Bienensterben – was steckt dahinter?

Beim Thema Bienensterben geraten Landwirte schnell in die Schusslinie – dabei ist die Wahrheit weitaus komplizierter, wie Dr. Werner von der Ohe im top agrar-Praxisratgeber „Bienen“ erklärt. Das „Bienensterben“ geistert immer wieder durch die Presse. Was ist damit gemeint?

Dr. Werner von der Ohe, Leiter des Laves Institutes für Bienenkunde, Celle (Bildquelle: privat)

Beim Thema Bienensterben geraten Landwirte schnell in die Schusslinie – dabei ist die Wahrheit weitaus komplizierter, wie Dr. Werner von der Ohe im top agrar-Praxisratgeber „Bienen“ erklärt.

Das „Bienensterben“ geistert immer wieder durch die Presse. Was ist damit gemeint?

von der Ohe: Bei Honigbienen gibt es definitiv kein Bienensterben. Ganz im Gegenteil: Die Zahl der Imker wächst seit Jahren um jährlich etwa 5 % – und damit auch die Zahl der Bienenvölker. Seit im Winter 2002/03 viele Völker starben, kommt das Thema nicht mehr aus den Schlagzeilen. Neben Jahren mit höheren Überwinterungsverlusten gibt es auch welche mit sehr guter Überwinterungsrate. Über letzteres möchte aber offenbar niemand berichten. Wirklich bedroht sind dagegen Wildbienen wie Hummeln, Mauerbienen etc.

Warum?

von der Ohe: Dass die Wildbienen verschwinden, liegt vor allem an der Zerstörung von Habitaten – da müssen wir uns alle selbst an die Nase fassen. Für zubetonierte Neubaugebiete, Supermärkte und zugehörige Parkplätze wurde oft kein bienenfreundlicher Ausgleich geschaffen. Randstreifen an Wäldern und Äckern sowie Hecken fehlen, Hausgärten ohne Blühpflanzen verschlimmern die Lage. Hier finden Wildbienen keine Brutplätze und auch keine Nahrung.

Warum gehen auch Honigbienen-Völker zugrunde?

von der Ohe: Hauptgrund ist ganz klar die vor 40 Jahren eingeschleppte Varroamilbe. Mittlerweile gibt es kein varroafreies Volk mehr! Und ohne den fürsorglichen Imker mit ausgefeiltem Varroa-Management gäbe es heute sehr wahrscheinlich kaum noch Bienenvölker.

Schädigt der Habitatverlust auch die Honigbiene?

von der Ohe: Ja, denn die intensive Agrarlandschaft bietet oft kein durchgehendes Nahrungsangebot. So ist z. B. zur Rapsblüte überbordend viel Nahrung vorhanden. Danach finden die Bienen dann oft keinen Nektar und Pollen mehr – sie hungern.

Insektizide werden oft für das Bienensterben verantwortlich gemacht – zu Recht?

von der Ohe: Insektizide spielen eine Rolle, aber ganz klar nach der Varroa-milbe. Natürlich wäre es für die Bienen besser, wenn Insektizide überflüssig wären. Aber das ist eine utopische Vorstellung, da wir Landwirtschaft betreiben und uns ernähren müssen. Tatsächlich gehen jedes Jahr Bienenvölker aufgrund von Fehlanwendungen von z. B. B1-Mitteln oder Tankkombinationen zugrunde. Diese Zahl ist über die Jahre relativ gleichbleibend niedrig. Eine Ausnahme war z. B. das Jahr 2008, als es durch die Neonicotinoid-Verstäubung beim Maisdrillen in Baden zu hohen Ausfällen kam.

Um die Honigbienen – wohlgemerkt nicht die Wildbienen! – zu schützen, gibt es die Bienenschutzverordnung. Wird sie konsequent beachtet, bringt sie eine relativ große Sicherheit für die Honigbienen.

Die Neonicotionide stehen weiterhin im Kreuzfeuer der Kritik – sehen Sie Handlungsbedarf?

von der Ohe: Deutschland hat nach 2008 vorsorglich die Beizung mit Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam verboten. Relativ sichere Beizungen wie die von Raps wurden nach Klärung des Sachverhaltes wieder zugelassen. Für Mais und Getreide bleiben sie weiterhin verboten. Das war ein guter Schritt. Erst 2013 zog die EU mit dem Moratorium nach. Dieser Zeitverzug hat Bienen außerhalb Deutschlands unnötigerweise das Leben gekostet. Wenn es bei dem Verbot bleibt, sehe ich derzeit keinen weiteren Handlungsbedarf. Abzuwarten bleibt, was aus dem auf EU-Ebene derzeit diskutierten Totalverbot von Neonicotinoiden wird.

Was können Landwirte tun?

von der Ohe: Sie sollten die Bienenschutzverordnung einhalten. Landwirte dürfen bienengefährliche Pflanzenschutzmittel nicht auf Blüten oder Pflanzen ausbringen, wenn diese von Bienen beflogen werden. Das gilt, sobald eine Pflanze im Bestand blüht. Dabei zählen nicht nur die Blüten der Kultur, sondern auch die der Wildkräuter mit. Wichtig zu wissen ist außerdem, dass die Einstufung B4 (nicht bienengefährlich) nur heißt, dass Bienenvölker durch so eine Spritzung keinen nachweisbaren Schaden nehmen. Einzelne Flugbienen sterben jedoch schon.

Deshalb appelliere ich eindringlich, möglichst alle Insektizide in allen Kulturen erst nach der Hauptflugzeit einzusetzen. Das hätte eine enorm positive Wirkung nicht nur auf den Bienenschutz, sondern auch auf die Minimierung von Pflanzenschutzmittelrückständen in Pollen und Honig.

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Diskussionen zum Artikel

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von Paul Siewecke

im Artikel nur kurz erwähnt....

wurden "Hausgärten ohne Blühpflanzen", dabei sind Hausgärten und Parks in den Städten die einzigen Rückzugsgebiete und auch Nahrungsquellen für bestäubende Insekten. Wie sieht den der typische "Schickimicki-Hausgarten heute aus? Viele Koniferen, Rasen und darauf wuselt dann ein Mähroboter, damit ja nichts blüht! Was dieses als Ernährungsquelle für Insekten von einer Wüste unterscheidet? In der Wüste blüht wenigstens mal ein Kaktus!

von Josef Doll

und niemand spricht vom Asiatischen

Marienkäfer . Seit der da ist gibts bei uns auch fast keine Kartoffelkäfer mehr . Gibts irgendwo Blattlaüse gibs es Sie bald zu Millionen !!! Zumindest letztes Jahr ist das eingetroffen als meine Ackerbohnen Blattlaüse hatten. Nur die Landwirtschaft als Prügelknabe lohnt sich da wohl mehr !! Ein Fragezeichen setze ich da erst gar nicht !!

von Rudolf Rößle

Wundert

mich wundert es, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht veröffentlicht werden. Lieber macht man aus einer Mücke einen Elefanten. Zudem wird das industrielle Problem klein geredet und gar nicht berücksichtigt. Gifte, Gase, Flächenverbrauch. Bei dem zuletzt genannten Thema wird die Bevölkerung beruhigt und die Vorteile der Versiegelung hervorgehoben.

von Wilhelm Grimm

Wozu leistet sich Frau Klöckner das Institut für Bienenkunde in Celle???

Es kostet nur unser Steuergeld und ist für Frau Klöckner unglaubwürdig und daher als fachlicher Ratgeber lästig.

von Wilhelm Gebken

Es geht also auch sachlich, vielen Dank Herr von der Ohe, vielen Dank TopAgrar

Es ist übrigens auch für die Entscheidungen der Landwirte von Vorteil wenn es (wie hier) sachliche und lösungsorientierte Erläuterungen zum Problem gibt. Die hyperventilierende Hysterie die sich ansonsten allerorten breit macht ist auch für den Landwirt wenig hilfreich.

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