis.

Wie gehen Ihre Mitglieder mit der aktuellen Lage in den Wäldern um?

Die Situation der betroffenen Waldbesitzer ist Besorgnis erregend: Zum einen fehlt es an Kapazitäten für Einschlag, Lagerung sowie den Abtransport des vom Käfer befallenen Holzes. Darüber hinaus lassen sich die zwangsweise genutzten Holzmengen nicht mehr oder nur zu sehr schlechten Preisen vermarkten.

Zusätzlich müssen die zerstörten Waldflächen aufgeforstet und stabile, risikoärmere Wälder aufgebaut werden. Hierfür fehlt es den betroffenen Waldbesitzern vielerorts an Liquidität durch Einnahmen aus dem Wald, da der Verkauf des Schadholzes zu drastisch geminderten Einnahmen in den kommenden Jahren führen wird.

Sind die Schäden unter den aktuellen politischen und rechtlichen Rahmenbedingen zu stemmen?

Nein, die betroffenen Waldeigentümer bedürfen dringend einer Unterstützung, um die schweren Schäden und die daraus resultierenden Folgekosten langfristig stemmen zu können.

Wir fordern daher von den Regierungen in Bund und Ländern dringende Hilfen für die Aufarbeitung der Schäden, für die Holzlagerung, für den Pflanzenschutz, um die Verbreitung der Käfer einzudämmen, und für die Wiederbewaldung. Zu den unmittelbaren Hilfen müssen Steuererleichterungen nach §34b Einkommenssteuergesetz sowie die Erhöhung der Pauschsätze für Betriebsausgaben für unsere pauschalierten Betriebe zählen. Außerdem die Förderfähigkeit klimatoleranter Baumarten wie z.B. Douglasie, Küstentanne oder Roteiche und Zuschüsse für Versicherungen. Darüber hinaus fordern wir, ausschließlich entrindetes Holz aus Tschechien oder Polen nach Deutschland zu importieren. Denn mit dem nordischen Fichtenborkenkäfer – dem Ips duplicatus – droht den Wäldern ein neuer Schädling. Mit einer Demonstration bei der Agrarministerkonferenz in Bad Sassendorf haben wir lautstark auf unsere Not aufmerksam gemacht.

Vor wenigen Tagen haben Union und SPD im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages Dürrehilfen für die Forstwirtschaft in einer Höhe von 25 Millionen Euro beschlossen, die über die nächsten fünf Jahre fließen sollen. Dies ist ein gutes Signal, kann jedoch nur ein Auftakt sein. So wie es zurzeit aussieht, wird diese Summe angesichts der gravierenden Schäden nicht einmal ansatzweise ausreichen. Erst recht, da wir befürchten müssen, dass sich derartige Wetterextreme wiederholen. Um unsere Wälder zu retten, werden größere Hilfspakete nötig sein.

Was sind Ihre Vorstellungen eines Schadensausgleichs (Förderungen, Beihilfen, Steuernachlässe)?

Zur Stabilisierung der Holzmärkte bedarf es in Verbindung mit einer Beschränkung des ordentlichen Holzeinschlages nach dem Forstschädenausleichsgesetz einer steuerlichen Erleichterung auf die Einnahmen aus dem Verkauf des durch Borkenkäfer und Stürme wertgeminderten Holzes.

Einen sinnvollen Anreiz für eine zügige Aufarbeitung und den Abtransport von Käferholz stellt auch eine Förderung der Aufarbeitungskosten und der Kosten einer Holzlagerung außerhalb der betroffenen Waldgebiete dar. Eine Erhöhung des zulässigen Transportgewichts von Holzabfuhr-LKW begünstigt den schnellen Abtransport und hilft, die knappen Transportkapazitäten anzuheben.

Ein zentrales Thema wird darüber hinaus sein, den Kleinprivatwald durch die Professionalisierung der Forstlichen Zusammenschlüsse zu unterstützen. Dafür benötigen wir die Notifizierung oder Gruppenfreistellung maßgeschneiderter Fördertatbestände im EU-Beihilferahmen. Dies ist nach Aussagen der Kommission möglich, hier müssen die betroffenen Länder in Brüssel mit Ihren konkreten Forderungen vorstellig werden.

Der Kleinprivatwald ist mit dieser Situation schlichtweg überfordert und steht mit dem Rücken zur Wand, wenn er und insbesondere die Forstbetriebsgemeinschaften nicht adäquate Unterstützung erfahren.

Sie fordern eine Reform des Forstschädenausgleichsgesetzes, das eine Beschränkung des ordentlichen Holzeinschlages verhängen kann. Wie sollten neue Regelungen im Sinne der Waldbesitzer aussehen?

Die seltene Inkraftsetzung des Forstschädenausgleichsgesetzes zeigt, dass dieses Gesetz nur in wenigen Ausnahmefällen die erwünschte Wirkung auf dem Holzmarkt erbracht hat. Zuletzt wurde das Forstschädenausgleichsgesetz im Jahr 2000 in Kraft gesetzt. Daran wird deutlich, dass dieses Gesetz dringend einer Reform bedarf, um es an die aktuellen Rahmenbedingungen anzupassen. So müssen die nationalen wie regionalen Schwellenwerte für eine Inkraftsetzung herabgesetzt und angeglichen werden. Des Weiteren ist ein Importstopp aus dem benachbarten Ausland in vorliegender Form mit geltendem EU-Recht nicht mehr vereinbar. Wir brauchen eine Flexibilisierung bei regionalen Schadereignissen sowie die Differenzierung bei der Holzeinschlagsbegrenzung nach den Besitzarten. Die steuerlichen Maßnahmen sollten insbesondere bei den Vorschriften der Rücklagenbildung gelockert und um weitere Maßnahmen ergänzt werden.

Welche Maßnahmen müssen betroffene Waldbesitzer für die nächste „Käfersaison“ 2019 treffen?

Nötig sind verstärkte Kontrollen der anfälligen Baumarten und des gelagerten Holzes hinsichtlich des Schädlingsbefalls. Die Verbreitung der Käfer und der einzelnen Käferarten müssten kontrolliert und gemeldet werden. Dann muss auf die sachgerechte Lagerung und Abfuhr des Holzes geachtet werden, um die weitere Ausbreitung zu verhindern. Und schließlich muss – wo möglich und sinnvoll - der Einsatz von Pflanzen- und Holzschutz erfolgen, um die Schädlinge zu bekämpfen und einer weiteren Verbreitung vorzubeugen. Hier brauchen wir den unbürokratischen Zugang zu ausreichenden und wirksamen Pflanzenschutzmitteln. Und - last but not least – brauchen wir strenge Kontrollen bei Importhölzern, die aus Regionen kommen, in denen der Ips duplicatus bereits verbreitet ist. Aus diesen Ländern darf nur entrindetes Holz kommen.

Haben die Waldbesitzer zu lange allein auf die Fichte gesetzt/vertraut? Wie sehen die jetzt betroffenen Wälder in 20/30 Jahren aus?

Dass unsere Forstwirtschaft gleichbedeutend ist mit Nadelwäldern, ist ein wiederkehrendes Stereotyp. Dabei sind große Teile der heute vorgefundenen Wälder ein Erbe unserer Vorfahren. Zwei Weltkriege habe bekanntlich zu großen Zerstörungen der Wälder geführt. Die Waldeigentümer wurden vom Staat aufgefordert, schnell wachsende Baumarten zu pflanzen, um eine schnelle Wiederaufforstung der kriegszerstörten Landschaften sowie die Reparationszahlungen zu gewährleisten. Die letzte Reparationslieferung infolge des 1. Weltkrieges erfolgte im Jahr 2010. Das dürfen wir nicht vergessen!

Waldeigentümer und Forstbetriebe investieren seit Jahrzehnten bereits in den Waldumbau, um Ihre Wälder anzupassen an die klimatischen Veränderungen. Wie die dritte Bundeswaldinventur zeigt, entwickeln sich die Wälder in Deutschland heute zu vielfältigen, stabilen Mischwäldern.

Die aktuell betroffenen Waldflächen werden sich bei einer rechtzeitigen Weichenstellung zu vielfältigen Wäldern entwickeln. Hierzu ist es erforderlich, dass die Waldbesitzer eine Unterstützung erfahren, die nachhaltig ist, Akzeptanz findet, und die sich unbürokratisch und wirtschaftlich umsetzen lässt. Denn der Waldumbau braucht lange Zeiträume und Kontinuität.

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Artikel geschrieben von

Christian Brüggemann

Redakteur Markt

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Diskussionen zum Artikel

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von Erwin Schmidbauer

Das ist nur ein Vorspiel!

Die richtige Katastrophe werden wir erst nächstes Jahr erleben, die Bäume wurden durch die Trockenheit geschädigt und geschwächt und brauchen zwei gute Jahre, um sich wieder zu erholen. Die Käferbürde ist sehr hoch, da werden viele Schäden nächstes Jahr zu erwarten sein.

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