Weit entfernt von Idylle

Image und Realität: Auch Bio-Branche von Großstrukturen bestimmt

Öko weckt hohe Erwartungen – aber Vorsicht: Die Märkte haben ihre eigenen Gesetze. Ob Milch oder Möhre: Conrad Thimm beleuchtet, welche Produkte von welchen Abnehmern gefragt sind.

Deutsche Bio-Märkte sind vielfältig hinsichtlich Warengruppen, Absatzkanälen, Akteuren, Bio-Verbänden und Verbraucherwünschen. War seit den 1980er Jahren der Naturkosthandel mit ursprünglichem Fokus auf Müsli und Vollkorn der Treiber der Entwicklung, so hat ihn der allgemeine Lebensmittelhandel im Laufe der 2000er Jahre in dieser Rolle abgelöst.

Heute sind die Discounter Marktführer in der Bio-Frische, Drogerieketten im Trockensortiment, Verbrauchermärkte und Bio-Filialisten bei der Bio-Vielfalt. Die Bio-Verbände unterstützen die Vermarktungsaktivitäten ihrer Mitglieder, Bauern wie Händler, sind aber selbst in der Regel keine Händler.

Bio-Milch und -produkte: Einsame Spitze

Wie in der konventionellen Landwirtschaft sind Milch und Milchprodukte (Mopro) auch bei Bio mit Verkaufserlösen von 550 Mio. € (2019) die bei Weitem wichtigste Bio-Warengruppe (5 % aller Mopro-Erlöse in Deutschland). Trotz größerer Zuwächse ist der Milchpreis weitgehend stabil geblieben. Das ist vor allem den Molkereien geschuldet, die immer nur so viele neue Bauern aufgenommen haben, wie sie auch Milch und Milchprodukte absetzen konnten, ohne im Wettbewerb Preise senken zu müssen.

Auch ihre bestehenden Lieferanten konnten nicht einfach ihre angelieferten Milchmengen unbegrenzt erhöhen, obwohl 30 % der deutschen Bio-Mopro aus Dänemark und Österreich kommen.

20 bis 30 eher kleinere Molkereien verarbeiten Bio-Milch in Deutschland. Manche davon schon über 30 Jahre wie die Andechser, Berchtesgadener Land, Hohenlohe und Söbbecke. Letztere ist heute in der Hand des französischen Konzerns Savencia.

Relativ »frische« Akteure im Bio-Milchmarkt sind die Gläserne Molkerei, die in den 2000er Jahren Standorte in Brandenburg und Mecklenburg neu erbaut hat und heute Teil der Schweizer Emmi-Gruppe ist, Ammerland, die norddeutsche Genossenschafts-Molkerei, sowie Arla, der sich »die größte Bio-Molkerei der Welt« nennt.

Arla ist die einzige Bio-Molkerei in Deutschland, die keine Bio-Verbandszugehörigkeit von ihren Lieferanten verlangt, sondern nur eigene Qualitätskriterien auf die für alle geltende EU-Bio-Verordnung setzt.

Neuester Akteur ist die Luisenhof Milchmanufaktur für Berlin des Hubert Böhmann, der schon die Gläserne Molkerei aufgebaut hatte. Schwerpunkte der deutschen Bio-Milcherzeugung liegen in Bayern und Baden-Württemberg.

Auch Bio-Eier boomen

Die zweitgrößte Bio-Warengruppe sind Bio-Eier mit 309 Mio. € Verkaufserlösen 2019 (fast 25 % aller Eier-Erlöse). Das sind nicht die Mistkratzer im Hinterhof, die manch ein Verbraucher von Bio erwartet, sondern zu 90 % Legehennenbestände mit zwischen 3.000 und 40.000 Tieren.

Zwar hat die EU 3.000 Legehennen als Obergrenze für einen Bio-Stall vorgegeben. In Deutschland wird das aber als Bio-Stall-Einheit oder Herde interpretiert,...