„Wachsen, ohne größer zu werden“

Von links: Christoph Burmester, Milchviehhalter aus der Elbmarsch, Anne Dierksen, Sozioökonomische Beraterin der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Dr. Albert Hartmann-Scholten, Leiter des Unternehmensbereichs "Betrieb" der Kammer, Gerhard Schwetje, Präsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und Walter Hollweg, Pressesprecher
Bild: Hagemann

Der aktuell ausgezahlte Milchpreis von 33 Cent pro kg Milch reicht nicht aus, um die finanziellen Lücken der letzten beiden Jahre zu schließen. Zur wirtschaftlichen Konsolidierung brauchen die Betriebe eine längere Phase guter Milchpreise. Das sagte Dr. Albert Hortmann-Scholten auf einer Veranstaltung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen zum Milchmarkt 2017.

Auf der Pressekonferenz in Oldenburg stellte die Kammer neue Prognosezahlen für das abgelaufene Wirtschaftsjahr 2016/2017 vor. Nach Auswertung der Testbetriebe belaufe sich das Unternehmensergebnis voraussichtlich auf zirka 58.000 Euro. Das reiche nicht aus, um die Lebenshaltungskosten von zwei Familien, die in aller Regel einen solchen Betrieb bewirtschaften, zu decken, so die Kammer.

Dr. Albert Hortmann-Scholten, Leiter des Unternehmensbereichs Markt, Familie und Betrieb, bestätigte die Trendwende am Milchmarkt. Die steigenden Preise kämen allerdings für viele Milchviehhalter zu spät. „Derzeit geben jährlich etwa vier bis fünf Prozent der Betriebe auf“, so der Marktexperte. Dieser Wert läge deutlich über den sonst üblichen zwei bis drei Prozent.

Aus Erzeugersicht sei es ernüchternd, dass der Wertschöpfungsanteil in der Milchvermarktung nur sehr gering sei. „Der deutsche Landwirt erhält heute weniger als die Hälfte des Einkaufspreises, den der Verbraucher an der Ladentheke ausgibt“, erklärte  Hortmann-Scholten. Den aktuell rund 9.800 niedersächsischen Milcherzeugerbetrieben riet er, die Lehren aus den zurückliegenden wirtschaftlich schweren Zeiten zu ziehen und ihren Betrieb für weitere Krisen zu wappnen.

Dazu gehöre es auch, die Produktion weiter zu optimieren. „Qualitatives Wachstum, also Wachsen, ohne größer zu werden“ nannte das der Marktexperte. Er sieht dazu auf vielen Höfen noch Potenzial, um die Kosten zu senken. Hortmann-Scholten sagte voraus, dass ein Größenwachstum immer schwieriger werde. Als Gründe nannte er ein verschärftes Baurecht sowie steigende Produktionsauflagen in den Bereichen Tier-, Immissionsschutz und Düngung.

Im Hinblick auf die Krise errechnete er für die Milchviehbetriebe eine „negative Eigenkapitalbildung“ und präzisierte: „Die Betriebe haben von ihrer Substanz gelebt.“ Der „Dreiklang Leben, Tilgen, Sparen“, der aus dem Unternehmensergebnis bedient werden müsse, habe lange Zeit nicht funktioniert.

Doch welchen Strategien sollen Milchviehbetriebe in Zukunft wählen?
„Die Krise hat gezeigt, dass Betriebe mit mehreren Standbeinen die wirtschaftlich angespannte Zeit besser überbrücken konnten. Unternehmen, die zum Beispiel noch andere Tierarten hielten, Ackerbau betrieben oder außerlandwirtschaftliche Einkünfte aus erneuerbaren Energien oder aus der Vermietung von Immobilien erzielten, konnten die Defizite aus der Milchviehhaltung besser ausgleichen,“ so der Berater. Auch die Aufnahme einer außerlandwirtschaftlichen Tätigkeit bei gleichzeitiger Bewirtschaftung des Hofes im Nebenerwerb oder gar die Betriebsaufgabe seien mögliche Szenarien, wenn es betrieblich nicht mehr weitergehe.

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14 Leserkommentare Kommentieren

  1. von Alfred Gmelch · 1.
    Alles nur schlaue Schlipsträger

    Mit Ausnahme der anwesenden Dame und dem eigentlich untergeordnetem Landwirt, sind alle anderen schlaue Experten, die im Anzug mit Schlips auf dieser Pressekonferenz das zum Besten geben, was alle schon längst wissen. Diese, alle vom Steuerzahler bestens bezahlten Schlaumeier wollen uns erzählen, dass wir nur mit Einkommen aus anderen Standbeinen überleben können. Welch ein Hohn und welch eine sinnlose Verschleierung, der eigentlichen Problematik. Würde man diesen so genannten Experten die Diäten streichen mit dem Argument, sie müssten sich ein zweites Standbein aufbauen, um überleben zu können, was würde wohl daraus entstehen.

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  2. von Eckehard Niemann · 2.
    Preis-Wachstum statt Mengenwachstum bzw. Wachsen-oder-Weichen!

    Man müsste von einem Kammerberater, der wirklich die Interessen von Bauern vertritt und nicht nur neoliberal ausgerichtet ist, eigentlich erwarten, dass er auch solche Optionen untersucht: Ausreichende Einkommen durch Mengenregulierung und dadurch deutlich höhere Erzeugerpreise....

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  3. von Matthias Fink · 3.
    Warum...

    Warum brauchen wir verschiedene Standbeine? Natürlich gibt es Höhen und Tiefen weil wir mit Tiere und Natur arbeiten!! Meine Frage lautet warum brauch Audi oder BMW kein zweites Standbein?

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  4. von Gerd Uken · 4.
    Die Herren u.Dame sollten mal in sich gehen

    Rückblick:Rabobank sagt im langjährigen Mittel werden sich die Milchoreise um 32/33 Cent bewegen. Nun kommt unsere Kammer an und sagt mit 33 Cent können keine 2 Familen davon leben. Selbige hat aber auch vorgerechnet das man sehr wohl mit 33 Cent noch einen Stall abbezahlen kann- ...... Wenn sie sich hinstellen würden und soviel Rückrat hätten zu sagen mind.38 Cent sind nötig um in Zukunft überleben zu können.Das wäre zumindest ehrlicher! Ich errinner Herrn Schweetge an die Diskussion in Jever Anfang des Jahres mit den Bankern.

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  5. von Josef Doll · 5.
    Gehe mal

    bei 200 Kühen arbeiten !!! Oder anders gefragt : Ab wann steigen die Betriebsgrößen ?? Bestimmt nicht bei 32 Kühen oder ???

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  6. von Kirsten Wosnitza · 6.
    die physische und psychische Belastungsgrenze

    Wurde in den Krisenjahren bei nicht wenigen Familien erreicht. Da klingt es wie Hohn wenn empfohlen wird, noch nebenbei arbeiten zu gehen. Der Kammer fehlt schlichtweg der Mut, die Realität auszusprechen: wenn sich in der europäischen Milchpolitik die Ausrichtung nicht bald ändert, dann werden auch Betriebe von denen es niemand erwartet hätte, bald ihre Hoftore schließen.

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  7. von Steffen Hinrichs · 7.
    An den kleinen Schrauben haben wir immer gedreht

    Nach fest kommt ab ! Einfach mal zusammen das MVP durchgehen ,überarbeiten und einführen .

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  8. von Thomas Egolf · 8.
    Da kann ich nur dazu sagen:

    Auch wieder so ein Dummschwätzer, als ob wir dies alles nicht schon wüssten oder praktizieren. Es ist doch ganz einfach, wir bekommen für unsere Milch 40 Cent + und wo ist dann das Problem? Aber es ist nun mal politisch nicht gewollt! Das gleiche gilt für den Getreide oder Fleischmarkt.

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  9. von Richard Huber · 9.
    Als Schweinehalter

    muss ich nach dem ersten Satz im Bericht etwas schmunzeln. Um die zwei schlechten Jahre auszugleichen hatten doch schon die drei Jahre zuvor gereicht an denen die höchsten Buchführungsabschlüsse aller Zeiten erzielt wurden. Das ist Marktwirtschaft. Wir Schweinehalter wissen wovon wir reden. Ob das gut oder schlecht ist steht auf einem anderen Blatt.

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  10. von Karl Watermann · 10.
    Top agrar meldet wieder nur zensierte Aussagen

    Eine Zeitung zitiert Herrn Dr. Holtmann- Scholten: " Derzeit wächst der Keim für eine neue Preiskrise. Die Milchterminbörse EEX signalisirrt eine fallende Preistendenz ab Dezember und für 2018." Diese Aussage wird den Bauern von top agrar vorenthalten ! Passt wohl nicht ins Konzept des DBV . Liebe Redakteure, widmet Euch euren Aufgaben als Journalisten, der objektiven Berichterstattung. Hofberichterstattung braucht niemand !

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  11. von Konrad Darscheid · 11.

    Warum steht auf dem Tisch bei dieser Pressekonferenz zum Thema Milch keine Trinkmilch, sondern Kaffee und überteuertes Sprudelwasser? Das hätte schon mal zum Absatz und damit zum Preis beigetragen! Also, liebe Bauern, am besten eine Kaffeeplantage anlegen oder einen Mineralbrunnen bohren, scheint lukrativer zu sein. Sich mit den Gewinnen daraus aber bitte nicht einfach ein schönes Leben machen, sondern schön wieder in der Milcherzeugung verbrennen.

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  12. von Karl-Heinz Mohrmann · 12.

    Wie wäre es denn das Angebot der Nachfrage anzupassen! Die Milchbauernfamilien am Markt beteiligen. Verträge zwischen Milchbauern und Molkereien mit Preis Menge über Menge Qualität und Lieferzeitraum so wie es in der freien Wirtschaft üblich ist. Warum sollen wir das alleinige wirtschaftliche Risiko tragen? Verehrte Experten.

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  13. von Karl-Heinz Mohrmann · 13.

    Der beste Tipp. Geht außerhalb des Betriebes Geld verdienen damit ihr es zuhause mit den Kühen wieder verbrennen könnt. Das sollte von denen mal einer machen

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  14. von Karl-Heinz Mohrmann · 14.

    Ach sind die alle schlau. Erst hieß es : Spezialisiert euch. Jetzt heißt es: Diversifiziert euch. Und es hat sich gezeigt das Betriebe mit Windrädern und Biogasanlagen besser durch die Krise kommen. Ach welch Experten

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