Wasserversorgung

Grundwasser: Wasser vom Umfang des Bodensees binnen 20 Jahren verschwunden

Deutschland verliert Wasser. Die größten Verluste sehen Forscher in Bayern und Baden-Württemberg, aber auch der Nordosten ist betroffen – wie die Bundesländer reagieren.

In Deutschland ist in den vergangenen 20 Jahren Wasser in der Menge des Bodensees verlorengegangen. Das geht aus einem noch nicht veröffentlichten Bericht der US-Weltraumbehörde (NASA) und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) hervor, für den Forscher Gravitationssignale der 2002 gestarteten GRACE-Satelliten ausgewertet haben. Dabei gehört Deutschland, hier insbesondere Bayern und Baden-Württemberg, zu den Regionen mit den weltweit stärksten Wasserverlusten.

Das Grundwasser stand auch beim diesjährigen Weltwassertag im Fokus, der unter dem Motto „Grundwasser: Making the Invisible Visible“ - „Unser Grundwasser: der unsichtbare Schatz“ stand. Seit 1992 erinnern die Vereinten Nationen (UN) jedes Jahr mit diesem Tag an die Besonderheiten von Wasser. UN-Generalsekretär António Guterres mahnte, Wasser könne eine Quelle von Konflikten, aber auch von Zusammenarbeit sein. Er hält Kooperationen für wichtig, um einen besseren Umgang mit allen Wasserquellen zu gewährleisten. „Wir müssen unsere Erkundung, Überwachung und Analyse der Grundwasserressourcen verbessern, um sie zu schützen und besser zu bewirtschaften und die Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen“, forderte Guterres.

Die Parlamentarische Staatssekretärin vom Bundesumweltministerium, Bettina Hoffmann, betonte beim Runden Tisch zur Spurenstoffstrategie des Bundes, es sei aktiver Umwelt- und Gesundheitsschutz, Grundwasser sauber und verfügbar zu halten. Grundwasser sei in der Vergangenheit als etwas Selbstverständliches angesehen worden. Die Erderhitzung mit immer öfter langanhaltenden Trockenperioden senke aber den Grundwasserspiegel an vielen Orten Deutschlands ab.

Weniger Grundwasserneubildung

Das Mainzer Umweltministerium berichtete, dass in Rheinland-Pfalz in den vergangenen 18 Jahren gegenüber dem langjährigen Mittelwert die Grundwasserneubildung um etwa ein Viertel zurückgegangen sei. Diese Tendenz habe sich zuletzt noch beschleunigt. Langfristig könne der Rückgang auch die Qualität des Grundwassers beeinflussen.

Die Umweltminister von Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen, Thorsten Glauber, Dr. Till Backhaus und Ursula Heinen-Esser riefen zum Schutz der Gewässer und zu einem sorgsamen Umgang mit der Ressource Wasser auf.

Sachsen-Anhalts Umweltminister Prof. Armin Willingmann verwies auf die Dürrejahre 2018 und 2020, die deutlich vor Augen geführt hätten, dass das kühle Nass auch in Mitteleuropa keine unendlich verfügbare Ressource sei. „Der Klimawandel wird dafür sorgen, dass sich derartige Trockenperioden häufen“, warnte Willingmann. Er kündigte an, das Wassermanagement noch stärker in den Fokus zu rücken.

„Grundwasserdürre“ in Sachsen

Sachsens Umweltminister Wolfram Günther stellte fest, dass im Freistaat drei Dürrejahre in Folge zu einer „historischen Grundwasserdürre“ geführt hätten. Diese vollziehe sich weitgehend unsichtbar. Sie habe aber tiefgreifende Folgen für die Wälder, die Verfügbarkeit von Trink- und Brauchwasser und sei damit nicht nur ein ökologisches Thema, sondern eines, das Bürger und Wirtschaft unmittelbar berühre, so Günther.

Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Peter Hauk machte auf die Gefahren der menschengemachten Erderwärmung für die Gewässerbewohner aufmerksam. Forelle, Äsche oder Flusskrebs gehörten zu den Organismen, die vom Klimawandel am stärksten und am unmittelbarsten betroffen seien. Viele dieser Arten hätten anspruchsvolle Temperaturanforderungen an ihre Gewässer; diese würden mit zunehmender Erwärmung immer häufiger „gerissen“, was absehbar zu deutlichen Bestands- und Lebensraumrückgängen führen werde, erklärte Hauk.

Ruf nach Rückhalteanlagen

Aufgrund des in Brandenburg seit den 1970er Jahren zu verzeichnenden Rückgangs der Grundwasserstände stellte Landwirtschaftsminister Axel Vogel jetzt Maßnahmen zur Grundwasserbewirtschaftung vor. So soll noch in diesem Jahr ein Klimaabschlag als ein zusätzlicher Sicherheitsabschlag auf künftige Grundwasserentnahmen eingeführt werden. Zur Begründung verwies das Ministerium auf perspektivisch steigende Wasserbedarfe und die Folgen der Klimakrise, wodurch künftig die Grundwasserressourcen in einem geringeren Umfang zur Verfügung stünden. Langfristig müsse klimafolgenbedingt mit einer verminderten Grundwasserneubildung gerechnet werden.

„Zur Nutzung soll lediglich ein Teil des jährlich neu gebildeten Grundwassers zugelassen sein, das nach derzeitigen Abschätzungen der klimatischen Änderungen im Zeitraum 2031 bis 2060 noch zur Verfügung stehen wird“, erklärte Vogel. Für ihn ist der Klimaabschlag eine wichtige Voraussetzung für eine nachhaltige Nutzung der Grundwasservorräte.

Der Landesbauernverband (LBV) Brandenburg sieht angesichts der Wasserknappheit akuten Handlungsbedarf. Vielerorts könne das Wasser durch marode Stausysteme nicht in der notwendigen Zeit auf einer bestimmten Fläche zurückgestaut werden, um die Kulturpflanzen zu bewässern. Es bedürfe eines landesweiten Plans zur Ertüchtigung bestehender Anlagen und der Errichtung neuer Rückhaltebecken, um zu verhindern, dass ein erheblicher Teil des dringend benötigten Wassers ungenutzt abfließe, forderte LBV-Präsident Henrik Wendorff.

Potential der Teiche nutzen

Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) sieht in Teichen ein großes zusätzliches Potential, um Wasser zu speichern und um etwa bei sommerlichen Starkregenereignissen Hochwassergefahren zu mindern. Mit geringem finanziellem Aufwand ließe sich an geeigneten Standorten das Stauvolumen von Teichen durch die Erhöhung von Dämmen steigern. Dieses zusätzlich zur Fischzucht gespeicherte Wasser könnte für die Bewässerung der Landwirtschaft abgegeben werden. Die Kombination von Fischhaltung und Bewässerung werde seit vielen Jahrzehnten in Israel und anderen wasserarmen Ländern praktiziert, erklärte die LfL.

Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) unterstrich die wichtige Rolle kleiner Gewässer in Einzugsgebieten, Landschaften und möglicherweise sogar auf kontinentaler Ebene. Die Deutsche Wildtier Stiftung (DWS) hob die Bedeutung sauberer Gewässer für viele seltene Tier- und Pflanzenarten hervor. Derweil rief die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) dazu auf, sorgsam mit Grund- und Trinkwasserreserven umzugehen.

Pro Tag und Kopf 128 Liter Wasser verbraucht

Dem Statistischen Bundesamt (Destatis) zufolge nutzt jeder Bundesbürger im Schnitt 128 l Wasser pro Tag. Mehr als die Hälfte dieses Wasserbedarfs wird mit Grundwasser gedeckt. So wurden 2019 von den öffentlichen Wasserversorgungsunternehmen insgesamt rund 3,3 Mrd m³ Wasser dem Grundwasser entnommen, das entsprach einem Anteil von 62 %.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) berichtete unter Verweis auf Destatis-Daten, dass nur 1,3 % des Wasserverbrauchs auf landwirtschaftliche Zwecke entfalle. Lediglich 506.500 ha oder 3,1 % der Agrarflächen würden bewässert. Die meisten Beregnungsflächen lägen mit 55 % in Niedersachsen.

Laut Daten des Hessischen Statistischen Landesamtes wurden 2019 in dem Bundesland 381,5 Mio. m³ Rohwasser gewonnen, dabei allein 295,6 Mio m³ aus dem Grundwasser.

Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg teilte mit, dass im Südwesten rund 70 % des benötigten Trinkwassers aus Grundwasservorkommen und etwa 30 % aus Oberflächenwasserquellen stamme. Landwirtschaftliche Betriebe und Beregnungsverbände nutzten überwiegend eigene Brunnen für die Bewässerung der Flächen.

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