Gastkommentar

Isermeyer: Erhöhung der Mehrwertsteuer wird kein Schwein glücklicher machen

"Nur gut, dass unsere Schweine nicht lesen können, sonst wären sie gestern verzweifelt." Ein Zwischenruf von Prof. Folkhard Isermeyer zur aktuellen Tierwohl- und Mehrwertsteuerdebatte.

Ein Gastkommentar von Prof. Folkhard Isermeyer (Thünen-Institut):

"Nur gut, dass unsere Schweine nicht lesen können, sonst wären sie gestern verzweifelt.

  • Morgens titelten die Medien: Abgeordnete von CDU, SPD und Grünen befürworten die Idee, Fleisch künftig mit dem Regel-Mehrwertsteuersatz besteuern. Mit den zusätzlichen Einnahmen solle mehr Tierwohl finanziert werden. Das klang vielversprechend.
  • Mittags hieß es, Ministerien, Verbände und Spitzenpolitiker seien skeptisch, denn ein höherer Mehrwertsteuersatz für Fleisch würde ja noch kein zusätzliches Tierwohl hervorbringen.
  • Abends pflichteten die Kommentatoren von Tagesschau bis Spiegel dieser Einschätzung bei. Manche fanden den Vorschlag unsozial, manche sorgten sich um mehr Importfleisch, und wieder andere meinten, vielleicht könne ja eine Änderung der EU-Agrarpolitik helfen.

Also Thema durch, und alles weiter wie bisher. Arme Schweine. Was sagt die Wissenschaft dazu?

Glasklar: Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer wird kein Schwein glücklicher machen. - Isermeyer

Am Anfang der Debatte sollte deshalb nicht die Mehrwertsteuer stehen, sondern die Frage, wohin Deutschland seine Tierhaltung überhaupt führen will. Hier gibt es drei Optionen:

  • Kostenminimal, um im weltweiten Wettbewerb um das billigste Angebot mithalten zu können
  • Überwiegend kostenminimal, aber ergänzt durch „Bio-“ und „Tierwohl“-Marktsegmente
  • Hohes Tierwohl-Niveau, verpflichtend für alle Nutztiere, die in Deutschland gehalten werden

Der Deutsche Bundestag könnte erwägen, sich einmal über diese Kernfrage auszutauschen. Sollte sich dort eine Mehrheit für die dritte Option entscheiden, müsste Deutschland zwei Großbaustellen eröffnen, damit das gesellschaftliche Ziel auch tatsächlich erreicht wird:

  • Entwicklung von Haltungssystemen, die dem hohen Tierwohl-Anspruch der Mehrheit der deutschen Bevölkerung entsprechen. Hier gibt es schon viele gute Ansätze, aber für einige Tierarten auch noch sehr viel zu tun, und hier könnte die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Wirtschaft und Tierschutzverbänden wesentlich besser orchestriert werden als bisher.
  • Entwicklung eines Umsetzungs- und Finanzierungskonzepts. Die Kosten der Nutztierhaltung sind in Haltungssystemen, die eine Chance auf gesellschaftliche Akzeptanz haben, um mindestens 30 Prozent höher. Landwirte werden sich auf ein so hohes Tierwohl- und Kostenniveau nur einlassen, wenn sie eine Tierwohlprämie erhalten, mit der sie sicher kalkulieren können. Über Labelprogramme, Verbraucherpreise und Lebensmittelhandel lassen sich nur gewisse Marktsegmente erreichen. Wenn aber die ganze deutsche Nutztierhaltung auf ein hohes Niveau kommen soll, ist ein staatliches Programm mit rund 5 Mrd. Euro pro Jahr erforderlich. Erst an dieser Stelle kommt die Mehrwertsteuer ins Spiel. Mit dem Regelsatz für Fleisch und Milch käme genug Geld in die Staatskasse, es bliebe sogar noch Geld übrig, um die 10% ärmsten Haushalte Deutschlands zu kompensieren. Es gäbe positive Nebenwirkungen, von Welternährung bis Klimaschutz, und das System wäre immun gegen Billigimporte.

Mehr lesen? Thünen Working Paper 124, findet jede Suchmaschine."

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Artikel geschrieben von

Christina Lenfers

Redakteurin top agrar Online

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Diskussionen zum Artikel

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von Thomas u. Helmut Gahse GbR

Lösungen sind gesucht wenn´s um die Schweinehaltung geht,

da haben Sie Recht, Herr Prof. Dr. Brade. Aber welchen gangbaren und auch wirtschaftlichen tragfähigen Weg haben, wir-sind-Tierärzte, in der Praxis ausprobiert und vorgestellt.

von wilfried Prof Dr. Brade

Nachgehakt: Forschung zur Schweinefleischerzeugung im Thünen-Institut

Bewertet man die realisierten und laufenden Projekte im Thünen-Institut in Trenthorst auf dem Gebiet der Schweinefleischproduktion, so zeigt sich (siehe dort: Projektliste): man weist gerade nach, dass Schweine Allesfresser sind. Sie fressen sogar Leguminosen, Mais, Bohnen..... Das ist doch echte deutsche Spitzenforschung!

von Gerd Uken

Wer sich mit der MwSt.

Beschäftigt der wird auch mitbekommen wie die eingenommene MwSt. Über den Bund verteilt wird 53% behält der Bund 44% bekommen die Länder u. Knapp 3% geht an die Gemeinde Also werden auch nur 53% von den 12% verteilt werden können.

von Jakob Lechner

Ein Interview des Vorsitzenden des Agrarausschusses im Bundestag MdB Alois Gerig:

https://t1p.de/l2uy

von wilfried Prof Dr. Brade

Nachgehakt: Tiergezogene Forschung im Thünen-Institut

Wer die tierbezogenen Forschungsaktivitäten des Thünen-Institut einmal selbst bewerten will, empfehle ich einmal die Arbeiten in Trenthorst zu bewerten. Zum Beispiel: "Untersuchungen zu langfristigen Auswirkungen der muttergebundenen Aufzucht von weiblichen Kälbern in der ökologischen Milchviehhaltung"; zusätzlich finanziell umfassend gefördert von der BLÖN/BLE in Bonn. Man findet den Beitrag beispielsweise im Internet. hier: orgprints.org/33094/1/33094-11OE072-ti-barth-2017-muttergebundene-kaelberaufzucht.pdf Ein klassisches Beispiel für praxisferne Forschung auf der 'Insel der Glückseligkeit'...….

von Gerd Uken

Wenn sich unsere Politiker

Ernsthaft und seriös mit dem Thema beschäftigt hätten, dann wäre Ihnen als erstes auggefallen das man ja das Argentinische Steak auch mit 19% belasten muss und sie dann dafür sorgen das mit dem Geld die Feed Lofts auch tierwohlfreundlicher werden müssten. Was ist denn mit den Galloway Rindern, die werden mit 7% belastet weiterhin?! Oder müssen die Züchter jetzt sich Ställe bauen. Die EU wird das aber sowieso einkassieren - davon bin ich überzeugt. Was bleibt war ein Sommerlochfüller!!!

von wilfried Prof Dr. Brade

Herr Isermeyer bietet keine echte Lösung

Bekanntermaßen ist die EU ein Wirtschaftraum. Die Vorschläge von Herrn Isermeyer sind somit weltfremd. Erinnert werden darf auch daran, dass das Thünen-Institut bisher selbst kein einziges Haltungssystem für landwirtschaftlich genutzte Tiere entwickelt hat, obwohl jährlich über 80 Millionen € Steuermittel dem Thünen-Institut (pro Jahr!) bereitgestellt werden (wurden). Und wieder einmal: gute Nacht deutsche Agrarforschung....

von Rudolf Rößle

MWST

beim Bau sollten den Landwirten die MWST erlassen werden, so wir nd sein Neubau schon mal 19% billiger

von Ute und Heinrich Tietje

Leibeigenschaft, Lehnsherrenschaft läßt Grüßen.

Danke Herr Isermeyer, damit begibt sich die Deutsche Landwirtschaft zu 100 % in die Hände der wankelmütigen und nach Umfrageergebnis orientierten Politk. Wenn dann Dinge wie das Mercusorabkommen beschlossen werden bleibt die Deutsche Landwirtschaft im Regen stehen. Nach einem Regierungswechsel steht Mann nicht mehr im Wort, die Landwirtschaft ist umgebaut und muß sehen wie sie Global klarkommt. Erfahrungen aus der Vergangenheit.

von Thomas u. Helmut Gahse GbR

Sachverstand!

Leider ist der hier vorhandene Sachverstand in der Politik nicht gefragt.

von Paul Siewecke

Kernfrage gestellt!

Die richtige Frage ist im Artikel gestellt: Wo soll es hingehen mit der Tierhaltung! Soll eine stabile Produktionsbasis geben, soll es nur billig sein oder soll's ganz "dahingehen".... Erst wenn das entschieden ist, kann man sich über das "wie" auch ernste Gedanken machen!

von Volker Grabenhorst

Ein Schwein kann zwar nicht lesen, ist aber ein intelligentes Tier. Ganz sicher sogar intelligenter als manch ein Politiker

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