Schulz-Interview: „Geiz ist geil gilt leider auch an der Wursttheke!“ Premium

Die Agrarwirtschaft ist ein wichtiger Anker für die Wirtschaft, sagt Martin Schulz. Wie die SPD mehr Tier- und Umweltschutz schaffen und gleichzeitig wettbewerbsfähige Betriebe erhalten will, erläutert der Kanzlerkandidat im top agrar-Interview. Wie wichtig sind Ihrer Partei Landwirtschaft und Agrarpolitik?

Martin Schulz will den Landwirten verlässliche Perspektiven geben, selbst wenn es in Zukunft für die EU-Agrarpolitik weniger Geld gibt. (Bildquelle: Photothek)

Die Agrarwirtschaft ist ein wichtiger Anker für die Wirtschaft, sagt Martin Schulz. Wie die SPD mehr Tier- und Umweltschutz schaffen und gleichzeitig wettbewerbsfähige Betriebe erhalten will, erläutert der Kanzlerkandidat im top agrar-Interview.   Wie wichtig sind Ihrer Partei Landwirtschaft und Agrarpolitik?   Schulz: Die Landwirtschaft und die Ernährungsindustrie sind nach wie vor einer der größten Wirtschaftsfaktoren in unserem Land. Gerade in den ländlichen Räumen sind sie ein wichtiger Wirtschaftsanker, der Wohlstand sichert und Arbeitsplätze schafft. Für den ländlichen Raum ist die Agrar- und Ernährungspolitik daher von großer Bedeutung. Gleichzeitig müssen wir dabei die Interessen der Verbraucherinnen und Verbraucher und der Umwelt im Blick haben. Am Beispiel der Autoindustrie zeigt sich, dass dies nicht immer einfach ist.   Wie muss eine Agrarpolitik aussehen, die zugleich den Umwelt- und Tierschutz weiterentwickelt und dafür sorgt, dass die Landwirte wettbewerbsfähig bleiben?   Schulz: Immer mehr Bürgerinnen und Bürger wünschen sich eine nachhaltigere Landwirtschaft. Sie wollen Produkte, die umweltfreundlich, regional, in artgerechter Tierhaltung und unter fairen Arbeitsbedingungen erzeugt wurden.  Ein Teil der Wahrheit ist aber auch: Nur ein Teil der Bevölkerung will dafür tiefer in die Tasche greifen. Die Geiz-ist-geil-Mentalität existiert leider auch an der Wurst- und Käsetheke.   Um eine gesellschaftlich akzeptierte Tierhaltung zu erreichen, müssen wir mit Mehrkosten in Höhe von etwa 4 Mrd. € jährlich rechnen. Ohne politische Begleitmaßnahmen würde dies zwangsläufig zu einer Abwanderung von Teilen der Produktion in Länder mit geringeren Tierschutzstandards führen.   Auf den Markt vertrauen Sie nicht?   Schulz: Wir müssen die richtigen Weichen stellen. Gleichzeitig müssen wir die Chancen, die uns eine nachhaltige Landwirtschaft bietet, noch viel besser ausschöpfen. Hohe Tier- und Umweltschutzstandards können bei entsprechendem Marketing ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein.   Die Landwirtschaft hat mit Unterstützung der Bundesländer in den vergangenen Jahren mehrere hundert Millionen Euro in den Ausbau artgerechterer Ställe investiert, die über den gesetzlichen Mindeststandards liegen. Vermarktet wurde dies jedoch nicht. Wir wollen deshalb ein Tierschutzlabel einführen, das seinen Namen verdient und für hohe Glaubwürdigkeit steht. Dies wäre ein guter Ansatz, auch um den Verbraucherinnen und Verbrauchern zu verdeutlichen, worin ihre Steuergelder investiert werden.   Wie viele Steuerungsmöglichkeiten haben wir, um Preiskrisen zu vermeiden?   Schulz: Nur ein fairer Preis für Lebensmittel trägt dazu bei, die Existenz landwirtschaftlicher Betriebe dauerhaft zu sichern.   Wir wollen den Landwirtinnen und Landwirten eine langfristige, unternehmerische Perspektive geben und ihre Position in der Wertschöpfungs- und Vermarktungskette ihrer Produkte stärken. Das heißt, dass wir den Landwirten Gestaltungsspielraum, vor allem was die Vertragsgestaltung im Milchbereich angeht, zurückgeben wollen.   Wer soll die Milchmenge steuern?   Schulz: Milchviehhalter brauchen in Zukunft Verträge, in denen Menge, Preis, Dauer und Kündigungsfristen einheitlich geregelt werden. Darüber hinaus müssen die Erzeuger die Zügel für eine aktive Mengensteuerung in der Hand halten. Die Meinung von Bundesminister Schmidt, Milch hätte ein Absatz-, aber kein Mengenproblem, teilen wir nicht. Es müssen die Strukturen zum Beispiel in der Gemeinsamen Marktordnung zu Gunsten der Landwirte geändert werden. Auch ist nicht nachvollziehbar, dass es bereits heute eine europäische Krisenreserve in der EU-Agrarpolitik gibt, diese aber im Krisenfall gar nicht angefasst ...

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Artikel geschrieben von

Dr. Ludger Schulze Pals

Chefredakteur top agrar

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