Tierschützer des­il­lu­si­oniert: Kastenstände und Antibiotika in Herrmansdorfer Landwerkstätten

Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten, südlich von München in der Gemeinde Glonn gelegen, gelten als der Beweis dafür, dass die heile Bio-Welt möglich ist. Tierschützer Friedrich Mülln machte dort im Abferkelstall nun ein Foto einer Sau im Kastenstand mit frischer Nachgeburt und ging damit zur ARD.

Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten, südlich von München in der Gemeinde Glonn gelegen, gelten als der Beweis dafür, dass die heile Bio-Welt möglich ist. Tierschützer Friedrich Mülln von der Soko-Tierschutz machte dort im Abferkelstall nun heimlich Videos von Sauen im Kastenstand mit frischer Nachgeburt und ging damit unter dem Titel "Lügen im Bio-Märchenland" an die Medien. top agrar kann an dieser Stelle allerdings nicht nachprüfen, ob die Aufnahmen der Soko-Tierschutz tatsächlich aus dem Stall der Herrmannsdorfer Landwerkstätten stammt.

Für Friedrich Mülln jedenfalls sind diese Haltungsformen ein Unding für solch einen Öko-Vorzeigebetrieb, der berühmt ist für artgerechte Tierhaltung. "Die Kunden von Herrmannsdorfer glauben an die heile Welt der Öko-Tierhaltung, in denen sich die Schweine wohl fühlen", zitiert ihn die Süddeutsche Zeitung. "Die Realität sieht anders aus."

Am Beispiel der Landwerkstätten will Mülln dokumentieren, dass es auch in Bio-Ställen Kastenstände gibt, ebenso wie den Einsatz von Reserveantibiotika. Und auch in Bio-Ställen gebe es Geschwüre bei den Schweinen sowie Bisswunden. Außerdem sollen Papiere zeigen, dass in den Herrmannsdorfer Ställen zeitweise extrem hohe Sterblichkeitsraten herrschten - im ersten Halbjahr 2015 waren es 30 %, plus 10 % Totgeburten, berichtet die SZ weiter.

Hintergrund

Laut der SZ mästet die Familie Schweisfurth nahe Glonn nicht nur mehr als 600 Bio-Schweine in Freilandhaltung und treibt Öko-Ackerbau. Sie verarbeitet das Fleisch und die anderen landwirtschaftlichen Erzeugnisse auch in der eigenen Metzgerei und Bäckerei. Außerdem gibt es auf dem Gut eine Käserei, eine Brauerei, eine Wirtschaft und einen Hofladen. Die Herrmannsdorfer-Produkte, die alle sehr teuer sind, werden auch über etliche Läden in München vertrieben. Das ist es aber nicht alleine, warum die Landwerkstätten so bekannt sind.

Die Landwerkstätten sind auch die Geschichte einer Bekehrung - von der industriellen Fleischproduktion zur artgerechten Haltung. Herrmannsdorfer-Gründer Karl Ludwig Schweisfurth war einst Inhaber von Herta-Wurst, einer der größten Fleischwarenfabriken Europas. 1984 stieg er abrupt aus dem Massengeschäft aus. Zuvor hätten ihn und seine Familie jahrelang Zweifel an der industriellen Tierhaltung geplagt. 1986 eröffnete Schweisfurth senior die Landwerkstätten. Seit 1996 führt Sohn Karl die Geschäfte.

Schweisfurth steht zum Antibiotika-Einsatz

Karl Schweisfurth räumt laut der Zeitung offen ein, dass 2015 viele Ferkel in den Ställen gestorben sind. Der Grund: Die Muttersauen hätten ungewöhnlich viele Junge geworfen. Deshalb seien viele Ferkel von Anbeginn schwach gewesen, sie hätten kaum Überlebenschancen gehabt.

Inzwischen habe sich die Mortalität in den Ställen normalisiert. Auch zum Antibiotika-Einsatz steht Schweisfurth. Man setzte die Medikamente streng nach den Bio-Vorgaben ein, wenn alternative Heilmittel versagten.

Die engen Kastenstände für die Muttersauen sind laut Schweisfurth seit Kurzem Vergangenheit. "Wir haben jetzt ein anderes System", sagt er, "die Tiere können sich frei bewegen." Gleichwohl verteidigt er die höchst umstrittene Haltungsform. "Das ist eine Sache der Abwägung", sagt er. "Denken Sie an die Ferkel, es passiert schnell, dass so eine Sau ihre Neugeborenen erdrückt." Als man 2000 den Stall gebaut habe, "waren Kastenstände das sicherste Mittel dagegen, dass Ferkel von der Mutter erdrückt werden".

Neueste Entwicklungen

Nach den Medienberichten über das Video gehen die Herrmannsdorfer Landwerkstätten nun aber in die Offensive. In einem anwaltlichen Schreiben heißt es, dass die Zeitungen hierbei "unwahre Behauptungen, unzutreffende Eindrücke und anderweitig rechtswidrige Äußerungen" verbreitet hätten. Eine ausführliche Stellungnahme der Herrmannsdorfer Landwerkstätten finden Sie hier als pdf...

Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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