Kritischer Zeitungsartikel

„Die Bio-Lüge“: Die ZEIT über Ökolandwirtschaft unter Kostendruck

"Unternehmen, die Bio-Waren herstellen, versuchen systematisch, die Bio-Gesetze zu umgehen. Sie panschen bei Lebensmitteln und pferchen Tiere in beengte Ställe". So beschreibt die ZEIT ihre Recherchen

Die Zeitung „ZEIT“ hat vergangene Woche unter dem Titel „Die Bio-Lüge“ mit der Ökolandwirtschaft abgerechnet. Die Autorin spricht diverse Probleme an, wo sie Verbraucher getäuscht sieht.

Längst sei die Biolandwirtschaft den gleichen ökonomischen Zwängen unterworfen wie die konventionelle. Fernab des Idealismus der Pionierzeit mit dem Wunsch nach Agrarwende sei sie heute ein knallhartes Geschäft. Es gehe darum, die Bioregeln so eben einzuhalten, um in deren Rahmen dann zu expandieren und zu intensivieren.

Am Anfang steht der Stalleinbruch

Den Einstieg des inzwischen hitzig debattierten Berichtes in der ZEIT markiert ein Einbruch von Tierrechtlern in einen Biogeflügelstall. Die Autorin war bei einer Aktion von Animal Rights Watch dabei. Der Betrieb hält 30.000 Hennen.

Dazu schreibt die Zeitung: „Betrachtet man die Bilder (…) könnte man denken: Das ist ein Skandal, weil hier Landwirte gegen das Gesetz verstoßen. Aber das tun sie nicht. Die EU-Verordnung erlaubt durchaus, dass Tausende Hennen so eng beieinander leben. Auf den Eierpackungen der Geflügelhöfe ist deshalb, rein juristisch gesehen, vollkommen zu Recht das staatliche Bio-Siegel aufgedruckt.“ Für die Tierrechtler sei das der eigentliche Skandal.

Ebenso empört sind die Aktivisten über die weiteren Siegel des besuchten Hofes: Mitglied im regionalen Verbund „Ökohöfe“ und Mitglied bei „Naturland“. Gerade zu letzterem zitiert die ZEIT aus den Statuten, wonach Naturland für „nachhaltiges Wirtschaften“, für „Natur- und Klimaschutz“ stehe. Legehennen sollten „ihr natürliches Verhalten ausleben können“. Die Ställe preise Naturland als „Zweiraumwohnung“ an.

Tierretter

Tierretter (Bildquelle: picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg)

Unschöne Bilder, aber OK

Auf Nachfrage bei dem Bioverband erklärte ein Sprecher der Zeitung, die Hühner zeigten „das normale Verhalten bei Nacht“. Das enge Zusammensitzen sei keineswegs ein Hinweis auf mangelnden Platz. Zur Zeit des Stalleinbruchs im Juni sei die Herde vom Tierarzt wegen einer Streptokokken-Infektion behandelt worden. „Vermehrtes Federpicken“ könne geschehen, wenn in einer Herde viele Tiere krank seien. „Einzelne Tierverluste kommen immer vor“, zitiert die ZEIT den Naturlandsprecher. Weiter hieß es, die Fotos der Tierrechtler seien „nicht wirklich repräsentativ“ und zeigten „nicht das Bild von Bio“, dass Naturland anstrebe.

Und der Verbund Ökohöfe teilte der Zeitung mit, den betreffenden Betrieb besichtigt zu haben; die Legehennen seien „in einem guten Zustand“. Die Autorin merkt dazu ironisch an, dass das formal auch stimme: Die „kahl gepickten Bäuche, die Entzündungen und die Platznot“ stellten keinen Bruch mit den eigenen Standards dar.

Was aber auf jeden Fall gebrochen werde, sei das Versprechen an die Kunden. Denn das Biosiegel vermittle Vertrauen, dass es sich wirklich um artgerechte Tierhaltung handele. Und dafür zahlten die Verbraucher schließlich auch „ziemlich viel Geld“. Die Journalistin fragt daher, ob das gerechtfertigt ist, denn die Wirklichkeit sehe anders aus.

Bio-Möhren

Bio-Möhren (Bildquelle: picture alliance / dpa-tmn | Marc Müller)

Branche hält dicht - Medien entdecken Verstöße

Es folgt eine Auflistung von Kontrollberichten der Bioprüfstellen von verschiedenen Ökohöfen, wo es ungewöhnlich hohe Sterberaten gab oder wo Kontrolleure Verstöße bei Auslauf, Futter, Enthornung, Antibiotikaeinsatz, Brunstsynchronisation mit Hormonen etc. feststellten. Darunter auch Mitglieder von Naturland, Bioland und Demeter.

Dazu schreibt die ZEIT: „Es gibt Bio-Landwirte, die sich demselben Prinzip unterwerfen, das auch in der konventionellen Landwirtschaft gilt. Es ist das Prinzip der Masse. Ein Prinzip, dass Geschwindigkeit, Effizienz und Kostenersparnis über das Wohl von Tieren und Menschen stellt. In Teilen folgt Bio längst der Logik der industriellen Landwirtschaft.“

In dem Zuge bedauert die ZEIT auch, dass Biotiere an konventionellen Schlachthöfen verarbeitet werden inklusive langer Transportfahrten. Kritisch erwähnt wird der Konzern Tönnies, der bekannt sei für „ausbeuterische Arbeitsbedingungen und Profitmaximierung“. Zudem wird angeprangert, dass das Innere der Schlachthöfe auch für die Kontrolleure eine Blackbox sei.

Betriebskontrolle

Betriebskontrolle (Bildquelle: Höner)

Systemfehler: Bauern bezahlen Kontrolleure

In der Zeitung prangert Bernhard Aue, Abteilungsleiter im Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, an, dass die vorliegenden Berichte über Verstöße nur die Spitze des Eisbergs seien. Die Kontrollstellen seien privatwirtschaftliche Unternehmen. Sie beurteilten im Auftrag der Landesbehörden, ob die EU-Verordnung eingehalten wird. Bezahlt werden die Prüfstelle aber von den Biobetrieben selbst. Dadurch drohe eine Interessenkollision: Der Kontrollierte erwartet vom Kontrolleur, dass der ein möglichst gutes Ergebnis liefert, sagt Aue. Er vermutet, dass es auch zwischen Bio-Bauern und Kontrolleuren „ungute Verstrickungen“ gibt.

Erwähnt wird in diesem Zusammenhang, dass die Kontrollstelle ABCert vor 30 Jahren aus dem Bioland-Verband hervorging und 17.000 Kunden habe. Bioland sieht hier auf Nachfrage der ZEIT keine Probleme und verweist auf eine organische Entwicklung. Zudem werde die Kontrollstelle staatlich überwacht und sei unabhängig.

Im weiteren Artikel kritisiert die ZEIT, dass die großen Bio-Skandale der jüngsten Zeit nicht durch Öko-Kontrollen, sondern durch Medienberichte oder Tipps von Insidern ans Licht gekommen seien. „Die richtig dicken Fische bekommen wir in den Kontrollberichten gar nicht zu sehen“, vermutet Abteilungsleiter Bernhard Aue. Und wenn einer auspackt, dann nur anonym. Keiner wolle Aufträge verlieren. Weitere Beispiele präsentiert die ZEIT zum Thema Abokisten und Gemüse.

Gefangen im ökonomischen Unterbietungswettbewerb

Prof. Albert Sundrum

Prof. Albert Sundrum (Bildquelle: Uni Kassel)

Für Prof. Albert Sundrum von der Uni Kassel ist die ökologische Landwirtschaft in ihrem Bemühen gescheitert, ein tragfähiges Konzept für die Lösung von zentralen Problemen der Landwirtschaft zu entwickeln. Das sei einst der Anspruch der Bio-Pioniere gewesen. „Es ist nicht damit getan, den Tieren mehr Platz zur Verfügung zu stellen und auf den Einsatz von mineralischem Stickstoffdünger und Pestiziden zu verzichten“, sagt er. In allen Bereichen sei in den letzten 15 Jahren eine Veränderung zu beobachten gewesen. Seiner Meinung nach schaffen es die Landwirte nicht, die Tiere gesünder zu halten. Nicht nur die konventionellen, auch die Ökobetriebe seien gefangen in einem ökonomischen Unterbietungswettbewerb.

Laut Prof. Sundrum hat der Handel auf dem Biomarkt inzwischen das Zepter übernommen, er spricht von der „Aldisierung des Öko-Marktes“. Ob die Tiere krank sind oder nicht, spiele auf diesem modernen Öko-Markt keine Rolle für den Preis, den der Landwirt für seine Ware bekommt. „Der Handel rechnet in Kilogramm und Liter – und nicht etwa in Gesundheit und Wohlergehen der Tiere“, sagt Sundrum.

Sundrums Modell-Vorschlag

Laut dem Fachmann müsste man für jeden Hof einzeln erfassen, wie krank die Tiere sind und wie viele sterben. Man müsste auch überprüfen, wie viele Schadstoffe, also Dünger, Pestizide und Antibiotika, der Betrieb in die Welt setzt – all das in Relation zu den erzeugten Produkten. Je gesünder die Tiere und je niedriger die Schadstoffbelastung, desto höher wäre die Qualitätskategorie, in die der Betrieb eingestuft würde. Und desto höhere Preise könnten die Betriebe verlangen. Der Gewinn der Landwirte wäre also davon abhängig, wie es ihren Tieren geht und wie stark sie die Umwelt und das Klima belasten.

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BÖLW verärgert

BÖLW

Als Dachverband der Bioverbände muss der BÖLW den Artikel verurteilen. (Bildquelle: Logo)

In einer Pressemitteilung wehrt sich der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) gegen die Vorwürfe: "50.000 Bio-Betriebe aus Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel grundsätzlich zu diskreditieren, das ist absolut unangemessen“, sagt Peter Röhrig, geschäftsführender Vorstand des Dachverbandes.

Bio sei der am strengsten kontrollierte Teil der Land- und Lebensmittelwirtschaft. Röhrig betont: „Wer so engmaschig kontrolliert, findet Abweichungen, die natürlich auch sanktioniert werden.“ Im Schnitt werden Bio-Betriebe 1,3-mal im Jahr kontrolliert.

Bio ist seiner Meinung nach der weitgehend gelungene Spagat, produktiv gute Lebensmittel zu erzeugen und gleichzeitig verantwortungsvoll mit öffentlichen Gütern wie dem fruchtbaren Boden, der Artenvielfalt oder der Luft- und Wasserqualität umzugehen. Wissenschaft zeige immer wieder, dass Bio als System beim Umwelt- und Ressourcenschutz deutliche und messbare Vorteile bringt. Untersuchungen von Bio-Lebensmitteln bestätigten, dass Bio u.a. deutlich weniger mit Schadstoffen belastet sind.

Naturland: "Bewusstes Missverständnis"

Nach Auffassung des Anbauverbandes Naturland werden die Folgen der scharfen Kontrollen über die hohen Standards im eigenen Verband und in anderen Ökoerzeugerverbänden immer wieder von Medien „bewusst missverstanden und skandalisiert“.

Nun habe sich „DIE ZEIT“ über vermeintlich tricksende, panschende Ökolandwirte echauffiert. Dazu seien Fälle und Berichte herangezogen worden, die überhaupt nur aufgrund der engmaschigen Kontrollen der Ökolandwirtschaft schon vor Jahren aufgedeckt und geahndet worden seien, so Naturland.

Ebenfalls nicht neu sei, dass selbsternannte Tierschützer - in diesem Fall die Organisation Animal Rights Watch - heimlich in Ställen Fotos aufnähmen und als vermeintliche Belege von Tierquälerei an Medien weitergäben. Auf diesem Weg seien Bilder kranker Hühner eines Naturland-Betriebs in Mecklenburg-Vorpommern an „DIE ZEIT“ gelangt. In diesem Betrieb hätten sich Streptokokken verbreitet. Eine solche Infektion holten sich die Tiere in der Regel bei feuchtem Wetter im Auslauf.