Landwirtschaft und Dorfbewohner haben sich stark voneinander entfernt

„Offenheit, Kommunikation und Aufrichtigkeit sind der Schlüssel zu Veränderungsvorhaben“, erklärte Dr. Simone Helmle von der Demeter Akademie in Darmstadt auf der DLG-Wintertagung in München. Sie führte in ihrem Beitrag aus, dass sich Landwirtschaft und Dorfbewohner stark voneinander entfernt haben.

„Offenheit, Kommunikation und Aufrichtigkeit sind der Schlüssel zu Veränderungsvorhaben“, erklärte Dr. Simone Helmle von der Demeter Akademie in Darmstadt im Rahmen der öffentlichen Veranstaltung des DLG-Ausschusses für Entwicklung ländlicher Räume auf der DLG-Wintertagung in München.

Sie führte in ihrem Beitrag aus, dass sich Landwirtschaft und Dorfbewohner stark voneinander entfernt haben. Dörfer seien heute sehr differenzierte und dynamische Standorte des Wohnens und des Arbeitens, des Wissens, der Mobilität und der Infrastrukturen, geprägt durch hohe Fluktuation der Bevölkerung und durch starke Individualisierung der täglichen Lebenspraxis.
 
Wie Dr. Helmle weiter ausführte sind dörfliche Lebenskontexte in permanenter Veränderung. Landwirtschaftliche Produktionsweisen würden sowohl von der städtischen als auch von der ländlichen Bevölkerung stark in Frage gestellt. Biogasanlagen, Tierhaltung und Stallbauten gehörten zu den Prozessen, bei denen die weit auseinanderliegenden Sichtweisen was und wie Landwirtschaft ist bzw. wie sie sein soll, ausgehandelt werden.

Die landwirtschaftlichen Vorhaben müssen Anerkennung und Legitimation durch die Betroffenen erfahren. Bei Bauvorhaben und Veränderungen der Flächennutzung gehe es vor allem um Kommunikation mit den Anwohnern und frühzeitige Mitwirkung. Es sei wichtig, dass Landwirte in direkten Kontakt zu den Bürgern kommen. „Die Betriebsleiter wollen Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen und selbst aktiv werden“, betonte Dr. Ralf-Peter Weber, Geschäftsführer des Bauernverbandes Anhalt. Es gebe Bedarf, die Grundversorgung für Bewohner und Mitarbeiter am Betriebssitz abzusichern. Hier könnten zusätzliche Geschäftsfelder aufgebaut werden.

Durch die betriebliche Diversifizierung könne das Familieneinkommen gesichert und die innerbetriebliche Wertschöpfung erhöht werden. Es gebe mittlerweile sehr positive Beispiele, wie die Nahversorgung durch landwirtschaftliche Betriebe gesichert werden kann. Beispielhaft seien Lebensmittelgeschäfte genannt, die unter anderem auch für viele nach der Wende arbeitslos gewordene Frauen eine Beschäftigung bieten.

Darüber hinaus würden Gaststätten die Versorgung der betrieblichen Angestellten und der Besuchergruppen sichern. Zudem würden Tankstellen, Werkstätten und der Verkauf von Ersatzteilen die Wege in ländlichen Regionen kürzer machen. „Diese Einrichtungen waren oft auch schon vor der Wende in Betrieb“, so Dr. Weber.
 
„Gesellschaftliches Leben unterstützen und ein Dorf aufblühen lassen, indem für mehr als das landwirtschaftliche Kerngeschäft Verantwortung übernommen wird“. Das ist die Devise von Silvio Reimann, Geschäftsführer der Milch-Land GmbH Veilsdorf in Südthüringen. Auf dem Betrieb werden 2.770 ha Ackerland und 2.000 ha Grünland bewirtschaftet, 2.200 Milchkühe, 400 Mastrinder und 500 Mutterschafe gehalten. Aktuell sind 130 Arbeitskräfte und 14 Lehrlinge in dem Betrieb beschäftigt.

Im Rahmen der Nebenbetriebe Landmarkt, Kantine, Milchcafé und Landhandel wurden in vier Jahren insgesamt 350.000,- € Investitionssumme eingesetzt, wovon 98.000,- € über Leadermittel als Zuschuss gezahlt wurden. In der Kantinenküche werden täglich ca. 400 Essen von Montag bis Sonntag für Mitarbeiter, Besucher, Kindergärten und Sozialstationen gekocht. Für den Landmarkt werden wöchentlich drei bis fünf Mastbullen aus eigener Nachzucht geschlachtet. Hier bekommt der Kunde alles, was man zum Leben braucht. Die Küche gab es schon zu DDR-Zeiten, aber es wurde kräftig erneuert und investiert.

Strukturwandel hält an

„Der Strukturwandel wird auch in Zukunft weitergehen“, erläuterte Prof. Dr. Alfons Balmann vom IAMO in Halle. In Relation zur Gesamtwirtschaft nehme die Bedeutung der Landwirtschaft für Wertschöpfung und Beschäftigung weiter ab. Innerhalb der landwirtschaftlichen Tretmühle stünden die aktiven Landwirte unter einem erheblichen Anpassungsdruck. Während sich für einen Teil der Landwirte aus Innovationen neue Entwicklungsperspektiven ergeben, sind diese für andere begrenzt bzw. gar nicht vorhanden.

Insgesamt sichere der landwirtschaftliche Strukturwandel in Richtung einer höheren Leistungsfähigkeit Wertschöpfung und Arbeitsplätze auf dem Lande.

Für die Sicherung von Akzeptanz moderner Landwirtschaft ist nach Ansicht von Prof. Balmann eine stärkere Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch landwirtschaftliche Betriebe jedoch essenziell. Ansonsten werde die Emotionalisierung und Polarisierung der Agrardebatten weiter eskalieren. Kleinteilige Strukturen erschwerten die Überwindung von Trittbrettfahrerverhalten.

Prof. Balmann erwartet, dass die Landwirtschaft einer weiteren gesellschaftlichen Entfremdung nur entkommen kann, wenn sie zusammen mit ihren Partnern in der Wertschöpfungskette sowie Verbänden und der Politik berechtigte gesellschaftliche Interessen wesentlich ernster nimmt als in der Vergangenheit.


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