Kleinwindkraft: „Wir stehen vor dem Durchbruch“

Die 5. Fachtagung Kleinwindkraft gestern in Augsburg zeigte neue technische Lösungen, sowie internationale Erfahrungen mit den Mini-Windrädern. Dabei gibt es in Landwirtschaft und Gewerbe einen Trend zu größeren Anlagen mit 30 kW und mehr.

„Bei der Kleinwindkraft stehen wir eigentlich kurz vor dem Durchbruch, der Markt wird in den nächsten Jahren deutlich anziehen“, erwartet Stephan Schwartzkopff. Der Vorsitzender des Bundesverbandes Kleinwindanlagen (BVKW) begründete seinen Optimismus gestern auf der 5. Fachtagung Kleinwindkraft in Augsburg auf der Messe „Renexpo“ damit, dass die Technik für viele Kommunen oder Gewerbebetriebe eine interessante Option ist, um die Elektromobile zu laden.

Horizontalläufer dominieren

„Aber noch stehen wir in der Branche ganz am Anfang“, sagte Vanessa Siegel vom C.A.R.M.E.N. e.V.  Die bayernweite Beratungsorganisation beschäftigt sich u.a. auch mit Kleinwindkraft und gibt Tipps zur Planung und Wirtschaftlichkeit. Wie Siegel ausführte, gibt es in Deutschland heute 15.000 bis 20.000 Kleinwindräder. Anlagen mit Horizontalachse und drei Rotorblättern haben dabei einen Marktanteil von ca. 88 %, die meisten sind Luv-Läufer, werden also von vorn angeströmt. Der Rest der Anlagen hat Vertikalrotoren. Dazu gehören der Savonius-Rotor, der Darrieus-Rotor oder der H-Darrieus-Rotor.  „Anlagen mit Vertikalachse sind zwar unanfälliger gegen Windrichtungsänderungen, haben aber einen deutlich geringeren Wirkungsgrad“, erklärte die Beraterin.

Vertikalrotor nicht nur nachteilig

Eine Lanze für Vertikalrotoren brach Matthias Hesse vom Anlagenhersteller DeTecVision, der seit 2014 die Anlage „Vertikon“ im Programm hat. Seit März 2017 ist sie auf dem österreichischem Testfeld in Lichtenegg installiert. „Das ist der härteste Standort in ganz Europa mit viel und sehr böigem Wind“, so Hesse.

Die Anlagen mit H-Darrieus-Rotor laufen zwar schon ab Windgeschwindigkeiten von 1,6 m/s an, sind aber erst ab 4 m/s wirtschaftlich, sagte Hesse. Die meisten der 200 Anlagen hat der Hersteller bislang im Ausland installiert. „Aber der deutsche Markt wird sich in den nächsten zwei bis vier Jahren entwickeln“, ist auch Hesse überzeugt.

Dass eine Anlage robust und mit nicht zu viel Technik ausgestattet sein sollte, erklärte Jaques Fischbach von der Enbreeze GmbH, die eine Kleinwindanlage für Schwachwindstandorte entwickelt. „Wir mussten feststellen, dass viel Technik wie eine aufwändige Pitchregelung auch zu vielen Störfällen führt und die Kosten nach oben treibt“, sagte er.

Stefan Querfurth von der Querfurth Energy Consulting zeigte auf, wie man heute mit modernem Lasermessverfahren Windverhältnisse horizontal, aber auch in der Höhe messen kann. Damit lässt sich für jeden Standort die richtige Position des Windrades bestimmen.
Nennleistung ist irreführend

Rolf Weiss vom Ingenieurbüro WinDual aus Hamburg rät potenziellen Käufern, Windkraftanlagen nicht primär an Hand der Nennleistung zu vergleichen. „Verschiedene Anlagen mit gleicher Nennleistung können am gleichen Standort deutlich unterschiedliche Strommengen produzieren. Als Beispiel nannte er: „Erträge verschiedener Anlagen mit 10 kW können bei gleichen Windbedingungen zwischen 6.000 und 30.000 kWh pro Jahr liegen“, verdeutlichte er. Auch sei entscheidend, bei welcher Windgeschwindigkeit die Anlage die Nennleistung erreicht. Er empfiehlt nur Anlagen mit zertifizierter Leistungskurve und an Hand dessen ermitteltem Jahresertrag mit einander zu vergleichen, weil nur sie unter Standardbedingungen getestet worden seien.

Für einen möglichst hohen Eigenverbrauchsanteil sollte die Anlage möglichst über das ganze Jahr hindurch zeitlich gleichmäßigere Erträge liefern. Das wird laut Weiss mit einer Schwachwindanlage erreicht, wie z.B. die TN535 des italienischen Herstellers TozziNord. Diese Anlagen vertreibt WinDual genauso wie die Anlagen 30K16 und 30K20 eines deutschen Entwicklers.

In die gleiche Kerbe hieb Kurt Leonhartsberger vom Technikum in Wien, der u.a. Forschungen am Kleinwindpark in Lichtenegg betreibt (energieforschungspark.at). „Nicht alle Kleinwindanlagen am Markt entsprechen den Anforderungen, einige Hersteller können keine genauen Daten liefern“, hat er festgestellt. Auf dem Windpark wurden bereits über 20 Anlagen langzeitvermessen. Jetzt sollen auch Anlagen auf und neben Gebäuden getestet werden.

Dachanlagen nicht zu empfehlen

Patrick Jüttemann, Windkraftexperte und Betreiber des unabhängigen Kleinwindkraftportals (www.klein-windkraftanlagen.com) riet sehr deutlich von Anlagen auf kurzen Masten auf Gebäuden ab. „Ein Kleinwindrad braucht eine freie Lage Richtung Westen, auf dem Dach dagegen gibt es immer schwierige Windverhältnisse“, machte er deutlich. Auch warnte er vor windigen Versprechen einiger Verkäufer, die nur den Windatlas zur Abschätzung der Wirtschaftlichkeit heranziehen würden. „Auch an der Küste ist ein Windrad in einem Wohngebiet und hinter einem Wald im Windschatten“, nannte er ein Beispiel. Daher müsse jeder Standort genau betrachtet werden, bevor man Aussagen zur Wirtschaftlichkeit machen könne. Die Planung sei viel komplizierter als bei der Photovoltaik.

Viel Beachtung fand der Vortrag von Jonathan Schreiber aus Österreich, der mit seiner Firma Pure Self Made Workshops zum Selbstbau von Kleinwindanlagen anbietet. Der fünftätige Kurs dient nicht nur dazu, Verständnis für die Technik zu bekommen, sondern auch z.B. bei Firmen den Teamgeist zu stärken. Schreiber ist auch an Schulen oder in Universitäten unterwegs.

Das Fazit der Tagung:

  • Während seriöse Hersteller bereits an der nächsten Generation von zuverlässigen Anlagen arbeiten, gibt es immer noch unseriöse Anbieter auf dem Markt. Käufer sollten daher auf Qualitätsmerkmale wie Zertifzierungen, Referenzen sowie Ergebnisse von Feldtests achten.
  • Ein großer Hemmschuh für den Markt sind die Genehmigungsbehörden, die Kleinwindanlagen häufig mit Großwindrädern gleichsetzen. Investitionswillige Landwirte sollten mit guten Konzepten einschließlich Fotos von Anlagen an die Behörden herantreten, um Vorbehalte bezüglich Höhe, Landschaftsbild, Lärm oder Artenschutz auszuräumen.
  • Die Kombination von Kleinwindkraft, Photovoltaik und Speicher wird künftig immer wichtiger, um über das ganze Jahr hinweg gleichmäßig Strom produzieren zu können. Nach Ansicht des Bundesverbandes Kleinwindanlagen werden daher die Branchen Photovoltaik, Speicher und Kleinwind künftig stärker zusammenwachsen. Erste Einblicke gibt die Messe Intersolar in München.

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