Und was jetzt?

Mama allein zu Haus

Nach der Familienphase können Frauen sich noch einmal neu erfinden. Doch das ist oft gar nicht so leicht. Wir haben mit Bäuerinnen und Expertinnen gesprochen.

"Es ist so ruhig hier!", ist ein oft gesagter Satz von Müttern, deren Kinder flügge werden. Die Gefühle, die das Ende der Familienphase begleiten, sind bittersüß. Auf der einen Seite steht ein neuer Lebensabschnitt mit mehr Zeit für die eigenen Bedürfnisse, die Ehe oder Partnerschaft, Freundschaften und Hobbys. Es gibt wieder Raum für Pläne, auch berufliche. Vorfreude, Freiheit, Loslassen.

Vielen Müttern bereitet das aber auch Magenschmerzen. Ungefähr 20 Jahre ihres Lebens betrachten sie es zumeist als ihre wichtigste Aufgabe, den Kindern ein liebevolles Zuhause zu geben. Doch kommt die Phase, auf die sie lange hingearbeitet haben – dass die Kinder ihrer eigenen Wege gehen – kann ein Vakuum entstehen.

Schon während der Schwangerschaft nimmt die Mutterrolle oft den höchsten Stellenwert im Leben ein. Das setzt sich im Alltag mit den Kindern dann fort – übrigens unabhängig davon, ob eine Mutter berufstätig ist, auf dem Hof arbeitet oder "nur" für die Kinder da ist.

Wenn die Kinder ihrer eigenen Wege gehen, kann ein Vakuum entstehen."

Lernen für Prüfungen, Fahrten zu Chor, Fußball und Verabredungen, die Vorbereitungen für jedes neue Schuljahr, das Ermutigen, Korrigieren, Trösten und Unterstützen prägen den Alltag der Mütter. Allein, den Kindern ein behagliches Zuhause zu schaffen, sie mit Essen und Kleidung in der richtigen Größe zu versorgen, ist eine Mammutaufgabe.

Bei aller Verantwortung und allen unvorhergesehenen Schwierigkeiten, die das mit sich bringt: Die meisten Mütter machen es gerne. Es gibt auch ihrem Leben Struktur und Sinn. Eigene Bedürfnisse sind viele Jahre zweitrangig – da wird die Yogastunde für den Elternabend verschoben und der Kaffeeklatsch mit Freundinnen wegen krankem Kind abgesagt.

So manche Leserin wird sich fragen: Und was ist mit den Vätern? Die Antwort: Nachgewiesenermaßen liegt auch in jungen Familien der Hauptanteil der sogenannten Sorge- und Familienarbeit nach wie vor bei den Frauen. Auch die gedankliche Anstrengung, alle Kinder und ihre Termine im Blick zu behalten, obliegt ihnen. Ihre Leben verändern sich deutlich stärker, wenn Kinder geboren werden. Umso größer ist auch die Lücke, wenn die Sorge­arbeit weniger wird.

Und was jetzt?

Dabei ist es natürlich auch eine Frage der Persönlichkeit, ob man dem neuen Lebensabschnitt freudig entgegenblickt. Manchen gelingt das gut. "Ich habe alle Phasen der Kinder intensiv begleitet. Jetzt kann ich gut loslassen und mich anderen Dingen zuwenden", sagt eine 53-jährige Bäuerin. Studien zufolge ist die Umstellung leichter, wenn die Frauen schon während der Familienphase berufstätig waren.

Anderen bekommt der "Ruhestand" mit Anfang 50 nicht so gut. Zum einen ist es schwer, plötzlich nach Jahren wieder auf sich selbst zu schauen. Der erlernte Beruf kann sich nach langer Abwesenheit fremd anfühlen oder keine Perspektiven mehr bieten.

Zudem trauern manche auch vermeintlich verpassten Momenten mit ihren Kindern nach. Die nicht gebackenen Kuchen, die manchmal fehlende Geduld und die nicht gelesenen Bücher lasten dann schwer auf dem Gewissen. Dieses Gefühl macht im Übrigen auch oft Vätern zu schaffen, die während der Familienphase beruflich stark eingespannt waren und wenig Zeit zu Hause verbracht haben.

Frau in der Küche, die aus dem Fenster guckt

In welche Richtung es gehen soll, ist nach der Familienphase oft nicht ganz klar. (Bildquelle: rustycanuck/iStock)

Zeit für Neues?

Doch wann genau kommt der Moment, in dem das "Empty Nest", das leere Nest, betrauert wird? Das ist ganz unterschiedlich. Es kann so weit sein, wenn der mittlere Sohn ins Auslandsjahr aufbricht oder die älteste Tochter in ihre Studentenwohnung zieht. Das weckt vielleicht auch das Gefühl, in der eigenen Jugend selbst etwas versäumt zu haben. Viele Frauen können hingegen gar keinen konkreten Moment benennen, an dem ihnen das ruhige Zuhause erstmals zu schaffen gemacht hat. Das Gefühl hat sich langsam angeschlichen.

Andere kennen es gar nicht – im Gegenteil. Bei ihnen hat sich mit dem Ende des aktiven Teils der Elternschaft Erleichterung eingestellt. Sie haben den Tag herbeigesehnt, an dem die Kinder endlich aus dem "Hotel Mama" auschecken. Denn manche junge Erwachsene brauchen mitunter einen Schubs, damit sie das Nest verlassen.

Es gibt aber auch viele Gründe, die es den Frauen verwehren, sich noch einmal neu zu orientieren. Behinderte und pflegebedürftige Kinder im Erwachsenenalter brauchen häufig lange Un­terstützung. Gerade auf den Höfen schließt sich zudem für einige direkt die Sorge um pflegebedürftige Senioren an den Auszug der Kinder an. Die Pflege bindet dann erst einmal all ihre Kräfte.

Auch Einschränkungen der eigenen Gesundheit oder eine schwere Krankheit des Partners können den Aufbruch zu neuen Ufern verzögern. Auf den Höfen sind die Übergänge zudem fließender: Mitunter sind zeitgleich mit dem Auszug des letzten Kindes bereits erste Enkel in den Familien, für deren Betreuung gern Zeit eingeplant wird.

Neustart für die Ehe?

Durch das Ende der Familienphase verändert sich auch die Beziehung der Eheleute. Zeit für Zweisamkeit und Paar-Unternehmungen war lange ein kostbares Gut. Oft drehten sich die Unterhaltungen der Ehepartner überwiegend um Organisatorisches und eben – die Kinder. Jetzt sind da Sorgen, ob man sich noch etwas zu sagen hat oder ob die Gesprächsthemen im ersten Urlaub allein direkt ausgehen. Scheidungen nach der Silberhochzeit sind keine Seltenheit mehr.

Doch nach einer Zeit des "Zusammenraufens" nehmen viele Paare die Zeit nach den Kindern auch als Geschenk wahr. "Deinem Vater und mir geht es richtig gut", ist ein Satz, den so mancher Junior schon gehört hat.

Für diesen Beitrag haben wir mit vielen Frauen gesprochen. Alle schildern, dass sie einige Versuche brauchten, bis eine erfüllende Aufgabe gefunden war. Sie erzählen auch von Rückschlägen. Ebenso hat die Coronapandemie Pläne umgeworfen. Manche sind zurückgekehrt in ihre alten Jobs, andere bringen sich im Betrieb stärker ein, gründen Betriebszweige oder gar eine eigene Firma. Viele sind aber auch einfach froh über mehr Zeit mit dem Partner, für ihre Freunde, die Nachbarschaft oder ihr Hobby. Manche übernehmen ein Ehrenamt.


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