Digitale Landwirtschaft: Da geht deutlich mehr! Premium

Digitalisierung bietet riesige Chancen – und enttäuscht oft. Wir haben mit Michael Horsch und John Deere-Präsident Markwart von Pentz diskutiert, was funktioniert und wo es in der Praxis noch hakt.

Michael Horsch sieht den Hype um die Digitalisierung kritisch. Sie nutze der Landwirtschaft längst nicht überall und schlage sich oft nicht im Reinertrag nieder. Das findet Markwart von Pentz von John Deere viel zu pauschal. Für uns war das Anlass, mit beiden über die Chancen und Risiken der Digitalisierung zu diskutieren. Das überraschende Fazit: Die Digitaltechnik kann der Landwirtschaft künftig sogar helfen, verlorenes Vertrauen beim Bürger zurückzugewinnen.

Herr Horsch, wie nehmen Sie die aktuelle Diskussion wahr?

Horsch: Ich finde den Hype völlig überzogen. Keiner weiß genau, was „Digitalisierung“ überhaupt ist – ich auch nicht. Trotzdem reden alle drüber. Nicht voll digitalisierte Landwirte müssen sich derzeit doch fast wie Landwirte zweiter Klasse fühlen.

Was ist für Sie digitale Landwirtschaft?

Horsch: Jedenfalls ist es viel mehr als AutoTrac oder automatische Teilbreitenschaltung (SectionControl). Eigentlich geht es um das Sammeln und Verarbeiten von Daten. Da sind wir aber noch längst nicht dort, wo wir sein wollen. Vieles, was derzeit in den Himmel gelobt wird, funktioniert noch nicht oder nicht richtig. Das merkt man auch an der Basis. Mit unseren landwirtschaftlichen Betrieben sind wir in zwei Beratungsringen und stellen fest: Die digitalen Lösungen schlagen sich nicht im Reinertrag nieder. Da muss ich mir doch die Frage stellen: Was treiben wir da eigentlich?

von Pentz: Es ist richtig, dass es bei der Digitalisierung noch gewaltig an der agronomischen Optimierung hapert. Wir haben noch zu viele Insellösungen und zu viele Datenfriedhöfe. Und es gelingt noch nicht, aus Daten Informationen konsistent zu gewinnen und aus diesen Informationen dann fundierte Entscheidungen abzuleiten.

Ich rate dazu, in Teilschritten zu denken. Im ersten Schritt geht es um die Maschinenoptimierung. Da sind wir mit der automatischen Lenkung AutoTrac gestartet. Das hat 8 bis 12% mehr Effizienz gebracht. Zur Maschinenoptimierung gehören auch Einsatz und Verknüpfung von Sensoren, z.B. beim Mähdrescher, was die Auslastung um bis zu 20% erhöhen kann.

Im zweiten Schritt kommt die Joboptimierung. Sie unterstützt den Landwirt, die Qualität der Feldarbeit zu erhöhen. Die Maschinen werden so gesteuert, dass z.B. Dünger, Pflanzenschutzmittel, Saatgut etc. in der richtigen Menge, am richtigen Ort und zum optimalen Zeitpunkt ausgebracht werden.

Erst danach kommt die agronomische Optimierung. Hier erfassen zusätzliche Sensoren Bestands- und Bodenparameter. Basierend darauf werden dann automatisch bedarfsgerechte Applikationen durchgeführt. Das Ganze ist ein Puzzle, das noch längst nicht fertig ist. Ich glaube, auf der Maschinen- und auf der Jobseite ist das Puzzle schon kompletter als auf der Ebene der Betriebsführung.

Was kommt als Nächstes?

Horsch: Die Maschinen bekommen noch mehr Sensoren, z.B. um Arbeitstiefe oder Feuchtigkeit im Saatbett besser zu messen. Daran arbeiten alle Hersteller. Enden wird die Entwicklung in der Autonomie, also bei Maschinen ohne Fahrer.

von Pentz: Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg. Der Traktor kann zwar schon alleine übers Feld fahren. Doch er sät, mäht, pflügt. Und diese Jobs zu automatisieren, ist eine ganz andere Herausforderung. Das wichtigste passiert an den Anbaugeräten.

Das autonome Fahren auf der Straße werden wir von der Automobilindustrie kopieren. Doch im Feld liegt es an uns. Es beginnt mit den Arbeiten bei denen „einfach“ etwas verteilt wird, z.B. beim Düngen oder im Pflanzenschutz.

Horsch: Mir gefällt folgender Satz: Man muss wagen, das Unmögliche zu denken. Denn bei den Entwicklungen ist vieles dabei, bei dem einer sagt: „Du spinnst!“ Und zum Teil hat er dann auch noch recht. Trotzdem sollten wir immer Raum für verrückte Ideen lassen. Denn manchmal ist was dabei, das zum Erfolg wird.

von Pentz: Wir glauben, dass die Autonomisierung kommt – aber in Schritten. Wichtiger ist zunächst die Automatisierung: Sie unterstützt und vereinfacht. Dadurch kann man länger und entspannter arbeiten bzw. weniger ausgebildete Mitarbeiter einsetzen. Die Mitarbeiter haben in Zukunft vor allem die Aufgabe, einfache Störungen zu beseitigen.

Das Einstellen der Spritze oder auch die Überwachung des Arbeitsergebnisses übernimmt die Maschine automatisch. Sie entscheidet dann auch z.B., ob die Krümelung stimmt oder ob der Tonkopf ein zweites Mal bearbeitet werden muss.

Wann sind solche Lösungen serienreif?

von Pentz: Wir haben seit 2007 den Traktor, der alleine fährt und am Ende des Schlages auch umdreht. Die Infrastruktur zum autonomen Fahren ist also vorhanden. Die Sicherheits-Sensoren sind zurzeit aber noch viel zu teuer. Da brauchen wir die Lkw- und Pkw-Leute, um die Kosten von 400000 € auf 30000 € runterzubringen.

Wie geht es dann weiter?

von Pentz: Die einfacheren Jobs werden als Erstes ohne Fahrer in der Praxis laufen, z.B. das Spritzen. Die Mittel sind vorgegeben, es geht im Wesentlichen um das Ein- und Ausschalten. Die wirklich komplexen Arbeiten, bei denen es sehr viele Variablen gibt, werden dagegen noch länger den Fahrer benötigen. Nicht als steuerndes, sondern vor allem als überwachendes Element. Die Autonomie kommt nicht übermorgen, da machen sich viele etwas vor.

Herr Horsch, gab es auch digitale Sackgassen, in denen Sie sich verlaufen haben?

Horsch: Nicht nur eine (lacht). Da waren wir...

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Artikel geschrieben von

Guido Höner

Chefredakteur top agrar

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