Antwort von Detlef Flintz auf Offenen Brief

Detlef Flintz Detlef Flintz
Bild: WDR

Über den Kommentar von Detlef Flintz, Leiter Programmgruppe Wirtschaft und Recht beim WDR, vergangene Woche in den Tagesthemen hatte sich Dr. Heike Müller vom Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern sehr geärgert. Sie schickte ihm einen Offenen Brief. Auf diesen hat der Journalist nun geantwortet:

"Sehr geehrter Frau Dr. Müller,

vielen Dank für Ihre kritische Auseinandersetzung mit meinem Kommentar in den ARD-Tagesthemen vom 26. Juli und insbesondere dafür, dass es Ihnen gelungen ist, jene sachlich zu halten.

Lassen Sie mich zunächst festhalten, dass das von mir angesprochene Mitleid und die Anerkennung einer Leistung sich nicht ausschließen. Insofern zolle ich den Landwirten, die sich in einer ausgesprochen schwierigen Situation befinden, auch meinen Respekt.

Dennoch muss die Frage nach der Verantwortung für Ernteausfälle von zugegeben dramatischem Ausmaß erlaubt sein. Und da bestätigen Sie, sehr geehrte Frau Dr. Müller, leider mein Bild einer Interessenvertreterin, die das eingetretene Drama für nahezu unvermeidlich hält – und die Notwendigkeit eines einschneidenden Wandels nicht sieht: Wenn Sie auf den aus Ihrer Sicht mit sieben Prozent niedrigen Anteil der Treibhausgas-Emissionen verweisen, soll ich dann daraus schlussfolgern, dass nur die für die Rettung des Klimas verantwortlich sind, die mehr emittieren?

Und soll ich Ihre Erwähnung der Quelle – Pressemeldung Umweltbundesamt – als eine Art „Freispruch“ werten? Letzteres tue ich natürlich nicht, denn schon in einem nur wenig ausführlicheren Text erläutert dieselbe Behörde: „Die Möglichkeiten zur Senkung der Emissionen sind vielfältig und werden in unterschiedlichen Bereichen der landwirtschaftlichen Produktion wirksam. Neben Maßnahmen der Stickstoffeffizienz (gleicher Ertrag mit weniger Einsatz…bieten sich erhebliche Potenziale im Düngemanagement und in der Pflanzen- und Tierproduktion.) Sie sehen, Journalisten lesen nicht nur Pressemitteilungen…

Ich kann Ihnen versichern: In den zahlreichen kritischen Reaktionen auf meinen Kommentar habe ich den Hinweis auf die „nur sieben Prozent“ nicht nur einmal vernommen, und fast immer verbunden mit einer fehlenden Bereitschaft zur Veränderung. Darüber wiederum muss man sich nicht wundern, wenn auch die Bauernspitze die entsprechende Notwendigkeit nicht sieht und demzufolge auch nicht propagiert.

Einverstanden bin ich mit dem Slogan „Evolution statt Revolution“. Allerdings haben wir beide offenbar nicht dasselbe Verständnis vom Entwicklungstempo. Die von Ihnen angesprochene Düngeverordnung mag als gutes Beispiel gelten: Zunächst wurde die Absicht einer Novellierung von vielen Bauernvertretern skeptisch beäugt, nach deren Verabschiedung in 2017 kam dann die Kritik (und zwar nicht nur an dem angeblichen zusätzlichen Bürokratieaufwand, sondern auch an den Beschränkungen der Düngung, so etwa von Ihren thüringischen Kollegen) – und jetzt ist es ausgerechnet diese Düngeverordnung, die herhalten muss als Bollwerk gegen das jüngste EuGH-Urteil und damit verbundene Forderungen nach weiteren Maßnahmen zum Gewässerschutz. Man kann es auch so formulieren: soviel Evolution wie (aufgrund des gesellschaftlichen Drucks) gerade nötig und nicht soviel wie möglich.

Diese Haltung, das Mögliche möglich zu machen, benötigen wir aber meines Erachtens. Und dafür muss man die Landwirtschaft nicht auf den Kopf stellen –auch wenn Sie meinen Kommentar so ausgelegt wissen wollen: Nur Öko-Landwirtschaft? Habe ich nicht gefordert. Und sonst helfen nur noch Hofläden und Ferienwohnungen? Habe ich nicht behauptet. Ich habe sie nur als Beispiele genutzt für Diversifizierung – und für unternehmerische Phantasie. So wie sie beispielsweise auch ein Weseler Landwirt hat, über den ich zufällig am Wochenende las, dass er nunmehr Hausboote auf einem nahegelegenen See vermietet. Den Bauernhof behält er demnach trotzdem, nur von der Milchwirtschaft hat er sich getrennt.

Sie zeigen sich solcher Diversifizierung gegenüber skeptisch und schreiben von Spezialisierung als einem ökonomischen Gesetz. Abgesehen davon, dass ich kein Freund von solchen Allgemeinplätzen bin: In jedem Fall gehört zu den ökonomischen Gesetzen, dass Unternehmen vom Markt verschwinden, wenn die Spezialisierung nicht funktioniert hat. Sie aber predigen die Spezialisierung und wenn es dann mal nicht klappt, soll der Staat herhalten – wenn ich Sie richtig verstanden habe.

Um den Bogen zurück zur Düngeverordnung – und dem zugrundeliegenden Problem des Gülleüberschusses und damit verbundener unvertretbar hoher Nitratwerte im Grundwasser vieler Regionen – zu schlagen: Ein erster evolutionärer Schritt wäre für mich die Erkenntnis, dass es volkswirtschaftlich und umweltpolitisch keinen Sinn macht, in einem Bundesland wie NRW mit seiner hohen Bevölkerungsdichte Hochburgen der Viehzucht zu haben, wenn der Export von Gülle wer weiß wohin erfolgen muss – weil die heimischen Flächen schon überdüngt sind.

Der zweite Schritt wäre für mich, sich nicht darauf auszuruhen, dass die Düngeverordnung erst in vielen Jahren Ergebnisse zeitigen kann – sondern zur Kenntnis zu nehmen, dass viele Experten der Düngeverordnung ein Scheitern voraussagen (und wir in vielen Jahren wieder bei Null anfangen). Evolution wäre also für mich, schon jetzt darauf hinzuarbeiten, weniger Fleisch mit höherer Qualität zu besseren Preisen zu produzieren – was nicht nur in Richtung einer umweltfreundlicheren Kreislaufwirtschaft ginge und die Nitratwerte gewiss senken würde, sondern auch positive Ernährungseffekte hätte.

Ich ahne es, Sie vermuten in mir wieder einen, der die Leute per Zwangswirtschaft zum „Vegetarier-Glück“ zwingen will, während sie auf Selbstbe-stimmung der Menschen und Marktpreise setzen. Rein vorsorglich mein Widerspruch gegen dieses Bild: Wenn man auf einem Sektor ganz gewiss ohnehin nicht von Marktwirtschaft sprechen kann, dann ist es der hochsubventionierte Agrarmarkt.

Und wenn Sie kritisieren, dass es für Bioprodukte eine höhere Flächenprämie gibt, dann antworte ich: Genau dies ist angemessen, weil diese Art des Wirtschaftens weniger Umweltschäden und mithin Kosten verursacht. Denn in einem Kilo Schweinesteaks für zum Bei-spiel 5,50 Euro sind die Umweltschäden nicht eingepreist.

Wir sollten also Versuche, das Preisniveau zu heben, nicht als Gängelung und/oder hoffnungslos diskreditieren, sondern als, wie andere Länder zeigen, realistische Option, Landwirtschaft und Umweltschutz zu betreiben. Das wird nicht einfach sein, ich weiß. Aber mit Funktionärinnen und Funktionären, die ihren Mitgliedern so wenig Notwendigkeit zur Veränderung signalisieren – und den Versuch, höhere Preise zu erzielen, nicht als evolutionär sondern als revolutionär ansehen – wird es noch schwerer. Unnötigerweise.
Ich würde mich freuen, würden Sie auch diese Zeilen in den Verteiler Ihres offenen Briefes geben. Für einen weiteren Austausch stehe ich gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Detlef Flintz"

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9 Leserkommentare Kommentieren

  1. von Christop Bommes · 1.
    Sachlich sieht anders aus!

    D. Flintz lobt die die Sachlichkeit der Antwort durch Frau Müller - um selbst im nächsten Absatz wieder gewohnt unsachlich zu werden und alte Feindbilder heraufzubeschwören. Herr Flintz und seine grünen Wasserträger sind für Landwirte das, was AfD und CSU für Migranten sind - eine Bedrohung durch andauernde Unterstellung.

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  2. von Karin Wyss · 2.
    Wohlstandserkrankung

    Deutschland insbesondere gewisse besser betuchte leiden wohl an einer Wohlstandserkrankung. Man verfügt über ein grosses Wissen und hat bereits begriffen, dass irgendwie alles zusammenhängt. Jedoch ist es offenbar total vergessen gegangen wie sich diese Zusammenhänge verhalten und welche Einflüsse grösser und stärker sind. Selbstverständlich ist die Landwirtschaft nicht immer ganz Unschuldig, aber wer kann das Heute noch von sich behaupten. Ich jedenfalls kenne Niemanden der als Selbstversorger ohne äußerliche Einflüsse lebt. Gerne können wir die ganze Landwirtschaft auf Bio umstellen, aber aktuell können sich halt nicht alle Bio-Lebensmittel leisten und es wollen ja alle Leute in Deutschland genug zu essen haben. Deshalb ist staatliche Hilfe auch rechtens.

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  3. von Wilhelm Grimm · 3.
    Bereits Frau Künast hat als Ministerin versucht, einen Keil zwischen Bauernverband und deren Mitgliedern zu treiben.

    Das ist ihr nicht gelungen, dafür ist ihr Fachwissen zu dünn gewesen. Der grüne Herr Flintz versucht aus dem sicheren Hafen eines öffentlich rechtlichen Senders das gleiche Spiel, leicht durchschaubar.

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  4. von Rita Kienberger · 4.
    Er hat Recht!

    Genauso werden wir in der Öffentlichkeit wahrgenommen.Die Bauern lehnen alles ab,reagieren nur auf Druck und sind ständig auf Staatsgelder angewiesen. Die neue Düngeverordnung ist das Papier nicht wert! Ehrlichkeit würde uns weiterhelfen.

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  5. von Rudolf Rößle · 5.
    Personen

    mit denen ich über Landwirtschaft gesprochen habe waren alle interessiert und aufmerksam bei der Sache . Mir persönlich ist noch niemand blöd gekommen . Selbst hinterfrage ich meine Arbeit und versuche die finanziellen Mittel gezielt einzusetzen, was bei diesen Erzeugerpreisen eine Kunst für sich ist.

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  6. von Christian Bothe · 6.

    "Ein Kommentar erübrigt sich eigentlich!" So sehe ich das auch H. Steffek. Im übrigen habe ich ja schon am 27.07.18 die "journalistischen Agrarqualitäten" des Herrn Flintz hervorgehoben und einen entsprechenden Kommentar an den WDR gesandt,und ich denke Fr. Dr. Müller hat in ihrem offenen Brief alles korrekt dargestellt.

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  7. von Wilhelm Gebken · 7.
    @Gerhard Steffek: Ich habe eine Antwort versucht.

    Ich habe drei Seiten nur zu Flintz´s Behauptung, "Und wenn Sie kritisieren, dass es für Bioprodukte eine höhere Flächenprämie gibt, dann antworte ich: Genau dies ist angemessen, weil diese Art des Wirtschaftens weniger Umweltschäden und mithin Kosten verursacht. Denn in einem Kilo Schweinesteaks für zum Beispiel 5,50 Euro sind die Umweltschäden nicht eingepreist." geschrieben. Seine Aussage ist kompletter Unsinn. Aber um nur diesen einen Punkt sachlich zu widerlegen, müsste ich ein Buch schreiben! Wenn ich meine drei fachlich korrekten Seiten dazu durchlese, komme ich mir vor wie ein Depp, der versucht sich zu rechtfertigen. Es macht also gar keinen Sinn "den Dialog" mit solchen Leuten zu suchen. Ich kann daher nur appellieren nach Möglichkeiten zu suchen, wie wir diese Leute in ihre Schranken verweisen und sie dazu bekommen, endlich wieder ihre Arbeit sorgfältig zu machen, anstatt wie SED-Agitatoren das Volk zu verdummen.

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  8. von Michael Behrens · 8.
    GEZ finanziert!

    Herr Flintz, Sie erhalten ein Einkommen von einer Medienanstalt, diese wiederrum wird durch eine staatlich aufgezwungene Gebühr finanziert! Der Staat schützt Sie! Daher ist es ihr Auftrag neutral zu berichten und nicht die Moral Keule zu schwingen! 7% Immissionen aus der Landwirtschaft! Nicht mehr und im Moment auch noch nicht weniger! 93 % produzieren Andere! Dafür darf die Landwirtschaft aber 100% Klima aushalten, oder muss damit zurecht kommen!

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  9. von Gerhard Steffek · 9.
    Ein Kommentar erübrigt sich eigentlich!

    Wie ich schon geschrieben habe: Abgehoben, fern der Realität, zugleich aber auch empathielos. Man möchte meinen er hätte Betriebswirtschaft studiert, na ja, Wirtschaftswissenschaften hat er ja. Aber Betriebswirtschaftler der ersten Stunden wurden da mehr oder weniger zu empathielosen Zahlenjongleuren herangezogen denen das Schicksal des einzelnen Menschen am Arsch vorbeiging. Und so kommt er mir vor. Das Ganze ist aber mehr als die Summe der einzelnen Werte. Dazu gehört auch der Mensch und den kann man nicht in Zahlen fassen.

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