Reserveantibiotika – was ist künftig noch erlaubt?

Mitte September stimmt das EU-Parlament darüber ab, welche Antibiotika künftig nur noch bei Menschen angewendet werden dürfen. Tierärzte warnen vor einem Therapienotstand.

Jeder Antibiotikaeinsatz fördert die Bildung von Resistenzen. Daran lässt sich nicht rütteln. Die Bakterien versuchen, sich der für sie tödlichen Wirkung des Antibiotikums zu entziehen, indem sie sich anpassen und verändern. Sie entwickeln gegen den eingesetzten antimikrobiellen Wirkstoff eine Resistenz. Dabei gilt: Je häufiger ein Antibiotikum eingesetzt wird, desto größer ist die Resistenzgefahr.

Deshalb wird seit Langem gefordert, den Einsatz der Antiinfektiva auf ein Minimum zu beschränken. Das gilt für die Human- ebenso wie für die Tiermedizin. Beides gehört zusammen, denn Resistenzen kennen keine Artengrenze. Sie können sich rasch zwischen Mensch, Tier und Umwelt verbreiten. Experten fordern deshalb einen sogenannten One-Health-Ansatz, bei dem alle Wechselwirkungen zwischen Mensch, Tier und Umwelt berücksichtigt werden.

Reserveantibiotika definieren

Die häufige Anwendung bestimmter Antibiotikaklassen hat ihre Wirksamkeit gegen einige Erreger bereits deutlich vermindert. Gleichzeitig sind neue antimikrobielle Wirkstoffe aufgrund extrem hoher Forschungs- und Entwicklungskosten in nächster Zeit kaum zu erwarten. Und wenn, dann wird ihr Einsatz ohnehin der Humanmedizin vorbehalten sein.

Aus diesem Grund sollen einige der vorhandenen Wirkstoffgruppen jetzt für die Behandlung lebensbedrohlicher Infektionen bei Menschen reserviert werden. Die Rede ist von sogenannten Reserveantibiotika. Bei Tieren dürfen diese Substanzen dann künftig nicht mehr eingesetzt werden, auch nicht in Einzelfällen.

In der Tierarzneimittelverordnung (EU) 2019/6, die im Jahr 2019 verabschiedet wurde und im Januar 2022 in allen EU-Mitgliedstaaten in Kraft tritt, sollen jetzt die Kriterien festgelegt werden, nach denen die antimikrobiellen Wirkstoffe künftig eingeteilt werden.

Als Reserveantibiotika, die künftig nur noch in besonderen Fällen in der Humanmedizin eingesetzt werden sollen, sind die Fluorchinolone sowie die Cephalosporine der dritten und vierten Generation im Gespräch. Um die Zuordnung von Makroliden und Colistin wird noch gerungen.

Wissenschaftlich fundiert

Die EU-Kommission hat dazu einen Vorschlag erarbeitet. Er basiert auf wissenschaftlichen Auswertungen der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) und wurde in enger Abstimmung mit der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), dem Europäischen Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC), der Welttiergesundheitsorganisation (OIE) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) formuliert.

Einigen Abgeordneten des EU-Parlaments gehen die Vorschläge der Kommission jedoch nicht weit genug. Getrieben durch die Deutsche Ärztekammer hat die Fraktion Die Grünen einen Entschließungsantrag eingebracht und so den Kommissionsvorschlag am 13. Juli 2021, als im zuständigen EU-Ausschuss darüber abgestimmt wurde, auf den letzten Metern zu Fall gebracht.

Jetzt soll...