Prof. Hensel: "Wissenschaftler streben nach Wahrheit"

Gegenüber dem DRV und Grain Club-Magazin "trendbrief agrarwirtschaft" beantwortete Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), folgende Fragen...

Gegenüber dem DRV und Grain Club-Magazin "trendbrief agrarwirtschaft" beantwortete Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), folgende Fragen:

DRV/GrainClub: Herr Prof. Hensel, der Pflanzenschutz ist ein entscheidender Faktor für die Ernährungssicherung einer steigenden Weltbevölkerung. Ihr Institut bewertet die Risiken im Hinblick auf mögliche Folgen für die Gesundheit von Mensch und Tier. Nach welchen Grundsätzen gehen Sie dabei vor?

Hensel: Die gesundheitlichen Risikobewertungen im Rahmen der Zulassung sind ein im Kern der Gesundheits- und Umweltschutzvorsorge dienender Prozess, der letztlich die Anwendung eines Pflanzenschutzmittels sicher macht. Zunächst werden für jeden Wirkstoff die toxikologischen Grenzwerte ermittelt. Sie besagen, bis zu welcher Menge die einmalige (oder auch längerfristige) Aufnahme eines Wirkstoffs keine nachweisbaren schädlichen Veränderungen im Menschen verursacht.

Beim Zulassen eines Pflanzenschutzmittels wird der Wirkstoff dann in Zusammenhang mit den anderen Bestandteilen der Pflanzenschutzmittel und mit seiner beantragten Anwendung geprüft. Bewertet werden somit sowohl die Anwendung als auch mögliche Wechselwirkungen mit anderen Bestandteilen des Präparats. Ein Pflanzenschutzmittel ist nur dann sicher, wenn die Aufnahmemenge seiner Wirkstoffe durch Verbraucher, Anwender und unbeteiligte Dritte jeweils unterhalb der toxikologischen Grenzwerte liegen.

Nicht nur das BfR prüft und bewertet die Risiken, auch andere nationale Institutionen wie das Umweltbundesamt (UBA) sowie europäische Einrichtungen. Lassen sich die Genehmigungsverfahren von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen auf EU-Ebene verbessern?

Hensel: Das BfR ist schon länger der Ansicht, dass Offenheit und Transparenz bei der Bewertung von Wirkstoffen und Pflanzenschutzmitteln noch weiter verbessert werden können. Wissenschaftliche Informationen sollten für die Öffentlichkeit uneingeschränkt zugänglich sein. Das gilt insbesondere für toxikologische Originalstudien der Industrie. Auf diese Weise kann auch einem – aus meiner Sicht unbegründeten – vereinzelten Misstrauen gegen die Arbeit der Bewertungs- und Zulassungsbehörden begegnet werden.

In der öffentlichen Diskussion wird die wissenschaftliche Risikobewertung zunehmend in Frage gestellt und die Neutralität angezweifelt. Dringen Sie noch durch in Politik und Gesellschaft?

Hensel: Das Internet eröffnet ungeahnte – und unregulierte – Möglichkeiten der Wissens- und Meinungsvermittlung. Das hat leider auch seine Schattenseiten. Dank „Dr. Google“ wird heute jeder in 15 Minuten zum Experten und glaubt mitreden zu können. Solche selbsternannten Facebook-Forscher können dann als Meinungsführer eine Debatte initiieren und dominieren. Kommt dann noch eine gewisse weltanschauliche Voreingenommenheit hinzu, ergibt sich ein völlig verzerrtes Bild. Plötzlich gelten nicht mehr die unabhängigen Bewertungsbehörden als neutral, sondern jene Gruppen, die mit ihren Kampagnen eine klare ideologische Zielrichtung haben, Geld verdienen oder einwerben und alles andere als unvoreingenommen sind. In dieser Situation ist es in der Tat schwierig, als seriöse Institution noch Gehör zu finden.

Verbraucher verstehen oft die komplexen Fragen und Zusammenhänge nicht und sind daher verunsichert, wie die jüngste Debatte um den Wirkstoff Glyphosat gezeigt hat. Wie lässt sich die Aufklärung des Verbrauchers verbessern?

Hensel: Ich glaube, wir müssen noch mehr Überzeugungsarbeit leisten. Wissenschaftler sollten sich der öffentlichen Diskussion stellen, sie dürfen der Kontroverse nicht aus dem Weg gehen. Wohlgemerkt, dabei geht es nicht darum, einen Wirkstoff wie Glyphosat zu verteidigen oder zu verteufeln. Das ist nicht unsere Aufgabe. Als Wissenschaftler streben wir nach Wahrheit. Fakten sind die Basis unserer Argumente, nicht politische oder kommerzielle Interessen.

Was wünschen Sie sich von der Politik im Hinblick auf die Risikobewertung und die Genehmigung von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen?

Hensel: Die öffentliche Debatte wird häufig von Schlagworten und Klischees beherrscht. Das Schwarz-Weiß-Denken dominiert. In dieser Kakophonie droht dann die Stimme der Wissenschaft unterzugehen, weil ihre Aussagen differenzierter und abwägender sind. Dennoch, der wesentliche Maßstab für die Bewertung von gesundheitlichen Risiken und die Genehmigung von Wirkstoffen sowie die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln ist eine Wissenschaft. Das sollte die Politik anerkennen und würdigen.


Diskussionen zum Artikel

von Erwin Schmidbauer

So manche sogenannte Wissenschaftler streben aber nur nach der Wahrheit, die ihrer Meinung entspricht. Das, was manche "Wissenschaftler" nämlich betreiben, hat mit Differenzierung und Abwägung nichts mehr zu tun. Sie machen sich zum Vorsprecher und Lautsprecher von (einseitigen) ... mehr anzeigen

von Wilhelm Grimm

Wissenschaftler streben nach Wahrheit.

Aber es gibt auch Wissenschaftler, die nach Aufträgen für sich und ihre Mitarbeiter streben und sich ihre eigene Wahrheit schön rechnen.

von Rudolf Rößle

PSM

die Erprobung der PSM in Versuchsfeldern über mehrere Jahre sind mangelhaft oder finden mit zu wenigen untersuchten Kriterien statt. Wie kann es sonst sein, dass PSM wegen Gesundheitsgefährdung nach ihrer Einführung wieder vom Markt genommen werden müssen.

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