Erntedank mit vollem Bauch – auf Luthers Spuren

Dr. Clemens Dirscherl Dr. Clemens Dirscherl
Bild: privat

Ein Kommentar von Dr. Clemens Dirscherl. Er ist Ratsbeauftrager für Landwirtschaft und Ernährung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und vertritt diese in Gremien wie der Deutschen Tierschutzkommission.
 
„Wenn die Maus satt ist, schmeckt das Mehl bitter“ – so sagt der Volksmund und meint damit, daß mit zunehmender Sättigung des Magens ein Völlegefühl sich ausbreitet, welches das sensorische Geschmacksempfinden des Essens anders, gänzlich neu wahrnehmen und bewerten lässt. Hungerempfindung und Sättigungsgrenze prägen demnach auch die Einordnung von „gutem“ und „schlechtem“ Essen. Wer hungert,  ist dankbar um jedes Stück Brot, jedes Glas Milch, um einen vom Boden aufgelesenen Apfel.

Das ist auch der ureigene Sinn von Erntedank: es ist nicht selbstverständlich, daß der Mensch gesättigt wird. Gott hat seine Schöpfungsgaben zur Nutzung, zur reichlichen Nutzung für alle bereit gestellt. Durch das eigene Erspüren des Stillens von Hunger und der Zufriedenheit, die sich damit einstellt, entsteht Dankbarkeit über die Beendigung des Hungers: aus meiner erlebten Defizit-Erfahrung entsteht ein Glücksempfinden, das ich teilen möchte – mit anderen, denen es ähnlich erging, aber auch  in einem weiteren Sinne, ja metaphysisch,  mit einer überirdischen Kraft, die mir beide Erfahrungshorizonte zumutete und ermöglichte. Eine tiefe Dankbarkeit für die Überwindung des Mangelzustandes breitet sich aus und bricht sich Bahn: im Erntedank vor Gott.

Das ist andererseits aber auch das Problem, mit dem heute Erntedank konfrontiert ist. Wie soll Dankempfindung der Sättigung wahrhaft erlebt werden, wenn das Defizit zuvor gar nicht bestand, geschweige denn überhaupt bekannt ist – ja in einer (über-)satten Gesellschaft gar nicht existieren kann?

Die Tradition des Erntedankfestes entspringt Agrargesellschaften: alles drehte sich um die Landwirtschaft. Der Jahresablauf wurde von Saat, Reife und Ernte und ihrer Be- und Weiterverarbeitung sowie fachgerechten Lagerung geprägt. Das Wetter spielte dabei eine wichtige Rolle. Die heutigen Wein- und  Volksfeste im Herbst zeugen noch davon: Erleichterung über die meist über Wochen andauernden und endlich erfolgreich abgeschlossenen auch körperlich anstrengenden Erntearbeiten; Freude über die eingebrachte Erntemenge, welche über eine entsprechende Vorratshaltung die Versorgung und Sättigung über den Winter garantierte.

Solch ein Ernteerleben lässt sich für die übergroße Mehrheit unserer Gesellschaft nur noch anhand historischer Dokumente in Museen und Archiven oder in Büchern und Filmen nachempfinden. Deshalb sind wir, trotz Hungerkatastrophen anderswo in der Welt, die es ja durchaus gibt, gerade in Afrika, so schwer für solch  Dankbarkeit zu sensibilisieren und zu gewinnen. Wir leben in einer satten Gesellschaft, die das Mehl als „bitter“ schmeckt, die mit Brot ein Glutenproblem, mit Milch ein Lactoseproblem und mit vom Boden aufgesammeltes Obst ein Wurm- oder ästhetisches Problem hat. Und es ist ja wahrlich genug zum essen da – reichlich an Menge, vielfältig an Auswahl, hochwertig an Qualität – als dass man Hunger, und nach dessen Sättigung, Dankbarkeit empfinden müsste.

Am eigenen Leib lässt sich Erntedank daher nicht mehr nachempfinden. Wir leben ja auch nicht mehr in einer Agrargesellschaft, sondern in einer industrialisierten Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft. Die Urproduktionsstufe jeder Gesellschaft, die Landwirtschaft, wurde industrialisiert, ist wissenschaftlich-analytisch in allen Facetten erforscht und bekannt, und der Landwirt erfüllt zunehmend, je nach gesellschaftlicher Bedürfnislage, Dienstleistungsfunktionen, für die er vergütet wird – salopp formuliert: „Staatsknete“ für Landschaftspflege, ökologische Vorsorge und aktuell immer mehr Tierwohl.

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Leserkommentare Kommentieren

  1. von Hans Spießl · 1.
    Erntedank

    am besten das Erntedankfest abschaffen und dafür ein Prämiendankfest als Dank für die Subventionen einführen für die Bauern - in erster Linie für die Bio Bauern.

    Das meinen unsere Leser:
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