Remmel: „Wir haben ein massives Antibiotika-Problem in der Massentierhaltung"

„Wir haben ein massives Antibiotika-Problem in der Massentierhaltung". Mit diesen provozierenden Worten hat NRW-Landwirtschaftsminister Johannes Remmel (Grüne) eine Studie zum Antibiotika-Einsatz in der Hähnchenmast vorgestellt. Demnach würden in 83 Prozent der Mastdurchgänge antimikrobielle Substanzen eingesetzt.

„Wir haben ein massives Antibiotika-Problem in der Massentierhaltung". Mit diesen provozierenden Worten hat NRW-Landwirtschaftsminister Johannes Remmel (Grüne) eine Studie zum Antibiotika-Einsatz in der Hähnchenmast vorgestellt. Demnach würden in 83 Prozent der Mastdurchgänge antimikrobielle Substanzen eingesetzt. Insgesamt wurden 96,4 Prozent der Tiere aus den untersuchten NRW-Betrieben mit Antibiotika behandelt, lediglich bei weniger als 4 Prozent der Masthähnchen kam kein Wirkstoff zum Einsatz. "Jahrelang ist von der Geflügelwirtschaft und der Bundesregierung aus Union und FDP immer wieder versichert worden, dass der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast nur die Ausnahme sei. Jetzt haben wir es schwarz auf weiß: Antibiotika-Einsatz ist die Regel und gängige Praxis", sagte Remmel bei der Vorstellung des Abschlussberichtes in Düsseldorf. "Der Einsatz von Antibiotika hat ein Ausmaß erreicht, der alarmierend ist", betonte der Minister. Die antibiotikafreie Hähnchenmast sei hingegen nur noch die Ausnahme. Die heute präsentierte Antibiotika-Studie ist das erste Gutachten in Deutschland, das den Einsatz von Antibiotika in der Hähnchenmast systematisch und umfassend untersuchte.
 

Die wichtigsten Studienergebnisse:


  1. 96,4 Prozent der Tiere aus den untersuchten Bestände erhielten Antibiotika. Die antibiotikafreie Hähnchenmast wurde nur bei 17 Prozent der Mastdurchgänge festgestellt. In 83 Prozent der Zuchtdurchgänge erfolgte der Einsatz von Antibiotika.
  2. Bei den untersuchten Zuchtdurchgängen kamen über die Lebensdauer der Tiere (30 bis 35 Tage) eine Vielzahl von Wirkstoffen zum Einsatz, teilweise bis zu 8 verschiedene Antibiotika. Im Durchschnitt wurden 3 verschiedene Wirkstoffe pro Durchgang verabreicht.
  3.  Die Dosierung mit Antibiotika betrug bei 53 Prozent der Behandlungen nur 1 bis 2 Tage und lag damit außerhalb der Zulassungsbedingungen für bestimmte Antibiotika. In Einzelfällen musste eine Behandlungsdauer von 26 Tagen festgestellt werden. Im Durchschnitt wurden den Tieren 7,3 Tage lang Antibiotika verabreicht.
  4. Bei kleineren Betrieben (< 20.000 Tiere) und bei besonders langer Züchtungsdauer (> 45 Tage) konnte der Zusammenhang festgestellt werden, dass in solchen Betrieben der Einsatz von Antibiotika unterdurchschnittlich war. Dieser Trend verläuft allerdings nicht linear.
  5. "Nicht nur der hohe Medikamenten-Einsatz ist überraschend, auch dass teilweise bis zu 8 verschiedene Wirkstoffe über einen sehr kurzen Zeitraum verwendet werden, zeigt, dass Antibiotika systematisch eingesetzt werden", so der Minister. Remmel: "Der massive Einsatz und die Art und Weise, wie die Medikamente verabreicht wurden, lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Entweder es handelt sich um Wachstumsdoping – was seit 2006 europaweit verboten ist. Oder aber das System der Tiermast ist derart anfällig für Krankheiten, dass es ohne Antibiotika nicht mehr auskommt. Das ist dann Gesundheitsdoping. Wenn es aber nur noch mit Antibiotika geht, dann ist für mich klar: Diese Art von Massentierhaltung wird aus rechtlicher und ethischer Sicht keinen Bestand haben können!"
 
Das Landesamt für Umwelt, Natur und Verbraucherschutz (LANUV) hatte im Auftrag des NRW-Verbraucherministeriums im Zeitraum Februar bis Juni 2011 insgesamt 962 Hähnchenzuchtdurchgänge aus 182 Beständen in NRW auf den Einsatz von antimikrobiellen Substanzen untersucht. Dazu lagen Daten der Gesundheitsbescheinigungen vor. Jede Bescheinigung beschreibt einen Mastdurchgang. Von den 962 Durchgängen erfolgte bei 163 Züchtungen (17 Prozent) keine Behandlung mit Antibiotika. Mindestens eine Behandlung erfolgte bei 799 Mastdurchgängen (83 Prozent).
 

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Die Studienergebnisse sind nach Remmels Aussagen bundesweit übertragbar. Die Studie ist eine Vollerhebung der relevanten Masttierbetriebe (15,2 von 19 Mio. Tieren). "NRW ist hier kein Sonderfall, sondern steht exemplarisch." Daher fordert der Minister jetzt politische Konsequenzen aus der Studie: "Wir müssen die Antibiotika-Ströme in der Tierzucht endlich offen legen, um den Ländern die Möglichkeit zu geben, schnell und umfassend zu handeln. Und wir müssen einen Nationalen Aktionsplan haben, der dafür sorgt, dass der Antibiotika-Einsatz in der Tiermast zügig und substantiell reduziert wird. Ebenso sollte das Ziel einer grundsätzlich antibiotikafreien Tierhaltung in einem bestimmten Zeitraum angestrebt werden. Die Bundesregierung steht jetzt in der Pflicht."
 
 
 
 
Das NRW-Verbraucherschutzministerium hat als Konsequenz aus der ersten systematischen und vollständigen Antibiotika-Studie in der Bundesrepublik einen umfangreichen Forderungs- und Maßnahmenkatalog vorgestellt:
 

  1. Nationaler Antibiotika-Reduktionsplan
  2. Transparenz statt Verschleierung
  3. Verbindlichkeit von Leitlinien
  4. Risikoorientierte Überwachung
  5. Schärfere Kontrollen in NRW
  6. Stärkere Überprüfungen des Antibiotika-Einsatzes
  7. Tierschutz muss gestärkt werden
  8. Prüfung neuer Lebensmittelkennzeichnungen
  9. Schutz der Umwelt vor Bioaerosole
 
 
 
Die Studie, weitere Unterlagen und ein ausführliches Online-Interview mit
Minister Remmel zum Thema finden Sie unter folgendem Link:
www.antibiotikastudie.nrw.de

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Artikel geschrieben von

Alfons Deter

Redakteur top agrar Online

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